Ohne die Frauen würde es nicht funktionieren

In der Gastronomie, der Hotellerie und in der Tourismusbranche waren die Frauen mal mehr und mal weniger geschätzt. Protagonistinnen aus der Branche erklären, warum es nach wie vor einen Tag braucht, der auf die Bedürfnisse der Frauen aufmerksam macht.

Seit mehr als 100 Jahren wird am 8. März der internationale Frauentag begangen. Weltweit kämpfen Frauen an diesem Tag für mehr Rechte und gegen Diskriminierung, Benachteiligung und Unterdrückung. Nicht nur international gilt es, die Verdienste der Frauen zu würdigen. Die Hotellerie, die Gastronomie oder der Tourismussektor würden ohne Frauen nicht funktionieren. Einer, der zu einem grossen Teil Frauen als Mitarbeitende in seinen Betrieben beschäftigt, ist Kurt Baumgartner, Inhaber der Belvedere Hotel Familie in Scuol/GR. «Besonders in unserer Branche leisten die Frauen einen enormen Beitrag. Ohne sie würde es schlichtweg nicht mehr gehen.» Er plädiert auch für die Gleichbehandlung von Frauen und Männern bezüglich Lohn und Arbeitsbedingungen. «Eigentlich sollte Gleichberechtigung in unserer Branche gar kein Thema mehr sein.»

Frauen mussten früher lange um Anerkennung kämpfen. Zum Beispiel in den Hotel- und Restaurantküchen. Das Thema wird im Film «Frauenköche und Emanzipation» von Eugen Rieser deutlich gemacht. Der Film, der vor sechs Jahren entstanden ist, kann nach wie vor im Internet angeschaut werden. Im Film wird unter anderem gezeigt, dass vornehmlich Frauen bis Ende des 19. Jahrhunderts in Restaurant- und Hotelküchen am Herd standen. Anfang des 20. Jahrhunderts änderte sich das, und man sah die Frauen lieber auf der Etage oder in der Reinigung. Grosse Hotelbetriebe engagierten Männer, die die grossen Kochbrigaden führten. Und die Kochlehre war nur für Männer zugänglich. Frauen mit der Passion fürs Kochen blieben aussen vor. Während der beiden Weltkriege änderte sich das. Die Frauen übernahmen die Aufgaben der Männer in vielerlei Bereichen wie in Soldaten- oder Restaurantküchen, oder sie sorgten für einen reibungslosen öffentlichen Dienst. Frauen bewiesen, dass sie genauso gut und kompetent arbeiteten. Dennoch konnten die Frauen hierzulande bis in die 1970er-Jahre nur eine zweijährige Kochlehre absolvieren.

Erfolgreich in der Männerdomäne

Heutzutage hat sich manches geändert, und viele Frauen in der Hotellerie und der Gastronomie bekleiden Führungspositionen. Eine der ersten Frauen in der Schweiz, die eine dreijährige Kochausbildung absolvierte, war Irma Dütsch. Vor ein paar Jahren sagte sie der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Kein Mensch wollte mich dort. Es hiess, das sei ein Männerberuf, ich könne ja als Zimmermädchen oder Waschfrau arbeiten.» Das tat sie aber nicht und wurde eine der erfolgreichsten Köchinnen in der Schweiz. Und sie war es auch, die als erste Frau in unserem Land einen Michelin-Stern erhielt.

Eine, die es als Köchin ebenfalls sehr weit gebracht hat, ist Silvia Manser. Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas führt sie das Restaurant Truube in Gais/AR. Sie wurde von «Gault Millau» mit 17 Punkten ausgezeichnet und hat einen Michelin-Stern. Auf die Frage, ob sie in ihrer Karriere mehr leisten musste als Männer, erklärt Silvia Manser: «Ich bin mir nicht sicher, ob ich mehr leisten musste als ein Mann. Es hat vielleicht ein bisschen länger gedauert, bis ich wahrgenommen wurde.» Sie ist der Ansicht, dass es, um erfolgreich zu sein, immer einen gewissen Mehraufwand brauche. Das habe mit der Branche wenig zu tun, sie beobachte das auch an anderen Orten. Jungen Berufsfrauen, die Erfolg haben möchten, rät sie: «Ich empfehle jungen Köchinnen, sich so viele Betriebe wie möglich anzuschauen. Man soll den Horizont erweitern, engagiert mitarbeiten und das Positive wie auch das Negative mitnehmen.» Aber man dürfe sich nicht ausnutzen lassen. Wenn das der Fall sei, müsse man den Betrieb wechseln. Es gebe auch heute noch viele tolle Betriebe mit einem sehr guten Arbeitsklima.

(Daniela Oegerli)

tagderfrau.ch


Barbara Rigassi

Mitinitiantin, Equality4Tourism

Equality4Tourism ist ein Verein, der sich für mehr Diversität, Inklusion und Chancengleichheit in der Tourismusbranche einsetzt. Barbara Rigassi, eine der Initiantinnen, sagt, dass man in der Schweiz in Sachen Frauenrechte Fortschritte gemacht habe. Es seien mehr Frauen in Ausbildungen und sie hätten Präsenz in Führungsfunktionen. Trotzdem gebe es einige strukturelle Hürden. «Frauenkarrieren verlaufen weniger geradlinig als diejenigen der Männer.» Darauf müssten sich Unternehmen einstellen und die Kultur- und Führungsmodelle anpassen. Gefordert seien nicht nur die Betriebe, sondern auch die Frauen selbst. Gleichberechtigung heisse, die gleichen Wahlmöglichkeiten zu haben. Den Entscheid für die Richtungswahl müsse jede Frau noch für sich selbst fällen. «Die Schweiz hat weltweit eine der höchsten Teilzeitquoten bei Frauen. Es ist möglich, Teilzeit zu arbeiten.

«Der Tag der Frau ist ein Identitätstag und kein Welt-Retterinnentag.»

Dass damit eine signifikante Rentenlücke entsteht, muss mit allen Konsequenzen jedem bewusst sein.» Barbara Rigassi amtete als persönliche Mitarbeiterin von alt Bundesrat Jean Pascal Delamuraz. Sie sagt, dass man sich Anerkennung in der Arbeitswelt durch Kompetenz, Leistung, Verlässlichkeit und Integrität erarbeite. «Vor allem dadurch, dass man anderen mit Respekt begegnet. Ich hatte das Glück, immer selbst entscheiden zu können, in welche Teams ich mich einbringen wollte.» Und es waren immer solche, die respektvoll miteinander umgingen. Sie sagt, dass die Forderung nach Förderung von Frauen mittlerweile zu einer Vielzahl an Angeboten geführt habe. Sie erklärt, dass dabei keine spezifischen Aus- und Weiterbildungen «nur» für Frauen im Vordergrund stünden. Entscheidend sei, dass den Frauen dieselben Angebote zur Verfügung stehen wie den Männern.


Franziska Kuhn

Leiterin Betriebe Gemeinschaftsgastronomie

Im Jahr 2009 kam Franziska Kuhn als Restaurant-Managerin zur SV Group. Sie übernahm verschiedene Führungsfunktionen. Seit Januar 2023 ist sie Leiterin Betriebe Gemeinschaftsgastronomie Schweiz. «Ich wollte nie Karriere um der Karriere willen machen», sagt sie. Ihr gehe es darum, etwas zu bewegen, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit anderen etwas voranzubringen. In ihrer Rolle trage sie auch die Verantwortung dafür, Rahmenbedingungen für unterschiedliche Lebensmodelle zu schaffen. «Ich setze mich dafür ein, dass moderne Arbeitsmodelle wie Teilzeit oder Co-Leitungen selbstverständlich möglich sind – unabhängig vom Geschlecht.» Bei der SV Group sei man hier gut unterwegs. Um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Gastgewerbe zu verbessern, brauche es strukturelle Lösungen: «Die Arbeitszeiten in unserer Branche decken sich oft nicht mit klassischen Kita-Modellen, und die Löhne sind nicht immer so ausgestaltet, dass Fremdbetreuung finanzierbar ist», sagt die Mutter einer Tochter. Branchenweite Diskussionen über Lohnstrukturen und Betreuungsmodelle seien nötig.

«Wir müssen Diversität in den Lebensund Arbeitsmodellen fördern.»

«Und eine Führungskultur, die Leistung und Verantwortung bewertet und nicht Präsenz.» Den Weltfrauentag verbindet Kuhn damit, was Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft erreicht haben und was sie oft unter schwierigen Bedingungen leisten mussten. «Persönlich definiere ich mich allerdings nicht primär über mein Geschlecht, sondern über meine Haltung und meine Leistung.» Entscheidend sei, dass alle gleiche Chancen erhalten. Für die nächsten Generationen – dabei denke sie auch an ihre Tochter – wünsche sie sich, dass sich junge Frauen und Männer nicht scheuen, ihre Meinung zu sagen und für ihre Bedürfnisse einzustehen.


Naomi Vieira Locarno

Leiterin Hauswirtschaft

«Der Tag der Frau erinnert daran, dass Gleichberechtigung keine Selbstverständlichkeit ist, auch in der Schweiz nicht», sagt die Leiterin Hauswirtschaft bei der Bellevue Residenz AG in Zürich, Naomi Vieira Locarno. Der Tag mache sichtbar, was im Alltag oft übersehen werde: unbezahlte Care-Arbeit, Lohnunterschiede, fehlende Wertschätzung und strukturelle Hürden. Solange diese Themen existieren, brauche es einen Tag der Frau. «Die Schweiz hat Fortschritte in rechtlichen Fragen gemacht», erklärt die Präsidentin der HGU Region Zürich-Ostschweiz. Im Alltag und im Berufsleben gebe es weiterhin deutliche Unterschiede. Sie denke da an den Lohn, die Benachteiligung bei Teilzeitarbeit oder bei Führungspositionen. Gleichberechtigung sei auf dem Papier vorhanden, werde aber noch nicht überall gelebt. Es gebe zwar Förderangebote, aber sie erreichten nicht alle gleichermassen.

«Förderung braucht langfristige Perspektiven, nicht nur gute Absichten.»

Besonders nach Familienpausen oder in Teilzeitpensen gerieten Frauen häufig ins Abseits. Förderung brauche langfristige Perspektiven und Entwicklungschancen, nicht nur gute Absichten. «Ich sehe meine Rolle darin, meine Meinung klar zu vertreten, meine Arbeit sichtbar zu machen und andere Frauen zu unterstützen», erklärt die 28-Jährige. Gleichzeitig sei es wichtig, Ungleichbehandlung anzusprechen, Veränderung beginne oft im Kleinen. Sie sehe den Menschen als Menschen, es sollte keine Unterschiede aufgrund des Geschlechts oder der Geschlechtsidentität geben. Auf die Frage, ob sie im Berufsalltag als Frau den nötigen Respekt erhalte, sagt Naomi Vieira Locarno: «Meistens ja, aber nicht immer. Erst kürzlich wurde ich in einem Vorstellungsgespräch gefragt, wo ich im Leben stehe: Familie oder Karriere?» Da fragte sie sich, ob einem Mann dieselbe Frage gestellt würde.


Irène Meier

Sinn & Gewinn Hotels, Unternehmerin

Vor 25 Jahren hat Irène Meier die Sinn & Gewinn Hotels mitgegründet. Sie sagt, dass die Schweiz bei der Gleichberechtigung Erfolge feiern könne. «Auch wenn diese im internationalen Vergleich spät kamen, nicht üppig sind und hart erkämpft werden mussten.» Sie denke an das Frauenstimmrecht aus dem Jahr 1971, an das Gleichstellungsgesetz aus dem Jahr 1996 oder dem ersten Schritt für den Elternschutz im Jahr 2005. Dennoch gebe es immer noch Handlungsbedarf. «Die Lohngleichheit ist noch nicht erreicht und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lässt stark zu wünschen übrig», gibt sie zu bedenken. Darum sei der internationale Tag der Frau ein wichtiger Fixpunkt, um den noch nicht verwirklichten Anliegen nach Gleichberechtigung die nötige Aufmerksamkeit zu verleihen.

«Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lässt stark zu wünschen übrig.»

Irène Meier ist Verwaltungsratspräsidentin, und in ihren Führungsfunktionen legt sie Wert darauf, den verschiedenen Lebensrealitäten von Frauen genügend Beachtung zu schenken. Dazu gehören flexible und sichere Anstellungsbedingungen wie Teilzeitmodelle, welche auch Führungspositionen zulassen. Auch sei es wichtig, die Beiträge und Leistungen von Frauen ebenso zu würdigen wie die der Männer. «Dies weil Frauen eigene Leistungen nicht immer gleich offensiv präsentieren.» Damit die Gleichstellung von Frauen und Männern im Berufsleben mehr Relevanz erhält, brauche es Veränderungen auf zwei Ebenen: «Zum einen müssen gesetzliche Massnahmen wie Zielvorgaben für bessere Vertretungen beider Geschlechter umgesetzt werden.» Die Sicherstellung von Lohntransparenz und Rechenschaftspflicht tragen zu mehr Gleichstellung bei. Auf der betrieblichen Ebene wünscht sie sich mehr Führungsleute, die den Kulturwandel vorantreiben.


Michéle Müller

Executive Assistant Manager

Als Berlinerin hat der internationale Frauentag für Michéle Müller eine besondere Bedeutung. In ihrer Heimat ist dieser gar ein gesetzlicher Feiertag. Michéle Müller ist gelernte Köchin und hat es in ihrem Beruf weit gebracht. Unter anderem war sie Executive Sous-chef im Hotel Adlon Kempinski Berlin, 2021 kam sie ins «Kempinski Palace Engelberg», zuerst als Executive Chef, dann als Director of Food & Beverage. Heute hat sie als Executive Assistant Manager in Charge of Food & Beverage zusätzliche strategische Verantwortung und ist Stellvertreterin des General Managers. Sie habe immer hart gearbeitet und sich eigentlich nie benachteiligt gefühlt, erzählt Müller. Aufgewachsen in der ehemaligen DDR sei es normal gewesen, dass Frauen Vollzeit arbeiten. Ihr sei nie vermittelt worden, sie könne etwas nicht tun, weil sie ein Mädchen war. «Rückblickend denke ich, dass ich mir selbst so viel abverlangt habe, weil ich vermeiden wollte, dass jemand sagen könnte: ‹Sie ist ja nur eine Frau›.» Auch in Job-Interviews sei sie immer gefragt worden, wie sie gedenke, sich als Frau im Team durchzusetzen. «Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, dass das einen Mann wohl niemand so fragen würde.»

«Es hat sich in den letzten Jahren viel getan, auch im Umgang miteinander.»

Heute im «Kempinski Palace Engelberg» seien die Führungsrollen recht gleichmässig zwischen Frauen und Männern aufgeteilt. Auch viele ihrer Freundinnen und Kolleginnen hätten Führungspositionen inne. «Ich denke, in den letzten Jahren hat sich schon viel getan. Auch die Umgangsformen und die Sprache haben sich sehr verbessert, was für eine respektvolle Arbeitsatmosphäre zentral ist.» Den künftigen Generationen will sie weitergeben, dass man alles erreichen kann, wenn man klare Ziele vor Augen hat. «Entscheidend ist, dass die Qualifikationen im Vordergrund stehen, nicht das Geschlecht.»


Sabrina Camenzind

Direktorin, Hotel & Gastro Formation

«Wir leben glücklicherweise in einem Land, in dem man sich beruflich verwirklichen kann», sagt Sabrina Camenzind. Jedoch seien die Frauen darum im Nachteil, weil sie mit der Familiengründung sehr oft ihr Arbeitspensum senken oder ganz aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Dies habe zuweilen grosse Nachteile auf die Altersvorsorge. Auch wirke sich eine Familienpause oft negativ auf die Berufskarriere aus. «Eine Frau weist nach einer familiären Auszeit nicht gleich viel Berufserfahrung aus, wie ein Mann mit denselben Qualifikationen.» Die 53-Jährige sagt zudem, dass Frauen mehr leisten müssten als Männer, um dieselbe Anerkennung zu erhalten.

«Es gibt keinen Grund, Frauen und Männer unterschiedlich zu entlöhnen.»

Oft werde bei den Frauen im Vergleich zu den Männern mehr Aus- und Weiterbildung verlangt. «Was ich jedoch festgestellt habe: Obwohl ich ursprünglich nicht aus der Branche bin, bringt man mir viel Respekt entgegen», sagt die Direk-torin von Hotel & Gastro Formation Schweiz in Weggis/LU. Vielleicht liege es daran, dass das Weitergeben von Wissen eher etwas Weibliches sei. Zudem habe sie festgestellt, dass der gegenseitige Respekt in der Branche oft hoch sei. Und sie sehe die Problematik von Lohnunterschieden zwischen Frau und Mann weniger häufig. Jedoch gebe es in den Karriereverläufen teilweise grosse Unterschiede. «Obwohl der Service eher weiblich ist, arbeiten in hochdekorierten Restaurants mehr Männer in diesem Bereich. Dasselbe beobachte ich in der Küche.» In Hauswirtschaft, Heimen und Spitälern hingegen sei das Gegenteil der Fall. «Ich finde aber, dass mehr Frauen, insbesondere Mütter, in Kaderpositionen tätig sein sollten. Sie bringen wertvolle Eigenschaften mit wie beispielsweise Empathie, Ausdauer oder Resilienz. Denn Kinder grosszuziehen ist ein wahrer Knochenjob.»