«Berufsleute: Zeigt Mut und wehrt euch!»

Die 37-jährige Köchin hat seit ihrer Lehre Mobbing und sexuelle Belästigung erlebt. Sie fordert harte Konsequenzen bei Fehlverhalten.

Die HGU setzt sich in den aktuellen L-GAV-Verhandlungen für verbindliche Massnahmen gegen Mobbing ein. (Adobe-Stock)

Franca Breyer, Sie wollten schon immer Köchin werden, entschieden sich jedoch für den Journalismus. Ihren Traum von einer Kochlehre haben Sie sich vor acht Jahren in der Schweiz dann trotzdem noch erfüllt.

Ja, mit 28 Jahren habe ich meine damalige Karriere in Deutschland über Bord geworfen, bin in die Schweiz gezogen und habe einen Neustart gewagt.

Sie haben Ihre Lehre unterbrochen. Was ist passiert?

Ich habe den Betrieb gewechselt und war auch nicht die Einzige, die ihn als Lernende verlassen hat. Von unhaltbaren Schuldzuweisungen, über Machtspiele und Sprüche wie «Wir messen Salatschalen hier in BH-Grössen» war alles dabei.

Haben Sie Ihre Vorgesetzten damit konfrontiert?

Das habe ich. Mir wurde nahegelegt, mich selber zu wehren und dass ich diesbezüglich alles, was ich sage oder tue, selber verantworten muss. Als Lernende steht man in einem direkten Machtgefälle zu anderen Köchinnen und Köchen, die in der Hierarchie über einem stehen. Das ist keine faire Kommunikation oder Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

Und trotzdem haben Sie nicht aufgegeben und die Lehre in einem anderen Betrieb abge-schlossen. Haben sich die Situation und der Umgang mit Ihnen danach verändert?

Die Situation hat sich seitdem insofern geändert, dass ich selber enorm gewachsen bin und mir nichts mehr gefallen lasse. Ich weiss genau, was ich kann und was ich an den Tisch bringe und gehe dorthin, wo das gesehen und gefördert wird.

Erleben Frauen im Kochberuf aus Ihrer Sicht andere oder grössere Hürden als Männer?

Die Gastronomie ist immer noch stark männlich geprägt. Sie fordert extreme Arbeitszeiten, was Frauen zum Beispiel aufgrund der ungleichen Verteilung von Familienarbeit viel schneller aus dem Beruf drängt. Zudem kämpfen Köchinnen vielerorts gegen sexuelle Belästigung.


Franca Breyer (37), stammt aus Hamburg (DE), ist Köchin EFZ, Mitglied der HGU und arbeitet derzeit als Koch-Freelancerin.


Wie Sie in der Lehre.

Ja, und die Belästigungen haben danach nicht aufgehört.

Welche Aussagen Ihnen gegenüber sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

«Frauen sind nur zum F**ken gut», «Alle Köche sind Schweine, gewöhn dich dran» oder «Wir würden dich gerne für den weiblichen Touch einstellen». Ich könnte noch diverse weitere Bemerkungen und Aussagen nennen, die Liste ist endlos. Es geht nicht nur um Belästigungen, es geht allgemein um Diskriminierung der Frauen und den Ausschluss aus männlichen Netzwerken und das Vorurteil, körperlich weniger belastbar zu sein. Selbst bei gleicher Leistung werden Frauen in Spitzenpositionen seltener ernst genommen, gefördert und befördert. Weibliche Küchenchefs in der Spitzengastronomie sind selten. In nur etwa drei Prozent der 145 mit Sternen ausgezeichneten Restaurants führt eine Frau die Kochequipe an. Ich denke nicht, dass es daran liegt, dass Frauen nicht auf hohem Niveau kochen können.

Sie selbst haben in Top-Restaurants gearbeitet. Wie haben Sie dort das Arbeitsklima erlebt?

Ein ehrgeiziges und leistungsorientiertes Umfeld kann beflügelnd sein und einen massiv wachsen lassen. Wenn es dann aber so weit geht, dass Kolleginnen und Kollegen sich gegenseitig ausspielen und boykottieren oder Restaurants ihren Namen und Status ausnutzen, um dich zu schikanieren und kostenlos arbeiten zu lassen, ist das eine Grenzüberschreitung. Wir können nicht widrige Praktiken ausüben, eine toxische Arbeitskultur aufrechthalten und im gleichen Zuge Fachkräftemangel beklagen.


«Wer Missstände benennt, steht schnell mal alleine da.»


Die HGU fordert in den gegenwärtigen L-GAV-Verhandlungen verbindliche Massnahmen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Was müsste sich Ihrer Meinung nach konkret verändern?

Ich habe das Gefühl, dass die Thematik in vielen Betrieben nicht ernst genommen wird. Dabei ist es eine Problematik, die uns alle angeht. Wir müssen uns gegenseitig stärken und füreinander einsetzen, laut werden und vor allem muss es härtere Konsequenzen für Fehlverhalten geben.

Weitere HGU-Forderungen sind höhere Mindestlöhne und die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Freizeit.

Ich denke, wenn wir junge Menschen für den Beruf begeistern und Fachkräfte halten wollen, sind sie unumgänglich. Wir können nicht für immer daran festhalten, dass «die Gastronomie eben so ist» und «man das vorher weiss und dass das schon immer so war …». Das können wir uns einfach nicht mehr leisten.

Sie sind heute private Köchin und Freelancerin. Was hat sich für Sie verändert?

Ich habe mehr Freiheiten. Ich bin niemandem direkt unterstellt. Ich habe mein Leben und meine Zeit selber in der Hand und das ist körperlich, aber vor allem psychisch eine grosse Entlastung.

Was müsste sich ändern, damit Sie sich wieder in einem Betrieb anstellen lassen?

Es muss eine bessere Balance in vielerlei Hinsicht geschaffen werden. Wir brauchen unter anderem mehr emotionale Intelligenz von Führungskräften. Wir brauchen mehr Frauen in Schlüsselfunk-tionen und bessere Vereinbarungsmöglichkeiten von Berufsund Privatleben.

(Jörg Ruppelt)


Ohne die HGU kein neuer L-GAV

Gute Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe fallen nicht vom Himmel. Um sie wird heftig gerungen. Je stärker die Hotel & Gastro Union ist, desto stärker ist ihre Stimme.

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