Genderstern im Gastgewerbe?

Genderstern und Doppelpunkt sorgen immer wieder für heftige Diskussionen – auch in der Hotellerie und Gastronomie. Kommunikationsexpertin Tina Seiler sieht in den Sonderzeichen ein wichtiges Zeichen für inklusive Sprache. Hotelière Caroline Spatz hingegen lehnt Gendermarkierungen ab. Zwei Sichtweisen auf eine Frage, die bewegt.

 

Tina Seiler

Partnerin PR- und Kommunikationsagentur Oppenheim, Zürich

PRO: Ich muss ehrlich sein: Ich finde den Genderstern auch nicht besonders hübsch. Aber Gleichberechtigung war noch selten – und wird es wohl auch nie sein – eine Designfrage. Als PR-Mensch schreibe ich täglich Texte. Und ja, gendergerechte Sprache kostet manchmal Zeit, Nerven – und ein paar zusätzliche Sonderzeichen. Trotzdem bin ich überzeugt: Dieser Mehraufwand lohnt sich. Warum? Weil Sprache nie einfach nur Sprache ist. Sie prägt unser Denken und macht sichtbar, wen wir bewusst einschliessen. Ich bin keine Missionarin des Gendersterns. Wenn sich ein Satz nur noch wie eine grammatikalische Mutprobe liest, ist niemandem geholfen. Viel lieber verwende ich neutrale Begriffe wie «Mitarbeitende», «Gäste» oder «Team». Das liest sich flüssig, klingt natürlicher und schliesst trotzdem niemanden aus. Gerade das Gastgewerbe lebt von Kommunikation. Wir feilen an jedem Satz und Instagram-Post, investieren täglich in Servicequalität und gestalten Gästeerlebnisse bis ins kleinste Detail.


«Wenn sich mehr Menschen angesprochen fühlen, lohnt sich der Genderstern.»

Tina Seiler


Warum also nicht auch in eine Sprache, die möglichst viele Menschen anspricht? Gastfreundschaft beginnt schliesslich lange bevor der erste Kaffee serviert wird. Oft höre ich: «Wir haben doch wichtigere Probleme.» Natürlich haben wir die. Fachkräftemangel, steigende Kosten oder sinkende Margen verschwinden nicht wegen eines Gendersterns. Aber Gleichberechtigung ist kein Entweder- oder. Sie beginnt nicht erst in der Chefetage oder auf der Lohnabrechnung. Sie beginnt auch im Alltag – und damit auch bei der Sprache.

Mich stört am Gendern vor allem eines: Es macht Texte länger. Dass sich dafür mehr Menschen angesprochen fühlen, ist die zusätzlichen Sonderzeichen wert. Denn wenn wir mit bewusst gewählten Worten mehr Menschen das Gefühl geben können, willkommen und gemeint zu sein, dann ist das für mich gelebte Gastfreundschaft.


Caroline Spatz

Member Executive Management Foundation, Stiftung Lilienberg Unternehmerforum, Ermatingen/TG

CONTRA: Gleichstellung entsteht nicht durch Sonderzeichen, sondern durch Haltung und konsequent vorbildliches Handeln. Gerade in der Hotellerie arbeiten Menschen unterschiedlichster Herkunft, Kulturen und Generationen zusammen. Wenn wir über Inklusion sprechen, sollten wir uns deshalb die entscheidende Frage stellen: Worin investieren wir unsere Zeit und Energie? Meiner Ansicht nach diskutieren wir zu häufig über Schreibweisen und zu selten über das, was Menschen verbindet.

Aus meiner Sicht beginnt Gleichstellung im Kopf. Sie zeigt sich darin, ob Menschen unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Alter dieselben Chancen erhalten. Das sind Führungsaufgaben. Genau dort entscheidet sich, ob Inklusion gelingt. Meine Masterarbeit beschäftigte sich mit psychologischer Sicherheit in der Schweizer Hotellerie. Die Erkenntnis daraus war eindeutig: Vertrauen, Wertschätzung, Transparenz und respektvolle Führung schaffen Zugehörigkeit. Nicht eine bestimmte Schreibweise – die mir im Übrigen sehr kompliziert vorkam, da ich sie auch genderneutral schreiben musste. Ich halte es für den wirkungsvolleren Weg, in Führungskompetenz, Reflexionsfähigkeit und den Abbau unbewusster Vorurteile zu investieren, anstatt die Debatte auf Sternchen oder Doppelpunkte zu verengen.


«Wertschätzung schafft Zugehörigkeit. Nicht eine bestimmte Schreibweise.»

Caroline Spatz


Selbstverständlich hat die Sprache auch ihre Bedeutung. Ich verwende automatisch geschlechtsneutrale Begriffe wie «Mitarbeitende» oder «Team». Kritisch sehe ich jedoch den Anspruch, dass Gleichstellung vor allem über sprachliche Regeln erreicht werden könne. Wenn wir wirklich etwas verändern wollen, sollten wir weniger darüber sprechen, wie wir schreiben, sondern darüber, wie wir denken und führen. Denn Menschen erinnern sich nicht daran, ob ein Dokument gegendert war – sie erinnern sich daran, wie sie behandelt wurden.


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