1886 wurde die Union Winkelried gegründet. Der Name der heutigen Hotel & Gastro Union hat sich geändert, nicht aber ihre Ziele.
Zur Zeit der Gründung der heutigen Hotel & Gastro Union bekamen Lernende keinen Lohn, sondern sie bezahlten Lehrgeld. Kellner lebten nur vom Trinkgeld. Es gab weder eine Kranken- und Unfallversicherung noch Altersvorsorge. Es gab keine bezahlten Ferien, Feiertage oder Weiterbildungen. Aber es gab den Willen, sich gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.
Seither hat sich im Gast- und Bäckergewerbe viel geändert. Karl Eugster war von 1977 bis 2007 Zentralsekretär der Union Helvetia (vormals Union Winkelried) und nach deren Umbenennung in Hotel & Gastro Union ihr Geschäftsleiter. Er fasst die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie politischen Veränderungen während dieser Zeit so zusammen: «Vom Kalten Krieg zur Globalisierung. Von der Arbeits- zur Konsumgesellschaft. Von sozialer Solidarität zu neoliberaler Denkart und von der Fremdarbeiterpolitik zum Fachkräftemangel.»

Dank der Hotel & Gastro Union sind seit 1988 die Mindestlöhne für Frauen und Männer im Gastgewerbe gleich. (Roy Matter)
In der Praxis sah das so aus: Internationale Hotel- und Restaurantketten drängten auf den Schweizer Markt. Die Systemgastronomie entwickelte sich. Das Restaurantangebot wurde internationaler. Die Gemeinschaftsgastronomie erhob sich auf ihr heutiges Niveau. Zudem wurde die Lebensmittelproduktion industrialisiert. Das führte dazu, dass im Gastgewerbe neue Technologien, Geräte und Arbeitsmethoden zum Einsatz kamen. «Die Union hat sich den vielfältigen Herausforderungen gestellt und innovativ gehandelt», sagt Karl Eugster. Als ein Beispiel nennt er die Schaffung der für die Branche in den 1980er-Jahren ganz neuen eidgenössischen Berufsprüfungen. Nicht nur die Berufsbildung, auch die Union wurde modernisiert.
Mit der Einführung der Berufsverbände und Regionen baute sie neue Strukturen auf und wandelte sich vom Verein zum Verband. Seit 2000 trägt sie den Namen Hotel & Gastro Union. Bei Berufsbildung und Arbeitsbedingungen mitzubestimmen, ist nach wie vor Kern der Interessenvertretung, welche die Union für die Angestellten im Gastund Bäckergewerbe wahrnimmt. Die Union vertritt die Arbeit-nehmenden auch in den sozialen Kassen der Branche (Hotela und Gastro Social). Sie sorgt dafür, dass mit den Prämien und dem Vorsorgekapital der Arbeitnehmenden sorgsam umgegangen wird.

Frauen arbeiteten um 1900 als Zimmermädchen oder Saalfräulein. (Hotelarchiv)
2007 übernahm Urs Masshardt die Geschäftsleitung der Union. Er sagt: «Die grösste Herausforderung während meiner Amtszeit bestand darin, die gastgewerblichen Berufe aus dem traditionellen Bild herauszuführen und ihnen den Stellenwert zu geben, den sie verdienen.» Die Corona-Pandemie habe die Schwächen des Gastgewerbes schonungslos offengelegt. «Wir haben deshalb nicht nur für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen gekämpft, sondern für Bildung, berufliche Perspektiven, Wertschätzung und moderne Sozialpartnerschaft.» Urs Masshardt betont, dass sich die Union nicht bloss darauf beschränkt habe, auf Veränderungen zu reagieren. Sie habe zunehmend die Diskussion darüber bestimmt, wie die Arbeit im Gast- und Bäckergewerbe in Zukunft aussehen soll.
Karl Eugster, Geschäftsleiter von 1977 bis 2007
Seit 2024 führt Oliver Schärli den Verband. Ihm fällt die Aufgabe zu, die Union durch die Zeit der Digitalisierung und KI zu begleiten. Dazu gehört, die Arbeitnehmenden daran zu erinnern, dass bessere Bedingungen darauf basieren, dass sich die Angestellten der Branche gemeinsam dafür einsetzen. Denn in einem sind sich Eugster, Masshardt und Schärli einig: «Es braucht die Union auch in Zukunft.» Zum einen, um in einer immer automatisierteren Arbeitswelt den zwischenmenschlichen Kontakt unter Berufskollegen zu fördern. Zum andern, um den Berufsleuten auch künftig eine Stimme zu geben, die gehört wird.
(Riccarda Frei)