«Unser Restaurant ist eine Oase inmitten der Krise»

Seit 16 Jahren führen Lucia und Felix Eppisser das Restaurant Seeds in Yangon in Myanmar. Sie trotzen der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Lage und geben Einheimischen Arbeit und Hoffnung. Einmal im Jahr reisen die Eppissers in die Schweiz – diesen August für ein Pop-up in Zürich.

  • Lucia und Felix Eppisser: «Wir kämpfen in Myanmar mit Inflation und explodierenden Kosten.» (Bilder ZVG)
  • Im Restaurant Seeds werden Einheimische in der Küche, im Service und an der Bar ausgebildet.
  • Eine von Felix Eppissers Kreationen im «Seeds»: Tartar vom hausmarinierten Lachs auf einer Laugenbretzelgalette mit Ingwer-Vinaigrette und Soja.

Lucia Eppisser, seit 2021 herrscht Bürgerkrieg in Myanmar. Das Land kommt nicht zur Ruhe. Zuletzt erschütterten ein Erdbeben und eine Bombenexplosion im Norden das Land. Wie erleben Sie und Ihr Mann die momentane Situation?

Die Situation ist tatsächlich schwierig und sehr komplex. Jeden Tag erleben wir, wie viele Zusammenhänge den Alltag erschweren. Wenn zum Beispiel kein Benzin mehr vorhanden ist, können unsere Lieferanten das Gemüse nicht mehr aus dem nordöstlichen Verwaltungsbezirk Shan-Staat in die Stadt Yangon transportieren. Die mangelnde Stromversorgung setzt den Menschen und der Wirtschaft zu, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Wer das Land verlassen kann, versucht auszuwandern. In Myanmar fehlen zurzeit ein solides Bildungssystem, medizinische Versorgung, Infrastruktur und eine verlässliche Rechtslage.

Welche Auswirkungen hat das alles auf den Betrieb Ihres Restaurants Seeds?

Wir kämpfen mit Inflation und explodierenden Kosten, da wir unseren Strom weitgehend per Generator selber produzieren müssen. Der Import von internationalen Produkten wie beispielsweise Wein ist weitgehend gestoppt, und die Beschaffung von Ersatzteilen für Maschinen und Apparate aus dem Ausland ist fast unmöglich. Der Alltag ist fragil. Wir haben einige langjährige Mitarbeitende verloren, die nach Dubai ausgewandert sind. Auf der anderen Seite bieten wir Gästen und Mitarbeitenden eine Oase inmitten dieser Schwierigkeiten und versuchen, aus jedem Tag das Beste zu machen.

Waren oder sind Sie gezwungen, Mitarbeitende zu entlassen?

Wir haben sämtliche 50 Mitarbeitenden bis heute durch die jahrelange Krise getragen. Unser Restaurant ist eine Art Community. Wir bilden Mitarbeitende in der Küche, im Service und an der Bar aus und ermöglichen ihnen eine Zukunft. Im Januar hat einer unserer Junior Sommeliers die Ausscheidung für Myanmar gewonnen, und im März hat ein Bartender am internationalen Barwettbewerb The Master in Phuket (Thailand) den zweiten Rang erreicht.

Gratuliere. Können Sie etwas zur Ausbildung der Köchinnen und Köche sagen?

Gerne. Sie trainieren täglich eine halbe Stunde ein definiertes Thema, zum Beispiel Grundzubereitungsarten, Schnittarten und Rezepturen. Auch unsere Serviceleistungen entsprechen internationalem Standard. Aus diesem Grund sind wir dankbar, eine bunte Mischung an Gästen bei uns zu begrüssen, die unsere Arbeit und das gesamte Umfeld mit der tollen Lage am See schätzen. So können wir uns wirtschaftlich halten. Unsere Mitarbeitenden werden aber auch auf anderen Gebieten gefördert. So unterstützen wir Sportprogramme, Sprachkurse und alles, was mit künstlerischem Ausdruck zu tun hat. Während der Monsunzeit engagieren wir zum Beispiel einen Gitarrenlehrer, und jede Woche gibt es internen Englischunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene.

Was gibt Ihnen beiden Hoffnung, dass sich die allgemeine Lage in Myanmar wieder bessert?

Wenn wir die Geschichte Myanmars betrachten, war sie schon immer geprägt von Höhen und Tiefen. Die Menschen sind resilient. Politische Verschiebungen in naher Zukunft sind möglich, das Land braucht eine Perspektive. Unsere Hoffnung liegt in der jungen Generation Burmesen, die mit uns den Betrieb führt. Zwei unserer Mitarbeitenden sind mittlerweile Aktionäre, die Identifikation mit dem Unternehmen ist gross. Wir haben bis jetzt alle Tiefschläge überlebt, es kann nur noch aufwärtsgehen.

Seit der Eröffnung des Seeds sind Sie Mitglied der Stiftung Life. Was hat es damit auf sich?

Jeder Gast gibt einen US-Dollar in die Stiftung. Mit dem gesammelten Geld finanzieren wir Projekte für Menschen in Not in Myanmar.

Sie sind seit Jahren regelmässig mit Pop-ups in der Schweiz präsent. Wird dadurch der Wunsch grösser, irgendwann ganz zurückzukehren?

Wir freuen uns jedes Mal sehr, in der Schweiz Projekte zu realisieren. Was uns immer wieder überrascht, ist der unerhörte Überfluss an Produkten auf dem Markt, die Vielzahl neuer Marken und der schnelle Wandel in der Schweizer Gastronomie. Die Möglichkeit, zwischen den Welten zu pendeln, ist faszinierend und regt zum Nachdenken an. Auch wir werden jedoch älter. Wo letztlich unser Lebensmittelpunkt in einigen Jahren sein wird, ist noch offen.

Im August sind Sie im «Sonnenberg» in Zürich mit dem Event «Taste of Asia» zu Gast. Womit werden die Gäste – darunter womöglich auch Berufskollegen – überrascht?

Jedes Gericht repräsentiert ein Land Südostasiens. Wir laden die Gäste auf eine Reise von Vietnam bis Myanmar ein. So servieren wir etwa stundenlang geschmorte Entenschenkel als Raviolifüllung auf einem säuerlichen Achar.

Achar – was genau ist das?

Das ist ein würzig eingelegtes Gemüse, ähnlich wie Pickles, aber intensiver im Geschmack. Weiter marinieren wir Shiitakepilze in Kaffee und kombinieren burmesisches Erdnuss-Krokant mit Passionsfruchtmousse und Palmzucker-Karamell. Unsere Küche basiert immer auf hochwertigen Grundprodukten, die wir mit subtilen Aromen in Szene setzen. Selbstverständlich darf auch ein sorgfältig ausgewähltes Wein-Pairing aus Markus Segmüllers Keller nicht fehlen.

Im Restaurant Sonnenberg zu gastieren, ist für Sie fast wie eine Heimkehr, oder?

Richtig. Bevor wir nach Südostasien aufbrachen, waren wir von 2004 bis 2010 Gastgeber im Restaurant Rigiblick auf dem Zürichberg.

(Jörg Ruppelt)


Mehr Informationen zu «Taste of Asia» im Restaurant Sonnenberg in Zürich

sonnenberg-zurich.ch