Hotspots am Limit: Gäste lenken statt begrenzen

Grindelwald/BE ist im Sommer so gefragt wie kaum ein anderer Ferienort und steht stellvertretend für eine Frage, die viele Schweizer Destinationen beschäftigt: Wie viel touristischer Erfolg ist noch gut, bevor er zur Last wird? Eine Bevölkerungsbefragung zeigt, wie eng Akzeptanz und Belastung nebeneinander bestehen.

Destinationen entscheiden über Infrastruktur, Besucherlenkung, Verkehr oder Beherbergungskapazitäten. Das ist im Grunde Crowd Management. (Illustrationen Sonja Demarmels)

Wer im Sommer durch Grindelwald spaziert, sieht volle Gondeln, Reisecars vor dem Terminal und kaum einen freien Tisch auf den Terrassen. Der Ort lebt vom Tourismus und trägt in der Hochsaison dessen Kehrseite mit. «Die Bevölkerung anerkennt die Bedeutung des Tourismus, erlebt aber im Sommer konkrete Belastungen», sagt Bruno Hauswirth, Resort Director von Grindelwald Tourismus.

Wie eine repräsentative Bevölkerungsbefragung von Schweiz Tourismus ST und regionalen Partnern vom März 2026 zeigt, beurteilen 59 Prozent den Tourismus in Grindelwald grundsätzlich positiv. 89 Prozent empfinden das Gästeaufkommen im Sommer jedoch als eher hoch oder zu hoch. «Die Ergebnisse sind kein Widerspruch», ordnet Hauswirth ein: Die 89 Prozent der Befragten lehnten den Tourismus nicht ab, noch belege die Zahl eine ganzjährige Überlastung. «Es ist aber ein Auftrag, saisonale und lokale Spitzen besser zu bewältigen.» Wie hoch diese sind, zeigt die Logiernächtestatistik des Bundesamts für Statistik: Zermatt kommt auf 269 Logiernächte pro Einwohner, Grindelwald auf 210. Werte, die höher liegen als in Overtourism-Hotspots wie Venedig mit 47.

Viele Orte, wenige Brennpunkte

Overtourism wird oft plakativ verwendet, wissenschaftlich ist er unschärfer, als man meint: «Der Begriff beschreibt das Überschreiten von Belastungsgrenzen einer Destination. Diese sind subjektiv geprägt und können sozialer, räumlicher oder ökologischer Natur sein», erklärt Florian Eggli, Leiter des Instituts für Tourismus und Mobilität der Hochschule Luzern. Eine einzelne Kennzahl genüge nicht, denn jeder Akteur – ob Gast oder Einheimischer – habe individuelle Grenzwerte. «In der Schweiz gibt es zwar einzelne Orte, welche an Spitzentagen an ihre Belastungsgrenzen kommen oder stark touristifiziert sind. Die Mehrzahl an Orten lebt jedoch gut mit dem Tourismus und profitiert von seiner Entwicklung», so Eggli.

Auch Liên Burkard, Mediensprecherin Unternehmenskommunikation bei Schweiz Tourismus ST, betont die Grössenverhältnisse: «Die Schweiz umfasst rund 350 Tourismusorte und 1800 touristische Attraktionen. Die öffentliche Debatte konzentriert sich häufig auf einige wenige, international bekannte Hotspots», sagt sie. Viele Regionen hätten Kapazität für mehr Gäste: In der Tourismusregion Aargau/Solothurn etwa finden 67 Prozent der Befragten, es habe eher zu wenige Touristinnen und Touristen.

«Jeder Akteur, ob Gast oder Einheimischer, hat individuelle Grenzwerte.»

Florian Eggli, Institutsleiter HSLU

Organisieren statt verbieten

Dass Overtourism nicht nur Bergdestinationen betrifft, zeigt Luzern: Seit April 2025 erhebt die Stadt eine Haltegebühr für Reisecars, ein Tourismuscockpit wertet Besucherströme aus, und KI-gestützte Reiseguides lenken Gäste gezielter. Zusätzlich unterstützt der Kanton sein überarbeitetes Tourismusleitbild mit 3,15 Millionen Franken. Die Mittel fliessen in Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Mobilitätskonzepte und in eine Überarbeitung der Kurtaxe.

Auch in Grindelwald kommen ein Fussgängerleitsystem, die «Grindelwald Assistants» an stark frequentierten Orten sowie die gemeinsam mit der Bauernvereinigung entwickelte Kampagne «We take care» zum Einsatz. Hinzu kommen ein digitales Parkleitsystem, Park-and-Ride-Angebote und ein dichteres Busangebot ab dem Terminal. Grindelwald Tourismus beteiligt sich an der Information, Sensibilisierung und persönlichen Lenkung der Gäste und finanziert das verdichtete Busangebot mit. Die Verantwortung für die Verkehrslenkung und die entsprechenden behördlichen Massnahmen liegen bei den zuständigen öffentlichen Stellen. «Besonders bewährt hat sich die persönliche Lenkung unmittelbar bei der Ankunft», sagt Hauswirth. Die Befragung zeigt: 63 Prozent der Bevölkerung nehmen Informations- und Sensibilisierungsmassnahmen wahr, 32 Prozent Massnahmen zur Besucherlenkung. «Das belegt deren Sichtbarkeit, ist aber noch kein abschliessender Wirkungsnachweis.» Strukturell unterstützt Grindelwald Tourismus zudem die mögliche Verlegung der Firstbahn-Talstation zur Fuhrenmatte in Bahnhofsnähe, ist dabei aber weder Bauherrschaft noch Entscheidungsträger. Damit liessen sich Bahn, Bus und Bergbahn besser verknüpfen. Zudem unterstützt man den geplanten 15-Minuten-Takt der Berner Oberland-Bahn, der bis 2031 umgesetzt werden soll

«Wenn sich Einheimische respektiert fühlen, wird die Belastung geringer wahrgenommen.»

Liên Burkard, Schweiz Tourismus

Eine Antwort: «Travel Better»

Auf nationaler Ebene bündelt Schweiz Tourismus seine Aktivitäten in der Strategie «Travel Better» mit fünf Aktionsfeldern: Ganzjahrestourismus fördern, Gästeströme lenken, Aufenthaltsdauer verlängern, das Nachhaltigkeitsprogramm Swisstainable vorantreiben und Tourismusakzeptanz stärken. Wie Burkard erklärt, sollen so die richtigen Gäste zur richtigen Zeit an den richtigen Ort finden. Ein Beispiel ist die «Culinary Grand Tour of Switzerland»: Koch Noah Bachofen bereist ganzjährig auch weniger bekannte Schweizer Orte und Regionen und macht die kulinarische Vielfalt sichtbar. Ergänzend läuft seit April 2026 die Initiative «Travel with care. Leave with Memories.», lanciert mit der Regional Tourism Alliance RTA und dem Schweizer Tourismus-Verband STV. Kernstück ist die Toolbox «Für einen Tourismus, der verbindet», die vom Bund über das Förderprogramm Innotour mitfinanziert wird. Sie besteht aus sechs Modulen, von der Förderung der Tourismusakzeptanz über das Stakeholdermanagement bis zur Gästebeteiligung. Sie liefert Checklisten, Anleitungen und Praxisbeispiele.

ST baut mit «Travel Better» dort Nachfrage auf, wo Kapazität vorhanden ist, führt Gäste hin zu alternativen Reisezielen und inspiriert zu Reisen in den Nebensaisons.

Was Lenkung nicht kann

So wirksam Sensibilisierung und Lenkung sein können, lösen sie das Problem nicht allein. Spitzenbelastungen liessen sich abfedern, ganz verhindern aber nicht, räumt Hauswirth ein. Man könne informieren und koordinieren, «jedoch keine Verkehrsregeln erlassen oder die Parkierung hoheitlich steuern. Dafür braucht es das abgestimmte Handeln von Tourismus, Gemeinde und Transportunternehmen.» Auch Eggli warnt vor Patentrezepten: «Die Massnahmen sind vielfältig und unterscheiden sich von Ort zu Ort. Es braucht massgeschneiderte Lösungen für die individuellen lokalen Herausforderungen.»

Dass touristischer Erfolg ein fragiles Gleichgewicht ist, zeigt auch die Fachliteratur. Monika Bandi Tanner und Hansruedi Müller halten in ihrem Buch «Grundkenntnisse Tourismus» fest, dass sich Chancen und Gefahren des Tourismus nie eindeutig gegenüberstehen: Sie seien «nicht ‹entweder oder›, sondern immer ‹sowohl als auch›». Der Tourismus bringt demnach stets beides zugleich. Entscheidend sei das Verhältnis aller Kosten und Nutzen, und dieses Gleichgewicht sei «äusserst empfindlich». Die Autoren beschreiben folgendes Muster: Jede zusätzliche Investition in Infrastruktur bringt einen immer kleineren Mehrertrag, während gesellschaftliche und ökologische Kosten weiter zunehmen.

Der Balanceakt bleibt

Liên Burkard beobachtet, dass Hotels ihren Gästen lokale Gepflogenheiten zunehmend sympathisch vermitteln: «Es ist erfreulich, dass inzwischen auch erste Hotels Massnahmen zur Gästesensibilisierung im Rahmen der Initiative umgesetzt haben.» Auch in Grindelwald ist der Balanceakt Alltag: Tourismus sei für den Ort eine wirtschaftliche Grundlage und Teil seiner Identität, so Carole Hauser, Co-Direktorin des Hotels Belvedere. Die Entwicklung müsse verantwortungsvoll erfolgen. «Erfolgreich ist Tourismus dann, wenn Gäste gerne nach Grindelwald kommen, die Betriebe wirtschaftlich gesund arbeiten und die Bevölkerung die Entwicklung mittragen kann.»

«Besucherlenkung kann Belastungsspitzen reduzieren, aber nicht vollständig verhindern.»

Bruno Hauswirth, Grindelwald Tourismus

Overtourism ist kein Zustand, den eine Destination einmal löst und abhakt, sondern ein Gleichgewicht, das laufend neu zwischen Wirtschaft, Bevölkerung, Gästen und Umwelt ausgehandelt werden muss. Bruno Hauswirth: «Es geht nicht mehr allein um steigende Gästezahlen, sondern um Wertschöpfung, Aufenthaltsqualität, eine bessere Verteilung der Nachfrage sowie die Lebensqualität der Bevölkerung.»

(Andrea Decker)


Mehr Informationen unter:

stv-fst.ch
hslu.ch/itm


Buchtipp

In «Grundkenntnisse Tourismus» erklären Monika Bandi Tanner und Hansruedi Müller, weshalb touristischer Erfolg nie nur Chance oder nur Gefahr ist – und warum das Gleichgewicht zwischen beidem so empfindlich bleibt.

Weber Verlag
404 Seiten, broschiert
3. Auflage 2026
ISBN 978-3-03818-942-8
Fr. 39.00