Wie Gastgewerbler die freie Zeit nutzen (Teil 4)

Der Lockdown hat die Welt der Gastgewerbler verändert. Von heute auf morgen haben viele von ihnen plötzlich sehr viel Zeit. Die HGZ hat die Mitglieder des Zentralvorstandes der Hotel & Gastro Union befragt, wie sie diese Zeit erleben.

  • Esther Lüscher. (Bilder ZVG)
  • Piera Dalla Via.
  • Christoph Muggli.
  • Urs Chalupny.
  • Raphael Herzog.
  • Markus Strähl.
  • Thomas Nussbaumer.
  • Martina Blättler.

Wir sammeln Stimmen aus der Branche für Sie, die wir in einer Serie festhalten.

Esther Lüscher

Präsidentin Hotel & Gastro Union

«Die jetzige, unbequeme Situation hat uns deutlich vor Augen geführt, wie fragil unsere Welt ist. Erstaunlich und erschreckend, wie schnell wir unsere Selbstsicherheit verloren haben, wie wenig es dazu gebraucht hat, um viele Existenzen innert Kürze ins Wanken zu bringen. Uns ist wieder einmal bewusst geworden, wie wichtig menschliche Wärme ist, die jetzt in Zeiten des bundesrätlich verordneten Social Distancing zu kurz kommt. Dabei wird uns klar, wie wichtig die Digitalisierung gerade in diesen Zeiten ist – und weltweit gut funktioniert. Und doch merken wir, dass die Digitalisierung den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann. Die Kombination von beidem ist wichtig, die es in Zukunft – wenn dieser Spuk hoffentlich bald vorbei sein wird – noch besser und effizienter zu nutzen gilt.»

Piera Dalla Via

Präsidentin Berufsverband Hotellerie-Hauswirtschaft bvhh, Psychiatrische Universitätsklinik Zürich

«Da ich im Gesundheitswesen arbeite, gehöre ich zu jenen, denen es nicht ‹langweilig› wird. Bei uns fiel einiges an Mehrarbeit an: Arbeitspläne mussten von fünf auf sieben Tage umgestellt werden. Mitarbeiter aus Risikogruppen, solche mit Vorerkrankungen, zu hohem Blutdruck oder mit Diabetes, mussten ersetzt werden. In der Wäscherei mussten wir die Arbeitszeiten erweitern. Nun arbeiten wir in Schichten bis 19 Uhr, damit wir mit dem Waschen nachkommen. Innert ein paar Wochen wurden die meisten Stationen mit neuer Berufskleidung eingedeckt, die verarbeitet – also gewaschen und versorgt – werden musste. Hinzu kam die ganze Logistik. Räume wurden zu Garderoben umfunktioniert, das Ver- und Entsorgungssystem musste neu  organisiert werden. Wir sprechen von rund 300 Mitarbeitern. Eine weitere Herausforderung ist die Mitarbeiterplanung. Viele haben Ferien geplant, die sie nun nicht mehr so beziehen wollen. Das bei einem Team von 40 Personen, kaum machbar. Was mich aber an der ganzen Situation am meisten enttäuscht: Einmal mehr bedankt man sich bei allen. Bei der Pflege, den Ärzten, den Kassiererinnen, den Pöstlern. Nur wir von der Reinigung und Wäscherei gehen völlig vergessen. Und dabei könnten  viele der andern ihre Arbeit ohne unseren Support gar nicht machen. Und diese Arbeit richtig zu machen, ist immer wieder eine grosse Herausforderung!»

Christoph Muggli

Präsident Berufsverband Restauration bvr, Allgemeine Berufsschule Zürich

«Seit letztem Herbst arbeiten wir in der Restauration an der Allgemeinen Berufsschule Zürich mit den Lernenden digital. Was für ein Glück – und doch ist alles anders…. Alles anders? Nicht ganz: Die Schlitzohren bleiben Schlitzohren, die Fleissigen bleiben fleissig und die, die alles auf den letzten Drücker machen, sind keine Sekunde früher dran. Hand aufs Herz: Wären wir anders?

Man darf und soll in dieser Zeit die fünf auch einmal gerade sein lassen. Auch dürfen wir Lehrpersonen uns nicht zu wichtig nehmen. Unsere Ausbildungsbetriebe haben jetzt andere Sorgen als die Berufsschule. Und doch muss der «Schulalltag» so professionell wie möglich weiter gehen.

Mir fehlen die Lernenden. Auch wenn ich sie einmal pro Woche via Chat sehe. Der Austausch, währenddem sie arbeiten, das Erlebte aus den Betrieben, das sie in den Unterricht mit einbeziehen usw.

Dafür lerne ich sie auf eine ganz andere Art kennen. Die aufmunternden Worte zu denen, die jetzt in den Spitälern mehr als alle Hände voll zu tun haben. Aber auch die Anteilnahme für diejenigen, die nicht wissen, wie es mit ihrem Betrieb weiter geht. Eine grosse Familie eben.

Weniger Arbeit gibt es für mich in meinem Homeoffice zurzeit nicht – das ist auch gut so. Es gilt, einige Themen neu aufzuarbeiten. Alte Zöpfe abschneiden – Neues ausprobieren. «Usemischte».

Auch ist der Austausch unter uns Lehrpersonen sehr wichtig. Und der funktioniert bestens – auch über die Kantonsgrenze hinaus. Ein grosses Dankeschön an alle meine Kolleginnen und Kollegen.

So und jetzt hole ich mir meinen Kaffee; die Video-Konferenz mit meinen EBA-Lernenden startet in fünf Minuten.

PS: Auch im Schulzimmer habe ich meinen Kaffee immer mit dabei. Alles anders? Eben nicht.»

Urs Chalupny

Directeur adjoint Secteur alimentation, restauration et intendance, Centre professionnel du Littoral neuchâtelois

«Für die Berufsschulen stellt diese Zeit eine spannende, teils verunsichernde, manchmal nervenaufreibende und natürlich völlig ungewohnte Situation dar. Die Schüler nicht mehr physisch vor Ort zu haben, warf zu Beginn viele Fragen auf; kommen die Lehrlinge überhaupt und wenn ja, machen sie dann mit? Wie wollen wir den Unterricht gestalten? Dürfen wir noch Noten geben ? Was machen wir mit Schülern, die keinen PC oder kein Tablet haben ? Und neuerdings natürlich auch noch die Frage nach dem Datenschutz. Wir haben sehr schnell auf Videokonferenzen gesetzt, damit wir die Schüler von Beginn weg immer persönlich ansprechen können. Die Kommunikation mit den Schülern, und auch diese untereinander, ist einer der wichtigsten Aspekte unserer Unterrichtsstrategie. Die Schultage und -zeiten sind gleich geblieben. Die Planung in grossen Teilen ist ebenfalls gleich geblieben. Und die Schüler sind zum allergrössten Teil auch mit von der Partie, arbeiten mit, sind motiviert und engagiert - auch wenn sie sehr wohl wissen, dass keine Noten mehr erhoben werden dürfen. Womit auch einmal widerlegt wäre, dass Lehrlinge nur mit der Androhung von Noten zum Arbeiten zu bewegen sind! Die Arbeit als Lehrer ist einerseits distanzierter geworden, weil die Momente, die man mit der Klasse verbringt, um beispielsweise eine Recherche zu lancieren, bei einer Videokonferenz kürzer ausfallen, als im Klassenzimmer. Andererseits, und da sehe ich einen gewaltigen Vorteil dieser Art des Fernunterrichts, habe ich viel mehr Momente mit einzelnen Schülern oder Kleinstgruppen. Diese können sich während einer Arbeitsphase immer wieder in die Videokonferenz einloggen, wenn sie nicht weiterkommen oder Fragen haben. Man kann diesen Schülern in dieser Zeit wirklich eine individuelle Begleitung bieten, die in dieser Art im Klassenzimmer nur sehr schwer zu erreichen ist. Ich habe die Hoffnung und bin eigentlich überzeugt, dass im Nachgang an diese Krise, sehr viele neue Ideen und Erfahrungen vorhanden sein werden, wie ein moderner, zeitgenössischer und digitaler Unterricht aussehen könnte. Viel individueller, viel asynchroner, viel projektbezogener und viel weniger auf Wissen konzentriert, sondern auf die wirklich wichtigen Kompetenzen des digitalen Zeitalters, die unsere jungen Berufsleute sich aneignen müssen: Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken und Kreativität, das Ganze mit einer gehörigen Portion Selbstorganisation und Autonomie. Wir müssen nur darauf achten, dass in der Berufsbildung, und eigentlich in allen Bereichen, nachher nicht einfach wie vorher ist und dass wir die gemachten Erfahrungen analysieren, zusammenfassen und in neue Formen der Bildung einfliessen lassen.»

Raphael Herzog

Gastgeber Hotel Vitznauerhof, Vitznau/LU

«Wir haben einen «Lockdown-Kalender» ins Leben gerufen. Jeden Tag können unsere Gäste und Freunde über unsere Social Media Kanäle etwas gewinnen – sei es eines unserer Angebote oder ein Produkt von unseren Partnern. Wir veranstalten DJ-Live-Sessions bei uns im Vitznauerhof-Garten, um unserer Community guten Sound in die Wohnzimmer zu bringen. Des Weiteren publizieren wir Kochrezepte von unseren Köchen, Frühlingsputztipps von unserer Housekeeping-Managerin und vieles mehr. Weitere Ideen sind in unseren Köpfen am Reifen – es wird spannend bleiben. Wir geben alles dafür, dass weder uns noch unseren Gästen die Decke auf den Kopf fällt.»

Markus Strähl

Präsident Region Zürich

«Ich bin im AHV-Alter. Dennoch fühle ich mich zu jung, um keine Aufgaben mehr zu haben. Vor der Pandemie hatte ich durch die Veranstaltungen und Anlässe, die mein Amt mit sich bringen, immer wieder Programm. Zudem half ich jeweils am Wochenende in einer Bäckerei aus. Nachdem alle Veranstaltungen abgesagt worden sind, verlor ich auch meinen Aushilfsjob in der Bäckerei. Für mich ist klar, dass die jungen Festangestellten Vorrang haben. Denn weil das angegliederte Café geschlossen ist und zudem weniger Kunden in den Laden kommen, fällt weniger Arbeit an. Doch ich gebe es offen zu: Mir fehlt etwas, wenn ich von einem Tag auf den andern nichts mehr zu tun habe. Hoffen wir, dass wir so schnell als möglich wieder zum Alltag zurückkehren können. Ich wünsche auf diesem Weg allen gute Gesundheit und auf bald.»

Thomas Nussbaumer

Präsident Schweizer Kochverband skv, Küchenchef Fachhochschule Nordwestschweiz

«Ich glaube, diese Corona-Zeit wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Meine Hoffnung ist es, dass diese Veränderungen auch positiv sein werden. Es muss in Richtung Miteinander und Füreinander gehen. Deshalb helfe ich im Moment im Kantonsspital Baselland in Liestal bei Hansjörg Werdenberg als Koch aus. Zusammen schaffen wir das!»

Martina Blättler

Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung Kanton Luzern

«Ich unterrichte von zu Hause und das ist anders. Ich sehe meine Schüler nicht vor Ort, sondern übers Office365 / Teams. Auf diese Weise habe ich in den letzten Wochen sehr viel dazu gelernt und bin auf eine andere Art kreativ geworden. Ich merke, wer mir wichtig ist, wen ich vermisse und nicht mehr umarmen kann. Ich freue mich auf den Tag, an dem ich wieder all meine Liebsten in meiner Nähe haben darf.» 

(rma/ade)