Die Branche sagt Nein zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz»

Am 14. Juni stimmt das Schweizer Stimmvolk über die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative der SVP ab. Die drei grössten Gastgewerbe-Verbände stellen sich klar gegen die Vorlage. Sie warnen vor einem Angriff auf die Löhne, dem Abbau von Leistungen und zunehmendem Arbeitskräftemangel.

 

Wegen fehlender Arbeitskräfte am Nachmittag geschlossen. Ohne Mitarbeitende aus dem Ausland sind Betriebe vielerorts gezwungen, das Angebot zu reduzieren und die Öffnungszeiten anzupassen. (Keystone-SDA)

 

Beat Imhof

Präsident des Arbeitgeberverbands Gastrosuisse

Die SVP-Initiative «Keine 10 Millionen Schweiz» ist aus Sicht des Gastgewerbes ein gefährlicher Irrweg. Was als Ordnungspolitik verkauft wird, schafft in Wahrheit Chaos, insbesondere in arbeitsintensiven Branchen wie der Gastronomie. Die meisten Betriebe beschäftigen Mitarbeitende aus dem Ausland. Ohne diese Arbeitskräfte könnten viele Restaurants und Hotels ihren Betrieb nicht aufrechterhalten. Schon heute zwingt der Fachkräftemangel Betriebe dazu, Öffnungszeiten oder Angebote einzuschränken.

«Was als Ordnungspolitik verkauft wird, schafft in Wahrheit Chaos.»

Die Initiative setzt die Personenfreizügigkeit mit der EU und damit den gesamten bilateralen Weg aufs Spiel. Die Folgen sind steigende Preise, mehr Bürokratie, Rechtsunsicherheit und ein akuter Mangel an Arbeitskräften. Die Schweizer Bevölkerung altert rasant. In den kommenden Jahren scheiden mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt aus, als Junge nachrücken. Ohne Zuwanderung werden systemrelevante Bereiche nicht mehr wie gewohnt funktionieren. Gastrosuisse nimmt die Sorgen rund um Zuwanderung ernst. Es besteht grosser Handlungsbedarf. Unsere Branche investiert seit Jahren in Berufsbildung, Nachwuchsförderung und attraktivere Arbeitsbedingungen. Doch diese Anstrengungen allein reichen nicht aus, um den Fachkräftemangel zu kompensieren. Auch in Zukunft soll sich eine Schweizer Familie einen Restaurantbesuch leisten können. Deshalb sagen wir klar Nein zu dieser Chaos-Initiative.


Esther Lüscher

Präsidentin der Arbeitnehmerorganisation Hotel & Gastro Union

Bei der Initiative der SVP geht es um vieles. Aber um eines geht es nicht: um die Bevölkerungsgrösse der Schweiz. Vielmehr stimmen wir am 14. Juni über den Abbau von Arbeitsplätzen, die Gefährdung einer guten Gesundheitsversorgung und einen Angriff auf die Löhne ab. In der Schweiz müssen alle Arbeitgeber allen Arbeitnehmenden Schweizer Löhne bezahlen. Bei einer Annahme der SVP-Initiative würde dieser Lohnschutz wegfallen.

Wir stimmen darüber ab, ob wir die Beziehungen zur EU in Frage stellen wollen. Und schliesslich stimmen wie darüber ab, ob wir mit unseren ausländischen Kolleginnen und Kollegen anständig zusammenleben wollen oder nicht. Wir wissen alle, dass heutzutage ohne ausländische Arbeitnehmende kaum ein Menü in einem Restaurant serviert werden könnte.

«Ohne unsere ausländischen Kollegen könnte kaum ein Menü serviert werden.»

Bei einer Annahme müsste relativ rasch die Personenfreizügigkeit gekündigt werden. Bereits in den Jahren 2030 oder 2031 könnte die Schweiz die Schwelle von 9,5 Millionen Einwohnern erreichen. Dann muss die Schweiz Massnahmen ergreifen, zuerst im Asylwesen und beim Familiennachzug, auch bei europäischen Arbeitnehmenden. Dadurch verletzt sie bereits die Abkommen mit der EU. Anschliessend würde die Kündigung der Personenfreizügigkeit erfolgen. Damit fallen auch die bilateralen Verträge mit der EU weg. All diese Punkte sprechen für ein klares Nein an der Urne!


Martin von Moos

Präsident des Arbeitgeberverbands Hotelleriesuisse

Die sogenannte «Chaos-Initiative» gefährdet genau das, worauf unsere Branche angewiesen ist: verlässliche Rahmenbedingungen, genügend Fachkräfte und bezahlbare Angebote für Gäste. Ohne Personenfreizügigkeit würden besonders operative Bereiche wie Küche, Service, Réception und Hauswirtschaft noch stärker unter Druck geraten. Schon heute ist es anspruchsvoll, genügend qualifizierte Mitarbeitende zu finden. Wird der Zugang zu Fachkräften zusätzlich erschwert, trifft das nicht nur die Betriebe, sondern am Ende auch die Gäste.

«Die Initiative löst weder den Fachkräftemangel noch die Wohnraumfrage.»

Denn weniger verfügbare Arbeitskräfte bedeuten steigende Lohn- und Betriebskosten. Diese Kosten können viele Betriebe nicht einfach auffangen. Besonders kleinere Hotels und Restaurants geraten dadurch unter Druck. Grosse, gut aufgestellte Betriebe können sich höhere Löhne vielleicht noch eher leisten. Kleinere Betriebe haben diesen Spielraum oft nicht. Die Folge wären steigende Preise und weniger Vielfalt im Angebot. Die Initiative löst weder den Fachkräftemangel noch die Wohnraumfrage. Sie schafft aber Unsicherheit: für Betriebe, Mitarbeitende, Saisonplanung und Grenzregionen. Auch Grenzgängerinnen und Grenzgänger sind nämlich Teil dieses funktionierenden Systems. Ihre heutige Rechtsstellung ist eng mit der Personenfreizügigkeit verbunden. Unsere Branche braucht Stabilität und offene Zugänge zu den Arbeitskräften, die unsere Qualität sichern.