Wie Hotels vom Longevity-Trend profitieren

Gesunde Snacks, bessere Öffnungszeiten, Lärm-Check: Oft reichen vergleichsweise einfache Mittel, um als Hotel das Thema Longevity für sich zu nutzen.

Eine gesunde Ernährung im Hotel sollte nicht komplizierter sein als eine ungesunde. (Lngvty)

Das Thema ist derzeit in aller Munde: Longevity bedeutet soviel wie Langlebigkeit und beschreibt den Trend, dass Menschen durch Anpassung ihrer Gewohnheiten so lange wie möglich gesund bleiben und altern möchten. Insbesondere in den Bereichen Schlaf, Fitness oder Ernährung reichen oft unspektakuläre Massnahmen aus, um nicht nur die zahlungswillige und anspruchsvolle Longevity-Zielgruppe besser zu erreichen, sondern auch den gesundheitsbewussten Gast allgemein. Die Bewertungs-, Zertifizierungs- und Orientierungsplattform «Lngvty» weiss, wie Betriebe den Wandel des Luxusbegriffs in der Hotellerie für sich nutzen können. «Die Qualität von Faktoren wie Lage, Design, Zimmergrösse und Service wird durch die Longevity-Brille neu betrachtet», sagt Co-Founderin Valerie Constanze Dietrich. «Es geht weiterhin um Material, Haptik und Erlesenheit. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie das Ergebnis dieser Faktoren auf das eigene Longevity-Konto des Gastes einzahlt.» Co-Founder Kai Oppel ergänzt: «Ein Hotel muss keine Kältekammer anschaffen, um für die Longevity-Zielgruppe relevant zu werden. Es muss zunächst verstehen, wie diese Menschen leben.» Viele Longevity-Enthusiasten wollen auf Reisen vor allem ihre Routinen und Protokolle fortsetzen: «Sie empfinden es als Luxus, wenn sie auch auf Reisen ohne viel Aufwand mehr gesunde als ungesunde Lebensgewohnheiten einhalten können.» Für Oppel und Dietrich gibt es klare Bereiche, in denen die Hospitality-Branche ihre Hausaufgaben machen muss.

Erst die LEDs ausschalten, dann über Sleep Tech nachdenken

Schlaf gehört zu den wichtigsten Grundlagen von Regeneration – und ausgerechnet hier können bereits Kleinigkeiten ein ansonsten gutes Hotelzimmer entwerten. Hotels sollten deshalb jedes Zimmer konsequenz aus Sicht eines schlafenden Gasts überprüfen. Lässt sich der Raum vollständig verdunkeln? Dringen Geräusche vom Flur, von der Strasse, von Aufzügen oder technischen Anlagen ins Zimmer? Leuchten nachts LEDs von Fernseher, Telefon, Rauchmelder, Klimasteuerung oder smarter Haustechnik? Gerade die Lichtplanung verdient mehr Aufmerksamkeit. Abendliche Beleuchtung beeinflusst, je nach Helligkeit und Spektrum, den zirkadianen Rhythmus. Manchmal sind eine gute Verdunkelung, Ruhe und das Abkleben unnötiger LEDs wertvoller als das nächste Gadget. Auch kleine Amenities können zeigen, dass ein Haus das Thema verstanden hat: Schlafmaske und Ohrstöpsel kosten wenig, können für Gäste aber einen relevanten Unterschied machen.

Gesunde Optionen müssen Standard sein, nicht Sonderwunsch

Auch beim Essen lässt sich laut «Lngvty» mit überschaubarem Aufwand viel erreichen. Entscheidend ist nicht, dass jedes Hotel ein Longevity-Menü entwickelt. Wichtiger ist, dass Gäste unkompliziert eine gesündere Wahl treffen können. «Das beginnt auf dem Zimmer. Warum besteht die Minibar fast ausschliesslich aus Alkohol, Schokolade und salzigen Snacks?», fragt Valerie Constanze Dietrich. «Ungesalzene Nüsse oder Recovery-Drinks lassen sich problemlos ergänzen.» Es brauche nicht die komplette Palette von Recovery- über Probiotic- bis hin zu Adaptogenic-Drinks: «Ein Hotel baut seine Glaubwürdigkeit nicht auf, indem es sich als Supplement-Dealer positioniert, sondern indem es eine oder zwei sinnvolle Alternativen anbietet.» Ähnliches gelte für das Frühstück. Gibt es Porridge, sollte eine Variante ohne zugesetzten Zucker verfügbar und erkennbar sein. Zucker, Honig, Früchte oder andere Toppings können separat angeboten werden – die Entscheidung trifft der Gast. Gleiches gilt für frische, proteinreiche und möglichst wenig verarbeitete Optionen. «Gesund essen sollte im Hotel nicht komplizierter sein als ungseund essen», fasst Oppel zusammen.

Ein gutes Gym nützt wenig, wenn es geschlossen ist

Viele Hotels haben in den vergangenen Jahren in Fitnessbereiche investiert. Häufig liegt das Problem deshalb weniger beim Vorhandensein als bei der Nutzbarkeit. Gerade Geschäftsreisende trainieren früh am Morgen – bevor Frühstück, Termine oder Konferenzen beginnen. Öffnet der Fitnessbereich erst um sieben Uhr, geht das an einem relevanten Teil der Zielgruppe vorbei. «Lngvty» empfiehlt, Fitnessangebote möglichst rund um die Uhr, mindestens aber ab etwa fünf Uhr morgens zugänglich zu machen. Gleichzeitig sollten Hotels auch die Abendstunden berücksichtigen. Nicht jeder Gast kann seinen Trainingszeitpunkt frei wählen. Mit Blick auf den Schlaf kommt es dabei vor allem auf Intensität und zeitlichen Abstand zur Nachruhe an: Aktuelle Untersuchungen sprechen nicht dafür, Bewegung am Abend pauschal zu vermeiden; sehr intensive Belastungen nahe an der Schlafenszeit können den anschliessenden Schlaf jedoch beeinträchtigen. Neben den Öffnungszeiten zählt die Qualität: Ein paar Cardiogeräte allein ergeben noch kein zeitgemässes Fitnessangebot. Krafttraining, funktionelles Training und einfache Outdoor-Empfehlungen erweitern die Möglichkeiten oft ohne grosse zusätzliche Flächen.

Bei Sauna, Pool und Recovery-Angeboten ist die Zugänglichkeit ebenfalls entscheidend. «Für uns lautet die entscheidende Frage: Kann der Gast diese auch dann nutzen, wenn er sie braucht?», so Dietrich. Wenn Sauna oder Pool bereits am frühen Abend schliessen oder erst spät am Morgen öffnen, sind sie für viele Gäste nur eingeschränkt nutzbar. Hotels sollten deshalb nicht nur Umfang und Qualität ihrer Recovery-Infrastruktur prüfen, sondern auch deren Öffnungs- und Betriebszeiten.

Glaubwürdigkeit vor Biohacking

Der vielleicht wichtigste Rat betrifft laut «Lngvty» jene Angebote, die über klassische Hospitality hinausgehen. Longevity bewegt sich zunehmend an der Schnittstelle zwischen Hotel, Wellness und Medizin. Diagnostik, Blutanalysen, Infusionen und andere medizinisch anmutende Leistungen erfordern deshalb eine andere Sorgfalt als Sauna oder Fitnessstudio. «Hotels müssen nicht selbst zu Gesundheitszentren werden, um Longevity glaubwürdig abzubilden. Wer medizinische Leistungen anbietet, sollte aber transparent kommunizieren, mit qualifizierten Fachpartnern arbeiten und keine Wirkungsversprechen machen, die das Angebot nicht einlösen kann», warnt Dietrich. «Je spektakulärer das Angebot, desto wichtiger wird die Frage nach der Evidenz.» Longevity dürfe nicht zur nächsten Marketingshülse für Wellness werden. 

(ahü)