Die vollen Züge auf das Jungfraujoch oder der Glacierexpress zeigen, dass Bahnreisen bei inländischen und ausländischen Gästen in der Schweiz äusserst beliebt sind. Die Bahnen tragen dazu bei, dass Reisende in Gegenden gelangen, die weniger frequentiert sind wie etwa das Centovalli oder das Puschlav.

Adrian Müller, wissenschaftlicher Projektleiter und Studienleiter CAS Tourismus Excellence an der Universität Bern, sagt, dass die genannten Bahnen aus touristischer Sicht durchaus wichtig sind, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Ein Glacier Express, eine Centovallibahn, die Jungfraubahn oder die Brienz-Rothorn-Bahn sprechen teilweise andere Zielgruppen an. Sie erfüllen unterschiedliche Funktionen innerhalb einer Reise und beruhen auch auf unterschiedlichen Geschäftsmodellen. «Daher lassen sie sich touristisch nicht direkt miteinander vergleichen.»
Grundsätzlich lohne sich die Unterscheidung zwischen attraktiven Ausflugs- und Panoramabahnen einerseits und Bergbahnen beziehungsweise Bahnen zu einem touristischen Hauptziel andererseits. «Bei einer Strecke wie der Centovallibahn ist die Bahnfahrt selbst ein attraktives Reiseerlebnis und kann einen bestehenden Aufenthalt bereichern», sagt Adrian Müller weiter. Bei der Jungfraubahn sieht laut dem Tourismusexperten die Situation anders aus: «Das Jungfraujoch ist ein international bekanntes touristisches Ziel und ein zentrales Element der Vermarktung der Jungfrau-Region sowie der Schweiz insgesamt.» Hier dürfte für viele Gäste weniger die Bahnstrecke im Vordergrund stehen als das Erlebnis, beziehungsweise das Ziel, das man mit der Bahn erreichen kann. Dies gilt teilweise auch für andere Bergbahnen: Sie sind nicht nur Transportmittel, sondern Teil eines touristischen Gesamtprodukts. «Die genannten Bahnstrecken haben damit eine wichtige Funktion für den hiesigen Tourismus», erklärt Adrian Müller weiter. Sie ermöglichen nicht nur praktische und umweltfreundliche Mobilität, sondern verbinden Landschaft, Aussicht und Reiseerlebnis. Zudem lassen sie sich mit weiteren touristischen Angeboten kombinieren und können dazu beitragen, Gäste zwischen verschiedenen Destinationen zu bewegen. Für die Attraktivität des Schweizer Tourismus ist entscheidend, dass solche Angebote in ein sehr gut ausgebautes öffentliches Verkehrssystem eingebettet sind. Die touristischen Bahnen profitieren von der guten Erreichbarkeit und Vernetzung des Landes durch den öffentlichen Verkehr.
(Daniela Oegerli)
Der Panoramazug Golden Pass Express verkehrt zwischen Interlaken Ost und Montreux. Die Idee, eine durchgehende Meterspurverbindung anzubieten entstand in den 1930er-Jahren. Bis ins Jahr 2022 konnten nur Teilabschnitte befahren werden, weil die Strecke unterschiedliche Spurweiten aufwies. Die Fahrgäste mussten daher in Zweisimmen umsteigen. Seit die Spurweite an den Bahnwagen dank eines variablen Drehgestells verändert werden kann, ist eine durchgängige Fahrt möglich.
Die Strecke ist 115 Kilometer lang und die Fahrt dauert rund drei Stunden und 15 Minuten. mob.ch
Die einzig regelmässig verkehrende Dampfbahn in der Schweiz wurde in nur 16 Monaten erstellt. Im Juni 1892 wurde die Bahn eröffnet. Beim Ausbruch des ersten Weltkrieges wurde der Betrieb eingestellt und konnte erst 16 Jahre später wieder aufgenommen werden. Eine Elektrifizierung wurde nie vorgenommen. Noch heute sind regelmässig historische, kohlebefeuerte Dampfloks aus dem vorletzten Jahrhundert unterwegs. Die Bahnsaison dauert von Juni bis Oktober.
Im der Saison 2025 beförderte die Brienz Rothorn Bahn insgesamt 261 722 Personen. brienz-rothorn-bahn.ch
Die Jungfraubahn-Gruppe verzeichnete im Jahr 2025 mit fast 3,91 Millionen Gästen einen neuen Besucherrekord. Damit wurden so viele Personen transportiert wie noch nie. Allein auf das Jungfraujoch fuhren mehr als eine Million Gäste. Der Bau der Bahn vor über hundert Jahren gilt als herausragende Ingenieurleistung. Der Unternehmer Adolf Guyer-Zeller plante und setzte die Zahnradbahn um, die von der Kleinen Scheidegg durch den Eiger und den Mönch auf das Jungfraujoch führt.
Zu den Jungfraubahnen gehören unter anderem die Firstbahn, die Harder- oder die Mürrenbahn. jungfrau.ch
1816 eröffnete auf Rigi Kulm das erste Berggasthaus der Schweiz. Mit der ersten Bergbahn Europas reisen Gäste seit 1871 ab Vitznau auf die Rigi. Bis die Bahn erstellt war, mussten die Besuchenden zu Fuss oder mit Mauleseln den Berg besteigen. Noch heute ist der älteste Zahnradtriebwagen der Welt, «Nummer 6» aus dem Jahr 1911, regelmässig zwischen Goldau und Rigi Kulm unterwegs. Im Frühling 2022 wurde der historische Wagenpark mit neuen Fahrzeugen ergänzt.
Die Rigi ist mit jährlich über 900 000 Besuchern eines der beliebtesten Ausflugsziele der Schweiz. rigi.ch
Der Glacier Express wird oft als der «langsamste Schnellzug der Welt» bezeichnet. In acht Stunden fährt der Zug über 291 Brücken, durch 91 Tunnel und über den 2033 Meter hohen Oberalppass, nahe der Quelle des Rheins. Weiter rheinabwärts durchquert er die Rheinschlucht. Zwischen Thusis und St. Moritz befährt der Zug dieselbe Strecke wie der Bernina-Express. Die erste Fahrt des Glacier Express im Juni 1930 startete in Zermatt und erreichte St. Moritz nach knapp elf Stunden.
Im Jahr 2024 sind 313 863 Passagiere mit dem Glacier Express gereist. glacierexpress.ch
Die Bahn führt von Locarno/TI durchs Centovalli bis nach Domodossola. Wie die ehemalige Maggiatalbahn und die Standseilbahn Locarno– Madonna del Sasso ist auch die Centovallibahn auf die Initiative des Stadtpräsidenten von Locarno Francesco Balli gegen Ende des 19. Jahrhunderts zurückzuführen. Bis 1990 war die Piazza della Stazione Endstation, seitdem gibt es einen unterirdischen Bahnhof. Die Strecke ist 52 Kilometer lang und führt über 83 Viadukte und 31 Tunnel.
Jährlich nutzen mehr als eine halbe Million Menschen die beliebte Panoramastrecke. vigezzinacentovalli.com
Der Bernina Express, der von der Rhätischen Bahn betrieben wird, führt von Chur via St. Moritz über 196 Brücken und durch 55 Tunnel nach Tirano in Italien. Auf den 144 Kilometern überwindet die Bahn in sogenannten Kehrtunneln oder Viadukten insgesamt 1800 Höhenmeter. Die Berninastrecke existiert seit 1910. Erst im Jahr 1973 führte die Rhätische Bahn die Tagesverbindung offiziell als eigenen Markennamen und Panoramazug «Bernina Express» ein.
2024 fuhren 401 165 Gäste mit dem Berninaexpress, seit der Eröffnung waren es zehn Millionen. rhb.ch
