Immer mehr Gäste haben Einschränkungen oder Beeinträchtigungen. Deren spezielle Bedürfnisse zu erfüllen, ist gar nicht so schwer. Angebote wie «Claire & George» helfen, gute Gastgeber zu sein.
Heinz Frei ist einer der erfolgreichsten Schweizer Sportler aller Zeiten. Unter anderem hat er 15 Gold- und 19 Silber- und Bronzemedaillen in drei Sportarten sowie 14 Weltmeistertitel gewonnen. Er ist dreifacher Weltrekordhalter und Rollstuhlfahrer. «Ich bin durch den Sport viel gereist, was nicht immer einfach und angenehm war», sagt Heinz Frei anlässlich der «Milestone»-Preisverleihung im Kursaal in Bern (siehe Artikel auf Seite 4). «Ich musste mir die Informationen, ob ein Hotel rollstuhlgängig ist oder nicht, immer mühsam zusammensuchen. Dank ‹Claire & George› ist das Reisen für mich und alle anderen Gäste mit speziellen Bedürfnissen nun viel einfacher geworden», sagt der Sportler in seiner Laudatio.
Die Stiftung «Claire & George» ist für ihre Web-Plattform für barrierefreie Ferien in der Schweiz mit einem «Milestone» und dem dritten Platz in der Kategorie «Innovation» ausgezeichnet worden. Die Web-Plattform bietet Gästen, die dauerhaft oder zeitweise eingeschränkt sind, die Möglichkeit, ganz einfach die für sie perfekte Unterkunft zu finden und füllt damit eine wichtige Angebotslücke.
Behilflich dabei ist unter anderem ein Filter mit 22 Kriterien. Dort kann der Gast zum Beispiel anklicken, ob er Spitexdienste benötigt und ob er ein unterfahrbares Waschbecken oder ein elektrisch höhenverstellbares Bett wünscht. Auch Gäste mit einer Seh- oder Hörbehinderung können das Hotelangebot ihren Bedürfnissen entsprechend filtern.
Die Gäste sollen aber in ihren Ferien nicht nur stationär an einem Ort bleiben müssen. Deshalb bietet die «Claire & George»-Plattform auch barrierefreie Ausflugsziele und buchbare hindernisfreie Touren entlang der Grand Tour of Switzerland an. Die Stiftung «Claire & George» richtet sich an alle Gäste, die zeitweise oder dauerhaft in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Der Wintersportler, der etwas
Unterstützung braucht, bis sein Beinbruch verheilt ist, zählt genauso zu ihrem Kundenkreis wie der alleinreisende Senior oder die Familie, die mit Kleinkind und betagter Grossmutter zusammen ein paar schöne Ferientage verbringen möchte.
Für Hotels kann es durchaus wirtschaftlich interessant sein, sich vermehrt diesem Gästesegment zu widmen. Denn das Angebot an barrierefreien, geprüften Hotels ist noch recht überschaubar. Bereits mit relativ geringem Aufwand und Anpassungen könnten Hotels eine Lücke im Angebot füllen und wären bereit für einen stetig wachsenden Markt. Dieser wird nicht nur grösser, weil die Zahl der Betagten steigt, sondern auch, weil Familien vermehrt Ferien mit drei oder sogar vier Generationen machen.
«Oft braucht es nur ein paar Kleinigkeiten, um den Gästen mit besonderen Bedürfnissen einen Aufenthalt zu ermöglichen oder um ihnen diesen zu verschönern», sagt Susanne Gäumann, Geschäftsführerin bei «Claire & George». Sie zählt Beispiele auf:
- Stellen Sie bei der Réception Sitzgelegenheiten zur Verfügung.
- Boxspringbetten sind toll, aber nicht für alle Gäste. Für Rollstuhlfahrer, ältere Menschen und Kinder sind die 60 Zentimeter hohen Betten zu hoch. Für Rollstuhlfahrer darf das Bett nicht höher als 50 Zentimeter sein, damit sie selbständig hinein- und heraussteigen können.
- Auch WCs sind für Rollstuhlfahrer oft zu hoch. Idealerweise sollten für sie die Toiletten inklusive Toilettensitz 46 bis maximal 48 Zentimeter hoch sein. Für betagte Gäste hingegen wären höhere Toiletten praktischer, weil ihnen das Hinsetzen und Aufstehen leichter fallen würde. Eine mobile, anschraubbare Toilettensitzerhöhung leistet hier gute Dienste.
- Das Gleiche gilt für Haltegriffe in Duschen, Badewannen und neben der Toilette. Dort können sich dann auch kleinere Kinder beim Gang aufs grosse WC festhalten.
- Für die ganz Alten und die ganz Jungen gleichermassen praktisch sind Sitze, die man in der Dusche ausklappen kann.
- Unter den Lavabos sollten keine Möbel stehen oder nur solche, die man bei Bedarf wegstellen kann. Rollstuhlfahrer kommen sonst kaum ans Lavabo heran.
Wer etwas mehr für Gäste mit speziellen Bedürfnissen tun möchte oder wer überprüfen will, ob sein Betrieb tatsächlich barrierefrei oder eben nur bedingt barrierefrei ist, kann sich einer Prüfung unterziehen lassen. Solche Checks werden bereits seit zwei Jahren von «Claire & George» angeboten. «Bei diesen Prüfungen ist jeweils jemand von unserem Büro dabei. Es ist uns für die optimale Beratung der Gäste wichtig, dass wir alle ausgezeichneten Betriebe und ihre Lage persönlich kennen», sagt Susanne Gäumann.
Um den Aufwand für die Hotels möglichst klein zu halten, führen ab 2019 auch die Auditoren von Hotelleriesuisse, welche die Hotelklassifikationen vornehmen, solche Barrierefreiheitsprüfungen durch. Um geprüft zu werden, braucht sich ein Hotel nur bei «Claire & George» oder bei Hotelleriesuisse anzumelden und einen Besuchstermin zu vereinbaren. Die Prüfung ist für Hotelpartner von «Claire & George» kostenlos. Eine solche Partnerschaft kostet zwischen 250 und 500 Franken im Jahr. Je nach dem, ob man sich als Hotel ausschliesslich auf der Webseite oder zusätzlich im Jahreskatalog gelistet sehen möchte.
Eine barrierefreie Infrastruktur ist das eine. Mitarbeitende, die auf Gäste mit besonderen Bedürfnissen eingehen können, sind das andere. «Grundsätzlich stellen wir in der Hospitality-Branche eine grosse Bereitschaft fest, die Wünsche aller Gäste möglichst gut zu erfüllen», sagt Susanne Gäumann. Doch im Umgang mit körperlich oder geistig beeinträchtigen Gästen gäbe es doch noch viele Unsicherheiten.
Um diese zu beseitigen und den Hoteliers und ihren Angestellten eine Orientierungshilfe zu geben, ist ein Leitfaden ausgearbeitet worden. Er befindet sich zurzeit in der Herstellung und wird ab Ende November bei «Claire & George» und Hotelleriesuisse in gedruckter Form wie auch zum kostenlosen Her- unterladen erhältlich sein. Dieser Leitfaden soll die Grundlage für anschliessende Mitarbeiterschulungen sein. Ab 2019 wird «Claire & George» Mitarbeiterschulungen zusammen mit der Hotelprüfung in einem Gesamtpaket anbieten.
(Riccarda Frei)
«Der Preis ehrt auch alle unsere Partner»
HGZ: Susanne Gäumann, herzliche Gratulation zum «Milestone», den Sie für die Lancierung der Web-Plattform für barrierefreie Ferien in der Schweiz erhalten haben. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Susanne Gäumann: Für mich persönlich ist es wunderbar, dass wir nach der Nominierung im Jahr 2013 nun auch noch den Preis dazu bekommen haben. Er ist eine Würdigung und ehrt alle, die für «Claire & George» tätig sind. Dazu zählen Tourismus- und Hotelpartner, Spitex, Hilfsmittellieferanten und alle anderen, die uns unterstützen. Der Milestone ist für uns alle eine tolle Motivation, das Projekt barrierefreies Reisen in der Schweiz weiter voranzutreiben.
Zusätzlich zur Trophäe gab es ein Preisgeld von 5000 Franken. Was machen Sie mit dem Geld?
Wir werden damit vor allem die digitale Entwicklung und Arbeitsprozesse weiterführen.
Meilensteine markieren Etappen, die man geschafft hat. Welches Ziel visieren Sie als nächstes an?
2013 haben wir mit der Hotelspitex angefangen. Jetzt haben wir die Web-Plattform eingebunden. Das nächste logische Ziel besteht darin, bei der Digitalisierung einen Schritt weiterzugehen. Wir möchten die bestmögliche digitale Abbildung der Angebote voranbringen sowie den Shopgedanken etablieren. Wobei der persönliche Kontakt und die individuelle Beratung der Gäste auch weiterhin einen wichtigen Teil unserer Arbeit darstellen werden.
Zur Person
Susanne Gäumann ist Gründerin und Geschäftsführerin der Stiftung Claire & George. Sie hat an der Universität Bern studiert (lic. phil. 1) und sich konstant weitergebildet. Bevor sie 2013 «Claire & George» gründete, war sie Mitglied der Geschäftsleitung von Gesundheitsförderung Schweiz. Bereits im Gründungsjahr 2013 war Susanne Gäumann für «Claire & George Hotelspitex» für einen «Milestone» nominiert.
Claire & George
Die 2013 gegründete Stiftung vermittelt individuelle Ferien in Hotels in der ganzen Schweiz, je nach Bedarf mit Spitex- und weiteren Unterstützungs- oder Entlastungsservices. «Claire & George» ist gedacht für alle Menschen, die alters-, krankheits-, unfall- oder behinderungsbedingt vorübergehend oder dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind. Auch den Bedürfnissen der Angehörigen wird Rechnung getragen. Zum Beispiel, indem sie eine Auszeit von der Betreuung ihres Familienmitglieds machen und sich Zeit für sich selbst nehmen können. Das Ziel ist es, Betroffenen und ihren Angehörigen gemeinsam wieder Ferien zu ermöglichen. Zum Beispiel im Hotel Eden in Spiez. Das Hotel hat sich einen Poollift angeschafft, um gehbehinderten Menschen den Zugang ins Wasser zu ermöglichen. Oder im Strandhotel Seeblick in Faulensee. Hier wurde ein Zimmer zum See hin explizit barrierefrei eingerichtet.
www.claireundgeorge.ch
Mobility International Schweiz (MIS)
Die MIS ist die Fachstelle für barrierefreies Reisen. Ihre Hauptaufgabe ist das Sammeln weltweiter barrierefreier Reiseinformationen und das Weiterleiten dieser Infos an Interessenten. In ihrer Datenbank sind zahlreiche Unterkünfte in der Schweiz gelistet, die geistig behinderte Gäste als Einzelpersonen oder Gruppen aufnehmen und entsprechend eingerichtet sind. Darunter beispielsweise das Hotel Lenkerhof Gourmet Spa Resort in Lenk oder Das BreiteHotel in Basel.
www.mis-ch.ch
Schweizerischer Blindenbund
Dieser Verband führt eine Liste mit Hotels, die für Menschen mit einer Sehbehinderung und Blindenhunden besonders empfehlenswert sind.
www.blind.ch
Bio-Hotels
In diesem Verein haben sich Hotels aus sieben Ländern, darunter auch das Gaia Hotel in Basel, zusammengeschlossen, die sich auf ganz unterschiedliche, spezielle Gästebedürfnisse ausgerichtet haben. Zum Beispiel Hotels, die elektrosmogfreie Zimmer für hochsensible Gäste anbieten.
www.biohotels.info