Die Gastkolumne von Timo Albiez, Vizedirektor SHL Schweizerische Hotelfachschule Luzern.
Vor ein paar Jahren sass ich mit einem Kollegen aus Südostasien in einer sympathischen, traditionellen Beiz. Wir sprachen über Essen. Genauer gesagt: über Dinge, die Menschen irgendwo auf der Welt mit grosser Selbstverständlichkeit essen – und die andernorts eher Stirnrunzeln auslösen. Er erzählte mir begeistert von karamellisierten Skorpionen am Strassenstand, von frittierten Schweineohren und diversen Innereien, die bei ihm als Delikatesse gelten. Während er schwärmte, versuchte ich, mein Gesicht irgendwo zwischen Interesse und höflicher Fassung zu halten. Skorpione? Schweineohren? Ich nickte tapfer und dachte: Das wäre jetzt nicht unbedingt mein Zvieri. Er grinste: «Für uns ganz normal, nur Gewohnheit.» Kurz darauf blieb sein Blick auf unserem Tisch hängen. Dort stand – wie so oft in der Osterzeit – ein Teller mit bunt gefärbten Eiern, ein Streuer Aromat und ein Fläschchen Maggi. Er zeigte verwundert auf das Frühjahrs-Stillleben: «Was macht man damit?» Ich erklärte ihm das Schweizer Frühlingsritual: Eier gegeneinanderschlagen, schälen, Aromat darüberstreuen – und für Fortgeschrittene noch ein paar Tropfen Maggi. Daneben erläuterte ich ihm die verschiedenen traditionellen Arten des Eierfärbens: Zwiebelschale und Nylonstrümpfe, Eier-Filzstifte, Batik-Technik und so weiter... Er schaute mich kurz an. Dann die Eier. Dann die gelbliche Gewürzkomposition. Dann wieder mich. In diesem Moment bemerkte ich, dass er genau den gleichen Gesichtsausdruck hatte wie ich zuvor bei den Skorpionen: leicht irritiert und fragend, sein Unverständnis zum Ausdruck bringend. Ich grinste: «Für uns ganz normal, nur Gewohnheit.»
