Wie viel Höhe verträgt ein Ort?

Ein 260 Meter hoher Turm am Fuss des Matterhorns sorgt in Zermatt/VS für Diskussionen. Der geplante «Lina Peak» des Zermatter Unternehmers und Hoteliers Heinz Julen steht exemplarisch für Bauprojekte, die Lösungen versprechen und gleichzeitig Fragen zur Identität eines Ortes aufwerfen.

(Illustrationen Sonja Demarmels)

Ein Wolkenkratzer am Fuss des Matterhorns, rund 800 Meter vor dem Dorfeingang: Was für die einen eine Antwort auf die Wohnungsnot ist, stellt für andere einen Angriff auf das Ortsbild dar. Der geplante «Lina Peak» in Zermatt/ VS steht exemplarisch für eine Entwicklung, die viele alpine Destinationen beschäftigt: Wie lässt sich Wachstum ermöglichen, ohne das typische Ortsbild zu verlieren? Noch steht das Projekt am Anfang. Für die Realisierung braucht es eine Umzonung. Laut Heinz Julen müssen zuerst Unterschriften gesammelt werden, um eine Abstimmung zu ermöglichen.

Der «Lina Peak», auch das vertikale Dorf genannt, ist dabei nicht nur als Bauprojekt gedacht, sondern als Teil eines grösseren Konzepts. Neben Wohnraum für Einheimische und Angestellte soll das Projekt auch auf weitere Herausforderungen der Destination reagieren. Wie überlastete Hotspots, fehlende Freizeitangebote für die lokale Bevölkerung sowie Fragen rund um Verkehr und Logistik. Eine rund 950 Meter lange Gondelbahn soll den Standort mit der Kumme-Bahn und damit direkt mit dem Skigebiet verbinden. Beim Nutzungskonzept verfolgt der Bau einen sozialpolitischen Ansatz: Die Etagen 2 bis 32 wären für bezahlbare Erstwohnungen für Einheimische und Angestellte mit Spekulationsverbot sowie betreute Seniorenresidenzen vorgesehen. Die oberen Etagen würden dem freien Verkauf dienen und zur Quersubventionierung des sozialen Wohnraums beitragen.

Wie Zermatt Tourismus auf Anfrage schreibt, wird derzeit gemeinsam mit den Leistungspartnern anhand einer Studie erhoben, wie hoch der Wohnraumbedarf in der Destination Zermatt-Matterhorn aktuell und künftig tatsächlich ist. Ziel sei, daraus «eine bisher nicht vorhandene, seriöse Datengrundlage abzuleiten». Zu privaten Projekten äussere sich die Destination erst, sobald die Studie vorliege und der effektive Bedarf bekannt sei.

Besucherinnen und Besucher könnten künftig ausserhalb des Dorfkerns anreisen und direkt ins Skigebiet gelangen. Limitierbare Parkplätze und eine Anbindung an den geplanten Mattertal-Tunnel würden es erlauben, Gäste gezielt zu lenken und grössere Verkehrsströme zu steuern. Befürworter sehen darin eine Chance, Anzeichen von Overtourism an stark frequentierten Orten im Dorf zu mildern und den Tourismus räumlich neu zu organisieren. Kritiker stellen die Frage, ob ein solches Projekt die Eingriffe rechtfertigt oder ob es zusätzliche Belastungen schafft.

Verdichten statt zersiedeln

Die Idee hinter solchen Visionen ist nicht neu. Bereits in den 1960erund 1970er-Jahren setzte man in den Alpen auf verdichtetes Bauen. Ferienresorts wie Aminona bei Crans-Montana/VS sollten viele Gäste auf vergleichsweise kleinem Raum unterbringen. Dies als Gegenmodell zur flächigen Zersiedelung durch Chalets. Doch es zeigte sich, dass zwischen Konzept und Realität eine Lücke klaffen kann. Bei manchen Projekten standen Verkauf und Finanzierung stär-ker im Vordergrund als eine langfristige Bewirtschaftung. Andere blieben unvollendet oder verloren über die Jahre an Qualität. Zurück blieben Bauten, die bis heute als Fremdkörper gesehen werden.

In Aminona bei Crans-Montana erinnern drei Hochhäuser an ein ursprünglich deutlich grösser geplantes Resort. In den folgenden Jahren wurde das Areal mehrfach neu geplant, zuletzt als Luxusresort mit internationalen Investoren. Eigentümerwechsel, Baustopps und juristische Auseinandersetzungen bremsten auch diese Pläne aus.

Die zentrale Akzeptanzfrage

Doch die Geschichte alpiner Grossprojekte besteht nicht nur aus gescheiterten Ideen. Andermatt/ UR zeigt, dass tiefgreifende touristische Entwicklungen auch funktionieren können, sofern sie langfristig geplant, politisch abgestützt und als Gesamtprojekt umgesetzt werden. Mit Andermatt Reuss ist in den vergangenen Jahren ein neuer Dorfteil entstanden. Hotels, Wohnungen, Gastronomie, Bergbahnen und Infrastruktur wurden als zusammenhängendes System entwickelt.

Nach dem Rückzug des Militärs verlor Andermatt wirtschaftlich an Bedeutung. Der ägyptische Investor Samih Sawiris sah darin eine Chance, den Ort als Ganzjahresdestination neu zu positionieren. Der Rückhalt vor Ort entstand allerdings nicht sofort. Sawiris musste Vertrauen aufbauen und die Bevölkerung überzeugen. Erst danach stimmten die Stimmberechtigten den planungsrechtlichen Grundlagen mit grosser Mehrheit zu. Zusätzlichen Schub erhielt das Vorhaben durch die Sonderregelung im Rahmen der Lex Koller, die ausländischen Interessenten den Erwerb von Immobilien im Resort erleichterte. Das Projekt brachte zwar Investitionen, neue Arbeitsplätze und touristische Dynamik, es führte aber auch zu Diskussionen über Bodenpreise, Zweitwohnungen und das Verhältnis zwischen altem Dorf und neuem Resort.

Für Hotelier Kurt Baumgartner aus Scuol/GR ist beim Bauen in alpinen Regionen das Mass entscheidend. Gemeinsam mit seiner Frau Julia hat er die Belvedere Hotel Familie über Jahre weiterentwickelt und in Scuol beträchtlich investiert. «Neue Bauten müssen das bestehende Ortsbild ergänzen, nicht dominieren», sagt Baumgartner. Gute Architektur falle nicht durch Glamour oder Kitsch auf, sondern durch «ihre Selbstverständlichkeit im Ortsbild». Entscheidend sei, ob ein Projekt ein Zentrum belebe, sich organisch ins Dorfbild einfüge und echten Mehrwert schaffe. «Das stärkt die Identität einer Destination.»

Auch beim «Lina Peak» geht es nicht allein um Architektur. Heinz Julen legt seine Sichtweise im Interview dar:


Heinz Julen, wann haben Sie erstmals mit der Idee «Lina Peak» gespielt?

Das war vor rund drei Jahren, als die Wohnungsproblematik in Zermatt immer mehr zu einem existenziellen Problem wurde.

Ihr Projekt wird als visionär, aber auch als Provokation bezeichnet. Was davon trifft zu?

Für mich soll es weder einer Vision noch einer Provokation dienen, sondern es soll die Probleme von Zermatt lösen.

Sie argumentieren mit Wohnraum und Verdichtung. Kritiker sehen darin vor allem ein spektakuläres Prestigeprojekt.

In der Tat handelt es sich um verdichtetes Wohnen. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass Zermatt in seiner Baufläche sehr beschränkt ist und konventionelle Wohnraumentwicklung auf einem bezahlbaren Niveau für Einheimische und Angestellte kaum mehr möglich ist. Das Projekt befindet sich etwa 800 Meter vor den Toren Zermatts. Dies ist entscheidend, weil es so in seiner Eigenart nicht allzu stark Einfluss auf die räumliche Entwicklung des Dorfkerns nimmt. Da das bebaubare Gebiet in Bezug auf Naturgefahren ebenfalls äusserst beschränkt ist, gibt es letztlich nur die Möglichkeit der Verdichtung – und zwar in die Höhe. Sollte es je gebaut werden, hoffe ich, dass wir es schaffen, eine Ikone für Zermatt zu platzieren, die vor allem die Aufgabe hat, Probleme zu lösen und nicht als Prestigeprojekt wahrgenommen wird.

«Ein Projekt muss geliebt werden, sonst hat es keine Berechtigung.»

Heinz Julen, Unternehmer

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele das Projekt als Bruch mit der Identität von Zermatt wahrnehmen?

Zermatt lebt vor allem von seinem Ortsbild, das nachhaltig von unseren Vorfahren und späteren Walsern geprägt wurde. Doch was ab den 1970er-Jahren gebaut wurde, trägt nun wirklich nicht viel zur Stimmung unseres Dorfes bei. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber mir scheint, dass viele Orte in den Alpen, in denen sich die Walser ausgebreitet haben, mit diesem wertvollen Kulturgut besser umgegangen sind als wir selbst. Für die Walser Architekturkultur standen in erster Linie Funktionalität, technische Machbarkeit, bauen nach ehrlichem Bedürfnis und vor allem ein platzsparender Umgang mit dem knappen Boden im Vordergrund. Genau diese Tugenden treffen auf den «Lina Peak» zu. So gesehen ist der Turm für mich ein echtes Walser Projekt, weil es bei uns erdacht wurde und hier entstehen würde.

Wie würden Sie das Projekt weiterverfolgen, wenn sich eine Mehrheit der Bevölkerung dagegen ausspricht?

Gar nicht. Denn zur Realisierung braucht es zwingend die Mehrheit der Zermatter Bevölkerung. Um diese Mehrheit zu erreichen, habe ich eine Initiative für die benötigte Umzonung gestartet. Wenn diese nicht zustande kommt, lasse ich es ohnehin sein. Ein Projekt muss geliebt werden, sonst hat es keine Berechtigung in der Gesellschaft.

Schaffen Sie mit dem «Lina Peak» einen Präzedenzfall für weitere Projekte dieser Art in den Alpen?

Wenn eine Destination ähnliche Probleme hat wie Zermatt, warum nicht. Ich möchte aber betonen, dass mein Projekt vor allem für Zermatt entwickelt und erdacht ist. Die Wohnungsnot ist dabei nur eines der Probleme, die das Projekt lösen soll.

Was reizt Sie persönlich an diesem Bau am meisten?

Ob es gebaut wird oder nicht: Es hat schon viel ausgelöst und existiert in den Köpfen vieler Menschen. Ich bin froh, dass die Diskussion angestossen ist. Denn einfach so weiterzumachen wie bisher ist keine Lösung. Ebenso wenig zielführend ist, das bestehende Bauvolumen in Zermatt mit Gesetzen zu beschränken oder zu enteignen. Wer weiss: Vielleicht entsteht aus dieser Idee sogar noch etwas Besseres. Dann wären alle froh um diesen Verlauf.

Was muss nun als Nächstes passieren?

Zuerst müssen 600 Unterschriften gesammelt werden, um die Umzonung der Landwirtschaftszone in eine Bauzone zu fordern. Danach würde es zu einer Volksabstimmung kommen.

«Es geht nicht um Provokation, sondern darum, Probleme zu lösen.»

Was würde ein Scheitern des Projekts für Sie bedeuten?

Wenn die Mehrheit der Zermatter nicht dafür ist, wird es so nie gebaut. Damit kann ich leben. Ich besitze Immobilien in Zermatt und habe Projekte in der Pipeline, die zur Linderung der Wohnungsnot meiner Angestellten beitragen können. Diese Möglichkeit haben viele nicht mehr. Das Projekt ist vor allem für diese Menschen erdacht. Wenn es je gebaut würde und einige vor der Abwanderung aus ihrer Heimat bewahren könnte, wäre das für mich die grösste Genugtuung. Nochmals: «Lina Peak» soll die Probleme von Zermatt lösen und so wahrgenommen werden. Die Optik des Turms ergibt sich daraus – sie bekommt dadurch ihre Berechtigung. Diese Haltung soll architektonisch und sozial nachhaltig auf höchstem Niveau umgesetzt werden.

(Andrea Decker)


Zur Person

Heinz Julen ist Hotelier, Architekt, Designer und Künstler aus Zermatt. Er wuchs in Findeln oberhalb des Dorfes auf und entwickelte früh eine Leidenschaft für das Bauen und Gestalten. Als Autodidakt realisierte er Projekte in Zermatt und darüber hinaus. Bekannt ist er etwa für das Backstage Hotel und das Kulturzentrum «Vernissage» in Zermatt. Julen gilt als unkonventioneller Unternehmer, der mit seinen Ideen regelmässig Diskussionen auslöst.

heinzjulen.com
linapeak-zermatt.com


Wenn Bauen zur Debatte wird

Turmprojekt «7132», Vals/GR

Neben der Therme von Peter Zumthor sollte ein 381 Meter hoher Hotelturm entstehen – entworfen vom Pritzker-Preisträger Thom Mayne. Hinter dem Projekt standen der Valser Immobilienunternehmer Remo Stoffel und sein Geschäftspartner Pius Truffer, die das Resort weiterentwickeln wollten. Der Entwurf setzte auf maximale Höhe bei minimalem Fussabdruck: 82 Stockwerke, 107 Zimmer und eine verspiegelte Fassade, welche die Landschaft reflektieren sollte. Der Turm sollte Teil einer Neupositionierung von Vals als Luxusdestination werden und hätte zu den höchsten Hotelbauten der Welt gezählt. Das Projekt stiess früh auf Widerstand, auch in der Fachwelt; später äusserte sich auch Zumthor kritisch. Realisiert wurde der Turm nie.

7132.com

Thyon 2000, Vex/VS

Der Ferienkomplex Thyon 2000 wurde 1976 auf 2000 Meter Höhe eröffnet und umfasste rund 1800 Betten. Das Projekt zielte auf verdichtetes Bauen ab: Fahrzeuge verschwinden in Parkings, Lifte bringen Gäste direkt zu den Wohnungen und Pisten und Bahnen liegen vor der Tür. Die Anlage war als kleine touristische Infrastrukturwelt gedacht – mit Wohnungen, Hotel, Restaurants, Supermarkt, Sportangeboten und anderen Annehmlichkeiten. Die Idee, viele Gäste auf engem Raum unterzubringen und damit eine flächige Zersiedelung durch Chalets zu vermeiden, war ursprünglich fortschrittlich. Heute wirkt der Komplex für viele wie ein Fremdkörper in der Landschaft. Thyon 2000 steht damit für eine zentrale Frage alpiner Tourismusarchitektur.

thyon.ch

Les Arcs, Savoyen (FR)

Das französische Skiresort Les Arcs entstand ab Ende der 1960er-Jahre als verdichtete, moderne Ferienanlage. Unter der Leitung von Architektin Charlotte Perriand wurden die Bauten kompakt und bewusst in die Hanglage integriert geplant. Flachdächer sollen im Winter unter dem Schnee verschwinden, die Wohnungen öffneten sich mit grossen Fenstern zur Bergwelt. Die serielle Architektur entsprach jedoch lange nicht dem Bild alpiner Gemütlichkeit und wurde von vielen als kühl oder unattraktiv wahrgenommen. Heute wird «Les Arcs» zumindest in Architekturkreisen differenzierter beurteilt, weil die Anlage als konsequent geplantes Gesamtkonzept gilt: kompakt gebaut, funktional organisiert und bewusst in die Landschaft integriert.

lesarcs.com

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