Tötet die Blockchain Buchungsplattformen?

Hotelbuchungen ohne Mittelsmänner wie Booking.com – geht das? Blockchain-basierte Technologien versprechen geringe Transaktionskosten, eine sichere Abwicklung und maximale Kundenbindung.

Brauchen Hotels eine Blockchain? Dazu mehr im Text. (Illustration Solange Ehrler)

Nur um eins vorneweg zu nehmen: Eine Blockchain ist kein Buchungsportal. Doch es kann den Buchungsprozess verändern. Zum Vorteil des Hoteliers. Bevor Sie abschweifen: Wir versprechen Ihnen, Sie werden das System verstehen. Bleiben Sie dafür einfach für die nächsten sechs Minuten bei uns.  

Was ist eine Blockchain? 

Die Blockchain kann man sich als Datenbank vorstellen, die Bewegungen, Transaktionen und Daten speichert – und das auf sogenannten «Blocks». Ein Block beinhaltet also eine bestimmte Information. Gespeichert wird dezentral, also auf Servern, auf die alle Beteiligten einer Transaktion zugreifen können. Aus diesem Grund gelten blockchain-basierte Zahlungen, beispielsweise mit Bitcoins, als sehr sicher. Versucht jemand extern darauf zuzugreifen, wird der gesamte «Block» ungültig. 

Die Möglichkeiten, Daten zu speichern und auszuwerten sind in Blockchains unendlich, vergleichbar mit dem gesamten Internet. Ähnlich wie bei Google werden so Leistungen eines Anbieters direkt vom Kunden gefunden, ohne Buchungsplattformen als Zwischenhändler zu nutzen.   

An einer, wenn auch ferner, Analogie aus dem Alltag sei dies erklärt: Amazon weiss anhand unserer Käufe schon jetzt, welche Bücher wir bevorzugen und schlägt uns Ähnliches vor. Auch die Streamingdienste Netflix oder Spotify werten unsere Profile aus und schlagen geeignete Serien oder Musik vor. Bei Blockchain-basierten Algorithmen würden Daten in konkrete Angebote verarbeitet werden. Und zwar welche, die genau auf den Nutzer  zugeschnitten sind. Das mache Buchungsplattformen wie Booking.com oder Expedia theoretisch überflüssig, da Hotelangebote direkt mit Gästen und ohne Mittelsmänner verbunden würden. Aber auch praktisch? 

Wie kann die Hotellerie und Gastronomie Blockchains nutzen? 

Die Branche nutzt es schon jetzt. Vor allem blockchain-basierte Zahlungen mit Cryptowährungen nehmen zu. «Disney» nutzt seine eigene Technologie, die «Dragonchain». Darüber laufen Buchungen, Zahlungen, sogar die Präferenzen des Gastes im Restaurant werden gespeichert und ausgewertet. 

Doch wie ist das genaue Vorgehen bei Hotelbuchungen? Der Vorteil ist, dass Gästen viel individuellere Angebote gemacht werden können. Beispiel: Liebt ein Kunde Jacuzzis, wird diese Information in einer «private Blockchain» gespeichert. Das heisst: Nur das Hotel und der Gast haben darauf Zugriff. Bucht der Kunde ein Zimmer mit Jacuzzi online mit einem hinterlegten Profil, werden die Daten in einer «public Blockchain» gespeichert. Vorteil für die Hotels: Sie können mit Kategorien arbeiten und Gästen in diesem speziellen Fall nur Suiten und keine Standard-Zimmer anbieten. Gleiche Situation, wenn sich der Gast bei einer Buchung mit seinem Facebook-Profil registriert: «Es ist jetzt bereits möglich, die Likes einer Person auszuwerten, zu filtern und auf Präferenzen wie Jacuzzis abzusuchen. Bei einer ‹public Blockchain› greift man jedoch auf ein Vielfaches an Informationen zu», sagt Wilhelm K. Weber, SHL-Dozent und Partner bei Swiss Hospitality Solutions. 

Handlungsfähigkeit überprüfen – auch ein Vorteil der Blockchain. «Der Hotelier kann nachforschen, ob Zahlungen legitim sind, und muss nicht mit Deposit Payments und AGB-Hinweisen arbeiten», so Weber. 

Verlangen Buchungsplattformen wie Booking.com Provisionen von bis zu 20 Prozent, fallen diese Kosten bei blockchain-basierten Systemen deutlich günstiger aus. Gäste erhalten durch ausgewertete Algorithmen der Blockchain direkten Zugriff auf die Reservierungssysteme. Hotel und Gast sparen. Fällig wird bei den meisten Blockchain-Anbietern eine vom Buchungsvolumen unabhängige Grundgebühr. Diese pendelt sich bei einem bis drei Prozent ein. 

Blockchain beim Reisen

Bonusprogramme und Mitgliedschaften profitieren von einer Datenbank wie der Blockchain. Punkte, Meilen, Hotel-Rewards liessen sich zu einer Reise-Identität zusammenfassen. Beispiel: Besucht eine Person jedes Jahr eine bestimmte Veranstaltung in London, würden im Vorfeld Flug- und Hotelempfehlungen verschickt. Gelandet, steht ein Shuttle zur Verfügung. Man gleicht Vorlieben in Restaurants und Freizeit aufeinander ab und liefert Empfehlungen. Ein Eingriff in die Privatsphäre? Weber sagt nein: «Der Gast ist bereit, Privatsphäre gegen Bequemlichkeit zu tauschen.» Und es ist keine Zukunftvision: «Dieser Anwendungscase ist nur einen kleinen Schritt davon entfernt, was Anbieter wie ‹Google Trips› bereits jetzt tun.»

Blockchain im Vertrieb und Administration

«Wenn man es möchte, könnte man alle Prozesse im Hotel blockchain-basiert laufen lassen», sagt Weber. Intelligente Dienstplanung wäre heute auch ohne Blockchain möglich, doch nur die wenigsten tun das. Als Hotelier muss man sich fragen, in welchem Bereich es Sinn macht. Die Möglichkeiten sind unendlich. Aufenthaltsbewilligungen der Mitarbeitenden sowie Daten der Sozialversicherungen könnten intelligent abgelegt werden. Der Arbeitgeber müsste keine Dutzende Formulare ausfüllen – es gäbe ein zentrales Register. Der Reisekonzern Tui speichert bereits jetzt seine Hoteldaten und Zimmerkapazitäten in der Blockchain. Auch im Vertrieb oder Einkauf: Jede Zwischenstation bei Zahlungen oder im Transport ist transparent und einsehbar. 

Die Gefahren des Systems

Es ist so eine Sache mit der Transparenz. Man nimmt, aber man gibt auch. In diesem Fall: Man gibt viel von sich preis.  Wäre die folgende Situation also tatsächlich denkbar? Ein Hotelgast stellt ungerechtfertigt Hotels auf Online-Portalen bloss. Sie reagieren mit kritischen Bemerkungen zu dieser Person. Alles wird in der Blockchain gespeichert. Möchte der Gast nun ein Zimmer buchen, das hinterlegte Profil ist jedoch belastend. Kann ich als Hotelier diesen Gast ablehnen? «Das wäre schön», sagt Weber lachend, «momentan jedoch keine Diskussion. Was ich mir vorstellen könnte, wären Preisunterschiede.» Klingt für Sie nach 2050? Tripadvisor wertet bereits heute schon die abgegebenen Bewertungen der Gäste aus. Ausserdem oft kritisiert: der ernorme Stromverbrauch der Blockchain: unzählige Firmenserver, die jederzeit Daten senden und empfangen. Der weltweite Verbrauch des Bitcoin-Netzwerkes, der auf Blockchain basiert, war im November 2017 so hoch wie der Energieverbrauch von Irland. Webers Ansatz: «Hoteliers sollten sich hier nicht den Kopf zerbrechen, sondern lieber die Möglichkeiten des Systems ausloten. Wenn ein Hotelier die Umwelt retten will, gibt es konkretere Massnahmen im Betrieb als der Verzicht auf Technologie», sagt Weber schmunzelnd und verweist auf veraltete Heizanlagen und schlecht isolierte Fenster.

Wird Booking.com verschwinden? 

Eine aktuelle Studie zeigt: Booking.com hat seinen Marktanteil 2017 noch weiter ausgebaut. Mehr als 30 Prozent der Schweizer Logiernächte werden über Buchungsplattformen generiert. Bei fast jedem fünften Betrieb liegt dieser Anteil sogar bei mehr als 50 Prozent. Hoteliers fühlen sich durch die Dominanz des Online-Riesen zunehmend unter Druck gesetzt, so das Ergebnis der Umfrage. Wilhelm K. Weber findet die Reaktion grotesk: «Das ist typisch für unsere Branche. Damals verschliefen wir den Buchungstrend im Internet und wundern uns heute, dass andere die Chance erkannt haben.» Der Berater zeigt sich pessimistisch: «Anstatt zu überlegen, wie wir die neue Technologie rund um Blockchain nutzen können, sitzen wir herum und fragen uns, ob ein Hotel sowas überhaupt braucht. Das ist die falsche Frage. Wenn wir hier nicht lernen, anders zu denken, werden wir in ein paar Jahren wieder in neuen Abhängigkeiten landen.» 

Die Neugier fehlt – doch Weber sieht auch das Gute: «Wer sich damit beschäftigt, hat die Möglichkeit, sich aus dem Einheitsbrei von technologiefeindlichen, konservativen Spätentwicklern abzuheben.» 

Im Luzerner Hotel Montana hat man bereits jetzt die Möglichkeit, mit Bitcoins zu zahlen. Nicht weil man glaubt, dass viele Gäste 2018 Cryptowährungen nutzen, sondern um zu lernen, wie man mit dieser neuen Art der Zahlung umgeht. Zudem Bitcoins beim aktuellen Kurs auszugeben, eher unklug ist. Weber: «Als Hoteliers sollten wir anfangen, mit den neuen Technologien zu spielen. Man lernt sie kennen und sammelt Erfahrungen. Weiss ich mehr als mein Mitbewerber, kann sich daraus ein handfester Wettbewerbsvorteil entwickeln.» 

Wann wird die Technologie also business-kritisch? 2018 noch nicht. Schätzungen zufolge werden blockchain-basierte Anwendungen in zwei Jahren den Markt prägen und in drei bis fünf Jahren business-kritisch etablieren. Webers Rat: Jetzt anfangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Informieren, überlegen, im welchem Bereich des Geschäftes es Sinn macht. «Wer erst anfängt, wenn die Technologie bereits etabliert ist, ist definitiv zu spät dran.»  

(Anna Shemyakova)


Blockchain-Anbieter

Das Schweizer Startup «Winding Tree» ist eine der Plattformen, die Blockchain-Zugänge anbieten. Sie kooperieren bereits mit Lufthansa oder den Nordic Choice Hotels. 

Mittelfristig werden auch grosse Player wie Google oder Booking.com an Systemen forschen.

Vergangenen Monat eröffnete in Zug/ZG die Firma «Narwal Blockchain PR».