Wie können Destinationsmarketing-Organisationen ihre Partner dabei unterstützen, nachhaltiger zu werden? Barbara Walther ist Manager Nachhaltigkeit und Qualitätsmanagement bei Zürich Tourismus und gibt wertvolle Einblicke in ihre Arbeit.

Barbara Walther, Manager Nachhaltigkeit und Qualitätsmanagement bei Zürich Tourismus. (ZVG)
Nachhaltigkeit ist natürlich ein grosses Thema mit sehr vielen Akteuren. Wir als Destinationsmarketing- und Entwicklungs-Organisation sind vor allem Impulsgeberin und Vernetzerin, viele Massnahmen können wir nicht selbst umsetzen. Eine grosse Herausforderung ist die Messbarkeit: Wer eine Wirkung erzielen will, muss das auch verifizieren können. In diesem Bereich gibt es sicher noch viel Potenzial. Ein weiteres Thema ist der Zielkonflikt zwischen Tourismus und ökologischem Fussabdruck – die Mobilität nimmt immer mehr zu, es wird erwartet, dass die Gästeströme in Europa bis 2035 um bis zu 40 Prozent wachsen. Ein wichtiger Hebel ist die Anreise. Die gemeinsam mit dem Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich initiierte Studie «Nachtsprung Zürich 2040» untersucht das Potenzial von Nachtzügen und Nachtbussen und zeigt Perspektiven für klimaverträglichere Reiseangebote auf.
Es wird sehr vieles gemacht – sowohl von den Akteuren der Tourismusbranche als auch von der Stadt Zürich. Das zeigt sich zum Beispiel beim Netto-Null-Ziel und bei Gebäuden. Es konnten bereits viele Heizsysteme auf erneuerbare Energien umgerüstet werden und Massnahmen zu mehr Energieeffizienz umgesetzt werden. Zudem sehen wir, dass die Nachhaltigkeit systematisch verfolgt wird. Nicht mit vereinzelten Massnahmen, sondern in den Alltag integriert – sie wird quasi ständig mitgedacht. Auch der Austausch untereinander klappt sehr gut: Was funktioniert, was nicht? Hier können die Betriebe einander wertvolle Erfahrungen mitgeben.
Wir sehen zum Beispiel, dass sich kleinere und mittlere Betriebe, die nicht zu einer Kette gehören, schwerer tun mit Zertifizierungen. Die Führungspersonen sind oft auch operativ tätig und stark ins Tagesgeschäft eingebunden, so dass weniger Zeit bleibt. Zudem ist es nicht immer einfach, die Mitarbeitenden in Nachhaltigkeitsmassnahmen und deren Umsetzung einzubinden. Auch die Kommunikation gegenüber Gästen braucht Sorgfalt: Statt allgemeiner Nachhaltigkeitsversprechen sollten Betriebe konkret erklären, was sie umsetzen und was eine Auszeichnung tatsächlich bestätigt. So wird ihr Engagement nachvollziehbar und kann auch die Positionierung stärken.
Sehr wichtig. Wir arbeiten beispielsweise mit der Stiftung Claire & George zusammen, die sich auf barrierefreies Reisen spezialisiert hat. Gemeinsam mit anderen Regionen haben wir so die «Accessible Tour of Switzerland» lanciert. Alleine hätte das niemals funktioniert. Durch die Zusammenarbeit standen uns weitere Experten zur Verfügung. Zudem ist es immer gut, wenn man Themen, die alle Destinationen betreffen, gemeinsam umsetzen kann. Aber auch innerhalb der Destination Zürich helfen Partnerschaften, um von den Erfahrungen anderer zu lernen, Synergien zu nutzen und sich auszutauschen. Hier können wir als Vernetzerin wichtige Partnerschaften ermöglichen und anstossen.
Ein zentrales Projekt ist, Betriebe bei einer Zertifizierung zu unterstützen. Ergänzend stellen wir praktische Informationen bereit und greifen Nachhaltigkeitsthemen in unseren Kommunikationskanälen und an Partneranlässen auf. Über unsere Website machen wir zudem engagierte Hotels und weitere Angebote sichtbar und erleichtern Gästen die Orientierung.
Wir bezahlen 80 Prozent der Kosten, die im Zusammenhang mit einer Zertifizierung entstehen – bis maximal 6000 Franken. Und das für jeden Betrieb zweimal. Von dieser Unterstützung können alle City-Tax-zahlenden Betriebe in der Region Zürich und Zürichsee profitieren.
Das Thema Nachhaltigkeit ist sehr kontextabhängig – für einen kleinen Gastronomiebetrieb stellt sich die Situation anders dar als für ein Fünf-Sterne-Hotel. Je nach Betriebsart und Ausgangslage sind unterschiedliche Massnahmen sinnvoll. Für alle aber gilt: Das Engagement für mehr Nachhaltigkeit ist eine fortlaufende Aufgabe. Das Thema muss in jede Entscheidung miteinfliessen. Egal, wo man sich auf der Reise befindet, es gibt immer einen nächsten Schritt. Zu Beginn lassen sich oft mit überschaubarem Aufwand Verbesserungen erzielen, etwa indem man Lebensmittelabfälle reduziert oder den Energieverbrauch optimiert. Je weiter fortgeschritten ein Betrieb ist, desto gezielter muss er seine Abläufe analysieren und weiterentwickeln. Dafür braucht es eine klare gemeinsame Vorstellung davon, was der Betrieb erreichen will – eine Führung, die dies vorlebt, und Mitarbeitende, die einbezogen werden und die Massnahmen mittragen.
Ich persönlich sehe grosses Potenzial in der Kreislaufwirtschaft. Wir müssen als Destination, als Stadt und als Gesellschaft allgemein versuchen, die Ressourcen länger im Kreislauf zu behalten. Es gibt bereits spannende Initiativen zum Beispiel im Kultur- und Eventbereich zur Wiederverwendung von Materialien bei Veranstaltungen oder dazu, wie überschüssige Lebensmittelreste weiterverteilt werden können.
Wir führen seit Jahren regelmässige Bevölkerungsbefragungen durch. Dieses Jahr gab es zum ersten Mal vier Befragungen, um auch saisonale Schwankungen besser zu verstehen. Uns ist es wichtig, eine Datengrundlage zu haben, und uns bei solchen Fragen nicht nur auf intuitive Gefühle zu verlassen. Wir sehen, dass die Tourismusakzeptanz in Zürich sehr hoch ist. Man merkt aber auch, dass die Sensibilität für das Thema zunimmt. Deshalb verfolgen wir die Wahrnehmung laufend und nehmen Anliegen zu Dichtestress, Verkehr oder der Nutzung öffentlicher Räume ernst. Solche Fragen haben unterschiedliche Ursachen; wichtig ist, den Beitrag des Tourismus differenziert zu betrachten. Unser Ziel ist eine Entwicklung, die auch der lokalen Bevölkerung zugutekommt und die Lebensqualität erhält.
Kongresse erwirtschaften schon dadurch Wertschöpfung, dass sie Gäste nach Zürich bringen, die hier übernachten und Geld ausgeben – erwiesenermassen durchschnittlich mehr als ein Freizeitgast. Was man aber nicht auf den ersten Blick sieht, ist der Mehrwert, den solche Gäste für das Fachwissen in der Region bringen. In gewissen Themenbereichen ist in Zürich sehr viel Expertise vorhanden, und Kongresse verstärken das noch. Wir versuchen, das zu fördern, indem wir die Brücke zur Bevölkerung schlagen und die Erkenntnisse breiter verfügbar machen. So haben wir beispielsweise gemeinsam mit der Klinik für Geburtshilfe des Universitätsspitals Zürich einen Stand am Hauptbahnhof organisiert, um den Pendlerinnen und Pendlern Wissen zur Verfügung zu stellen. Oder aktuell erarbeiten wir gemeinsam mit der Milchjugend einen Leitfaden für queerfreundliche Veranstaltungen.
Wir haben eine Nachhaltigkeits-Richtlinie, welche gewisse Umsetzungsstandards voraussetzt, zum Beispiel bei der Organisation von Events, der Beschaffung von Material oder auch bei Geschäftsreisen. Zudem haben wir eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie und einen Massnahmenkatalog erarbeitet, welcher von allen Geschäftsbereichen getragen und umgesetzt wird. Unser Umweltmanagementsystem wird jährlich extern nach dem ISO-Standard überprüft. Ausserdem engagieren wir uns aktiv für die Weiterentwicklung unserer Mitarbeitenden und organisieren regelmässig interne Schulungen und beteiligen uns an externen Weiterbildungen.
Ein Schwerpunkt ist die Weiterentwicklung unserer Arbeit im Rahmen der EarthCheck-Zertifizierung. Dazu gehören die Aufbereitung der Daten und die Überprüfung unserer Fortschritte. Der diesjährige Fokus liegt auf Hitzeminderung, Inklusion und der nachhaltigeren Organisation von Veranstaltungen. Und im November stehen die Sustainable Tourism Days des Schweizer Tourismus-Verbands in Bern an – ein wunderbarer Anlass, um sich auszutauschen und voneinander zu lernen.
(Angela Hüppi)
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