Sie ist in der elterlichen Bäckerei aufgewachsen und ist früh ins Familienunternehmen eingestiegen. Weil sie mehr über Brot erfahren wollte, hat sie sich weitergebildet – und bäckt heute anders als vorher.

Gabi Meier in ihrem Geschäft in Basel.
Nein, tatsächlich nicht. Als Kind war die Bäckerei einfach mein Zuhause. Ich bin zwischen Mehlsäcken, dem Backofen und dem Duft von frischem Brot aufgewachsen. Aber dass ich einmal die Verantwortung für den ganzen Betrieb tragen würde, war nicht selbstverständlich.
Mit der Zeit habe ich gemerkt, wie viel Herzblut, Identität und Kultur in unserem Handwerk steckt. Brot ist für mich nicht nur ein Produkt, sondern ein Stück Heimat. Und irgendwann war klar: Ich möchte dieses Wissen nicht nur weiterführen, sondern weiterentwickeln. Mit Respekt vor der Tradition und dem Mut, neue Wege zu gehen.
Ich wollte Brot wirklich verstehen. Nicht nur backen, sondern begreifen.
In der Ausbildung zur Brot-Sommelière habe ich gelernt, Brot sensorisch, historisch und wissenschaftlich zu analysieren. Von der Getreidekunde über Fermentation und Mikroflora bis hin zur Aromabildung und zur Weinheimer Brotsprache.
Mich fasziniert, wie komplex ein scheinbar simples Lebensmittel ist. Je tiefer ich eingetaucht bin, desto mehr habe ich erkannt: Brot ist pure Kultur mit sehr viel Tradition und Wissen dahinter. Dieses Wissen habe ich in unseren Betrieb nach Basel eingebracht, um auch unseren Kundinnen und Kunden zu zeigen, wie viel Persönlichkeit in einem guten Brot steckt.
Ganz ehrlich: Ich habe in meinem Leben noch nie einen Unterschied zwischen Mann und Frau gemacht und zum Glück habe ich diesen Unterschied auch selbst nie wirklich gespürt. Für mich steht immer das Menschsein im Vordergrund. Es geht um Leidenschaft, um Hingabe zum Handwerk, um Neugier und um die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln. Ob jemand Mann oder Frau ist, spielt dabei für mich keine Rolle.
Ich wurde in der Ausbildung als Kollegin wahrgenommen. Als Bäckerin, als Mitstudierende, als Fachperson. Und genau so möchte ich auch gesehen werden: als Mensch mit Begeisterung für Brot.
Vielleicht hatte ich das Glück, in einem Umfeld zu sein, in dem Kompetenz und Engagement mehr zählen als Geschlechterrollen. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn wenn wir uns auf das Verbindende konzentrieren, auf das gemeinsame Ziel, auf die Freude am Handwerk, dann entsteht automatisch Respekt.
Und ich glaube, genau das braucht unsere Branche: weniger Schubladen, mehr Wertschätzung füreinander.
Mein Blick auf Brot hat sich komplett verändert. Heute denke ich in Aromen, Texturen, Röstnoten, Porung, Krustenbild und Teigführung. Ich analysiere, warum eine Säure mild wirkt oder spitz, warum eine Kruste karamellig duftet oder nussige Noten entwickelt.
Auch im Alltag in der Backstube hat sich vieles geschärft: Wir geben unseren Teigen bewusst Zeit, arbeiten intensiv mit Sauerteig und Vorstufen und treffen Entscheidungen viel gezielter. Die Ausbildung hat mein Selbstverständnis gestärkt. Ich vertrete heute noch klarer, wofür wir stehen.
Unsere Brote entstehen mit Zeit, Sorgfalt und einem hauseigenen Sauerteig. Was sie auszeichnet, ist Charakter. Kein Brot ist zufällig. Jedes hat eine klare Idee. Der Unterschied zu früher liegt vor allem in der Tiefe. Wir haben schon immer handwerklich gearbeitet. Aber heute entwickeln wir Rezepte bewusster, denken sensorischer und arbeiten noch präziser mit Fermentation und Aromasteuerung.
(Ruth Marending)