Der neue Direktor wagt nach seinen ersten 100 Tagen im Hotel Schweizerhof & Spa in Bern einen Blick in die Zukunft.

Sascha Spiegel will den «Schweizerhof» und Bern aktiv verkaufen. (ZVG)
Sehr gut. Es war viel los. Im November und Dezember hatte die Gastronomie Hochsaison. Die Jack’s Brasserie zählt viele treue Stammgäste. In den ersten drei Wochen habe ich fast alle einmal begrüssen dürfen.
Tatsächlich arbeiten im «Jack’s» noch zwei Mitarbeitende, die mir damals das Serviettenfalten beibrachten. Das Restaurant und der Lift sind noch wie damals. Alles andere wurde beim Umbau verändert. Da musste ich mich auch erst neu orientieren.
Ja, von Interlaken aus bekam ich mit wie die Stadt Bern tickt.
Bern bietet eine vielfältige Gastronomie und ein spannendes kulturelles Programm. Die Stadt ist kompakt und hat einen speziellen Vibe. Zudem liegt sie zentral. Man ist rasch im Grünen. In nur eineinhalb Stunden ist man beispielsweise auf der Skipiste. All dies ist ein Plus für Touristen. Auf der anderen Seite hat die Zentrale Lage auch einen Einfluss auf die Logiernächte. Aufgrund der guten Bahnverbindungen kehren viele Geschäftsleute am Abend nach Hause zurück. Das darf man nicht unterschätzen.
Bern ist die perfekte Destination für Boutique-Tourismus. Darin sehe ich grosses Potenzial. Denn der Luxusbereich ist im Wandel.
Viele Vermögende wollen nicht mehr überall mit dabei sein. Ruhe ist der neue Luxus. Da sind wir mittendrin. Denn Erlebnisse wie ein Ausflug ins Emmental, nach Greyerz oder an den Murtensee rücken in den Fokus. Zudem ist Sport im Luxussegment zunehmend gefragt. Mit unserem Spa können wir all dies anbieten. Das müssen wir kommunizieren und damit Logiernächte generieren.
Unser Haus ist gut eingebunden in eine Gruppe von weltweit 40 Hotels. Klar gibt es Vorgaben, regelmässige Meetings und ein Reporting. Die Gruppe bietet jedoch auch Vorteile. Zum Beispiel im Marketing und bei der internationalen Vernetzung. Spielraum haben die einzelnen Betriebe unter anderem in Bezug auf die Teams, die Ambiance und das Angebot.
Beste Qualität im Angebot erfordert top ausgebildete und motivierte Mitarbeitende. Die haben wir. Für einen individuellen und personalisierten Service müssen diese auch situativ entscheiden können. Dazu gehört Vertrauen. Wenn eine Mitarbeiterin, ein Mitarbeiter findet, dass es angebracht wäre, einem Gast einen Kaffee zu offerieren, soll sie oder er das tun können, ohne mich erst fragen zu müssen.
Die Sozialkompetenz hat sich verändert. Heute werden Konflikte weniger oft ausdiskutiert. Das zeigt sich darin, dass es in der Branche vermehrt zu Lehrabbrüchen kommt. Dabei ist es enorm wichtig, sich auch in weniger schönen Situationen behaupten zu können und etwas durchzuziehen. Sozialkompetenz, das Gespür füreinander, für Mitarbeitende und Gäste ist wieder gefragt.
In der Gastronomie sind die Löhne der grösste Kostenfaktor. Mit einer geschickten Einsatzplanung der Mitarbeitenden lässt sich viel sparen. Beispiele sind nur eine Schicht, arbeiten, wenn Umsatz generiert wird oder die Öffnungszeiten hinterfragen. Doch Vorsicht: Was auf dem Papier gut aussieht, lässt sich in der Realität oft nicht umsetzen.
Aktuell beobachten wir eine Polarisierung der Branche. Auf der einen Seite stehen Spitzenbetriebe, die einzigartige Erlebnisse anbieten, welche über eine Alltagsverpflegung hinausgehen. Das wird bezahlt. Auf der anderen Seite befinden sich Lokale, die standardisiert arbeiten und grosse Volumen günstig anbieten können. Alle brauchen eine klare Positionierung. Kalkulation ist sicher wichtig. Doch selbst ein Konzept mit bester Berechnung kann scheitern und ein Betrieb ohne Budget kann florieren.
(Gabriel Tinguely)