«Trittbrettfahrer schaden ihrem Beruf»

Die Generalversammlungen der regionalen Verbände der Hotel & Gastro Union sind vorbei. Esther Lüscher, Präsidentin der Hotel & Gastro Union, war dabei.

Esther Lüscher ist Präsidentin der Hotel & Gastro Union. Die Union unterstützt das Komitee «Schweizer Tourismus für ein Ja zum Waffenrecht». (ZVG)

Esther Lüscher, warum haben Sie all diese Generalversammlungen besucht?

Esther Lüscher: Für mich sind die regionalen Generalversammlungen wichtig, um persönlich mit den Mitgliedern in Kontakt zu treten. Oft sehe ich sie nur an diesen Anlässen. Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, ihnen bei dieser Gelegenheit meine Wertschätzung zu zeigen. Ausserdem möchte ich hören, was die Mitglieder bewegt und zu allfälligen kritischen Fragen direkt Stellung nehmen.

Welche Fragen sind das?
In der Regel geht es um Dinge, die in Entwicklung und daher noch nicht spruchreif sind. Oder ich werde auf Hintergrundarbeiten im Zentralvorstand und der Geschäftsstelle angesprochen, die nach aussen hin nicht erkennbar oder schwer nachvollziehbar sind.

Was hat Ihnen beim Blick in die Regionen gefallen? 
Das ungebrochene Engagement der Vorstandsmitglieder für ihre Region und ihre Berufsverbände. Sie organisieren in ihrer Freizeit Anlässe und sind präsent in anderen berufs- und branchenrelevanten Gremien und Organisationen wie beispielsweise in kantonalen Hotel & Gastro Formationen.
 
Was ist Ihnen aufgefallen? 
Besonders positiv aufgefallen ist mir, dass sich ein vermehrtes Interesse an der Politik zeigt. Ich habe an den GVs von einigen Mitgliedern gehört, die sich für politische Ämter zur Wahl gestellt haben oder dies noch tun. Sei das auf Gemeinde- oder Kantonsebene. Dieses Engagement ist wichtig. Beispielsweise gerade in Bezug auf die nächste Abstimmung. Mit dem Waffengesetz geht es auch um ein wichtiges Tourismusthema, die Reisefreiheit innerhalb des Schengenraums. Deshalb haben sich elf Tourismus- und Branchenverbände, darunter auch die Hotel & Gastro Union,  zum Komitee «Schweizer Tourismus für ein Ja zum Waffenrecht» zusammengetan. 

Was hat Sie, abgesehen vom gesteigerten politischen Interesse der Mitglieder, an den GVs besonders gefreut? 
Eine grosse Freude ist für mich die Auszeichnung langjähriger Mitglieder. Wenn die Jubilare mit 50 oder 25 Mitgliedsjahren aus ihren Leben erzählen, dann dürfen wir alle stolz darauf sein, was diese Menschen für uns und unsere Branche erreicht haben.

Sind die GVs in den diversen Landesteilen unterschiedlich? 
Die Anlässe selbst laufen nach dem gleichen Muster ab. Es gibt einen Bericht über vergangene und einen Ausblick auf zukünftige Projekte, Anlässe und Schwerpunkte, die gesetzt wurden oder die es zu setzen gilt. Aber natürlich ist jede Region unterschiedlich. Zum Glück! Wir haben so eine facettenreiche Schweiz, das widerspiegelt sich auch in den Regionen, und das ist gut so. Was jedoch alle vereint, ist der Glaube an die Berufsverbände, die Motivation, sich weiterzuentwickeln und der Mut, für die Berufe und die Berufsleute einzustehen. Leider gibt es in der Branche noch immer zu viele Nichtmitglieder, so genannte Trittbrettfahrer, die der Branche, den Berufen und sich selbst schaden.

Worin besteht dieser Schaden? 
Nichtmitglieder schwächen die berufspolitische Position der Berufsverbände und der Hotel & Gastro Union. Die Trittbrettfahrer profitieren zwar von Errungenschaften wie den Mindestlöhnen oder der fünften Ferienwoche, für welche die Mitglieder der Berufsverbände gekämpft haben, tragen selber aber nichts bei. Langfristig schaden sich die Profiteure selbst, denn nur eine starke Berufsorganisation kann sich effizient und effektiv für die Interessen der Berufsleute und für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Es geht nicht darum, dass jeder aktiv im Verband mitarbeitet, sondern dass er sich solidarisch mit seinem Beruf und den Berufskollegen zeigt. Allein schon durch die Mitgliedschaft trägt man die Verantwortung mit.

Sie informieren an den GVs auch über News aus der Geschäftsstelle und dem Zentralvorstand. Was gibt es zu berichten?
In erster Linie war es mir wichtig, unseren Geschäftsstellen in Luzern und Lausanne für die tolle Arbeit zu danken. Es freut mich, dass an den GVs Mitarbeiter der Geschäftsstellen anzutreffen waren. Dieser persönliche Austausch vor Ort ist mehr wert als hundert  E-Mails. Im Fokus meiner kurzen Ansprachen lag die Weiterentwicklung unserer Strategie. Im April fand der erste Workshop mit dem Zentralvorstand, den Präsidenten und Präsidentinnen der Berufsverbände, der Geschäftsleitung und den Geschäftsführern der Berufsverbände statt. Eine geballte Ladung an Wissen, Ideen, Wünschen, Meinungen und Emotionen wurde gesammelt. Nun werden die Inputs weiterentwickelt und ausgearbeitet. 

Wie sieht die Strategie aus? 
Was ich an dieser Stelle schon sagen kann: Wir werden die Berufsverbände noch mehr in den Vordergrund stellen und der Individualität der Verbände mehr Rechnung tragen. Das wird bestimmt bei allen Beteiligten ein Umdenken erfordern und muss schrittweise angegangen werden.

Sie haben für die Mitglieder der Hotel & Gastro Union immer ein offenes Ohr. Was würden Sie im Gegenzug den Mitgliedern gerne sagen? 
Das einzige, was ich mir von jedem Mitglied wünsche, ist: Sprich mehr darüber, was dein Berufsverband für dich und deinen Beruf tut. Erzähle weiter, wofür sich alle Berufsverbände zusammen, vereint als Hotel & Gastro Union, einsetzen: für die Branche, die Berufe, die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und, vor allem, für die Berufsleute.

(Interview Riccarda Frei)