Mehr Emotionen, weniger Zeigefinger

Mitte März drehte sich auf dem Weissenstein/ SO alles um Nachhaltigkeit. Das überraschende Fazit: Mehr machen, weniger darüber reden.

Die Jucker Farm gewinnt die Herzen ihrer Kunden unter anderem mit Anlässen für die ganze Familie. Im Bild die bekannte Kürbisausstellung. (ZVG)

Erstmals bündelten die drei Schweizer Nachhaltigkeitsinitiativen Ibex Fairstay, Responsible Hotels of Switzerland und Myclimate «Cause We Care» ihre Kräfte und führten einen gemeinsamen Weiterbildungs- und Netzwerktag durch. Das Motto lautete «Die Kunst des Andersmachens – Inspirationen von Querdenkern». Entsprechend vielfältig war der Reigen der Referentinnen und Referenten, die Einblicke in ihre Fachgebiete gaben.

Den Anfang machte Professorin und Autorin Johanna Gollnhofer. Sie hat mit ihrem Buch «Das 60 %-Potenzial» für Aufsehen gesorgt. Darin beschreibt sie, wie sich Unternehmen bei der Vermarktung von nachhaltigen Produkten oft an die falsche Klientel wenden. Denn der Markt lasse sich wie folgt aufteilen: 20 Prozent sind sogenannte Öko-Fans, die sowieso auf Nachhaltigkeit setzen. Und 20 Prozent sind Öko-Muffel, die man ohnehin nie überzeugen können wird.

«Löst ein Produkt Emotionen aus, rückt der Preis in den Hintergrund.»

Martin Jucker, Jucker Farm AG

Das Potenzial liege in den verbleibenden 60 Prozent: «Das ist die breite Masse, die Nachhaltigkeit zwar grundsätzlich gut findet, aber nicht zwingend zum nachhaltigeren Produkt greift, welches oft teurer ist.» Diese potenziellen Kunden müsse man anders ansprechen. Anstatt die Nachhaltigkeit in den Vordergrund zu rücken, sollte es um andere positive Eigenschaften des Angebots oder Produkts gehen: um Geschmack, ein exklusives Erlebnis, Emotionen und so weiter.

Dass der Fokus auf Nachhaltigkeit für die erfolgreiche Vermarktung von Produkten nicht immer reicht, hat auch Martin Jucker, Inhaber der Jucker Farm in Seegräben/ZH, gemerkt. Er arbeitet nach den Prinzipien der regenerativen Landwirtschaft und ver-sucht, Nachhaltigkeit so ganzheitlich wie möglich zu denken. «Es nützt wenig, regenerativ anzubauen, die Nachhaltigkeit in anderen Bereichen aber zu vernachlässigen», so Martin Jucker. Diese Philosophie alleine überzeugt jedoch nicht alle seine Kunden. «Unsere Kichererbsen sind beispielsweise dreimal teurer als jene aus der Türkei. Da können wir nicht mithalten.» Daher fokussiert die Jucker Farm auch stark auf die Themen Events und Lifestyle. Landesweit bekannt ist die alljährliche Kürbisausstellung – ein Besuchermagnet für Jung und Alt. «Wenn ein Produkt mit positiven Emotionen verbunden wird und eine spannende Geschichte erzählt, rückt der Preis in den Hintergrund», so Jucker.

Kampf dem Greenwashing

Wer seine Produkte als nachhaltig bewirbt, muss künftig sowieso vorsichtiger sein. Denn die neue «Empowering Consumers»-Richtlinie der EU (Empco), welche ab September 2026 verbindlich umgesetzt werden muss, schreibt vor, dass Betriebe jeden Nachhaltigkeits-Claim auch wissenschaftlich fundiert nachweisen müssen. Dies betrifft auch Schweizer Unternehmen, die Produkte in der EU anbieten – also zum Beispiel Hotels, welche Gäste aus der EU haben. Kai Landwehr, Director Global Marketing und Co-Executive Director bei der Stiftung My-climate, sieht darin keinen Nachteil: «Im Gegenteil. Für Betriebe, welche sich wirklich für mehr Nachhaltigkeit einsetzen, ist das eine Chance. Denn unbegründete Behauptungen sind damit künftig verboten.»

(Angela Hüppi)


Neue Massstäbe für nachhaltige Hotellerie

Nachhaltigkeit zeigt sich nicht im Versprechen, sondern im gelebten Alltag. Die «Best of Ibex Fairstay»-Preise gehen daher an Mitgliederbetriebe, die im vergangenen Jahr besonders herausragende Leistungen erzielt haben. Mit der höchsten Gesamtpunktzahl im vergangenen Zertifizierungsjahr überzeugte das Hotel-Restaurant Sonnenberg in Kriens/LU. «Nachhaltigkeit wird hier nicht delegiert, sondern vom Team getragen», schreibt Ibex Fairstay in einer Mitteilung. Die Auszeichnung «Beste Performance» geht an das Hotel Villa Honegg in Ennetbürgen/ NW. Deren Reduktion des Energieverbrauchs, hohe Ressourcen- und Wirtschaftlichkeitseffizienz sowie gezielte Investitionen in die Zukunftsfähigkeit des Betriebes belegen gemäss Ibex Fairstay eine konsequente Weiterentwicklung – ökologisch wie ökonomisch.

Die Jugendherberge in Trin/GR wird für ihr grosses soziales Engagement ausgezeichnet. Als Teil des Bergwaldprojekts verbindet der Betrieb nachhaltige Beherbergung mit gesellschaftlicher Verantwortung und bietet faire Arbeitsbedingungen in einem integrativen Umfeld. Den vierten Preis für die beste regionale Verankerung erhält die Trauffer Erlebniswelt und Bretterhotel. Sie setzt mit ihrem Konzept ein Zeichen für regionale Kreisläufe.

(ahü)


Eine Tagung für alle

Künftig legen Ibex Fairstay, Responsible Hotels of Switzerland und Myclimate «Cause We Care» ihre Tagungen zusammen, um Synergien zu nutzen und dem Tagungs-Dschungel entgegenzuwirken. Die so entstandene Plattform soll Austausch, Inspiration und praxisnahe Inputs bündeln und das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der nachhaltigen Community stärken.

ibexfairstay.ch
responsiblehotels.ch
myclimate.org