Freude und Leid liegen beim frühesten Wümmet aller Zeiten sehr nahe beieinander.

Im grössten Teil der Schweiz können die Trauben zwar früh, aber unter optimalen Bedingungen geerntet werden. (Keystone-SDA)
Die allerersten Trauben der Weinlese 2026 wurden Anfang Juli auf der spanischen Insel Lanzarote gelesen. In der Nacht auf den 22. Juli startete das Weingut Gramona im spanischen Penedès mit der Lese – so früh wie nie zuvor und erstmals vor Tagesanbruch, um die Hitze des Tages zu umgehen. In der Schweiz wurden erste Trauben am 15. August gelesen. Ebenfalls so früh wie noch nie. «Meine Solaris-Trauben sind optimal reif», sagte Aurèle Morf, Winzer in Moutier/JU, in einer Sendung von RTS. «Und dies auf einer Höhe von 620 Meter über Meer, wo ein erstes Gesuch für den Anbau von Reben abgelehnt wurde. Mit der Begründung, dass die Trauben nicht reifen würden.»
Mehr Stress als die Hitze verursachte die Trockenheit. Dort, wo bewässert werden durfte, wurden die Reben mit Wasser versorgt. Dies vor allem auf Parzellen mit einer geringen Schicht Erde über dem Muttergestein. «Die Beeren sind klein, und es herrscht Wasserstress, der die Weine möglicherweise etwas härter beziehungsweise herber machen wird», sagte Pascal Matthey, Winzer in Vallamand/VD zu RTS. Dass kleinere Beeren weniger Ertrag ergeben, erachtet Pascal Matthey nicht als dramatisch. Die Qualität ist hoch und somit haben die Winzerinnen und Winzer Glück im Unglück. «Eine geringere Ernte wird den Markt entlasten.» Denn viele Keller sind mit Reserven aus den Vorjahren noch gut gefüllt.
Thierry Constantin, Winzer in Pont-de-la-Morge/VS
«Dass ich Ende August bereits gut 80 Prozent meiner Trauben geerntet habe, hat es noch nie gegeben», freute sich Thierry Constantin, Winzer in Pont-de-la-Morge/VS, am Swiss Wine Vintage Tasting in Zürich am vergangenen Sonntag. «Die Traubenkerne waren optimal reif.» Die Frage nach der Ausprägung der Aromen beantwortete er positiv. «Im Wallis hatten wir in den vergangenen Wochen grössere Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Deshalb bin ich in Bezug auf die Aromenbildung zuversichtlich.»
Auch wenn sich diese frühen Einschätzungen erst in ein paar Wochen bewahrheiten, kann doch auf frühere Erfahrungen zurück-gegriffen werden. Nach dem Hitzesommer 2003 hatten viele Winzer befürchtet, die Trockenheit könnte sich negativ auf Geschmack und Lagerfähigkeit auswirken. Rückblickend hat sich diese Einschätzung jedoch nicht bestätigt. Wenn man heute Weine des Jahrgangs 2003 probiert, ist es sehr spannend zu sehen, wie gut sich diese entwickelt und gehalten haben – sogar Weissweine aus dem ersten Hitzesommer bieten heute viel Trinkvergnügen.
Die Vegetationsperiode verlief in den meisten Schweizer Weinbauregionen optimal. Ausser im Tessin richteten frühe Hagelschauer kaum Schäden an. Aufgrund der Trockenheit und des geringen Pilzdrucks brauchten die Reben kaum Pflanzenschutz. Dennoch haben zahlreiche Winzer in den Kantonen Aargau, Zürich und Thurgau keinen Grund zur Freude. Am Vormittag des 28. August fegte ein massiver Hagelsturm über das Land. Wenige Tage vor dem Läset machten golfball-grosse Eiskörner die Ernte zunichte. An den am härtesten betroffenen Orten haben die Hagelkörner sogar die in Drahtrahmen verankerten Triebe geschält. Das wird Auswirkungen auf das Wachstum der Reben im nächsten Jahr haben.
Wo der Hagel weniger intensiv war, reagierten die Winzer umgehend. Sie boten alle verfügbaren Hände auf, um die Trauben mittels Noternte zu retten. Denn je reifer die Beeren und dünner deren Häute sind, umso rascher platzen sie auf. Der süsse Saft wird zum Nährboden für Grauschimmel. Auch die Kirsch-essigfliege würde angelockt. Um das genaue Ausmass der Schäden zu beziffern, ist es noch zu früh. Auf ein Glas guten Schweizer Wein wird jedoch niemand verzichten müssen.
(Gabriel Tinguely)