Lebensmittelproduktion im Klimawandel

Mit den Temperaturen steigen auch die Preise. Denn Hitze und Trockenheit sind eine Herausforderung für die Landwirtschaft und somit die Lebensmittelversorgung.

Der massive Wassermangel ist gravierender als die hohen Temperaturen. (Bilder: Keystone-sda)

Gemüseproduzenten sind mit professionellen Bewässerungsanlagen ausgerüstet. Sie können ihre Kulturen bewässern – sofern sie Wasser beziehen dürfen. Im Vergleich zu den letzten zwei Jahren mussten die Gemüseproduzenten jedoch deutlich mehr bewässern. «Dies ist mit höheren Produktionskosten verbunden», schreibt Markus Waber, stellvertretender Direktor und Bereichsleiter Kommunikation, Marketing sowie Berufsbildung beim Verband Schweizer Gemüseproduzenten. «Einerseits benötigen sie mehr Wasser andererseits sind die Tage noch länger, da vor allem in der Nacht bewässert wird. Um die Mitarbeitenden zu schützen, beginnen sie in den frühen Morgenstunden, damit sie die Nachmittagshitze meiden können.» Das mindert die Trockenheit, aber nicht die Hitze.

Aufgrund der Trockenheit müssen zahlreiche Kulturen ein zweites Mal angesäht werden. Auch dies verteuert das Endprodukt.

Bei Temperaturen über 30 Grad Celsius stehen Pflanzen unter Hitzestress. Die produzierten Mengen sind rückläufig. Blumenkohl bekommt Sonnenbrand, Eisbergsalat Innenbrand und Fenchel braune Ränder. Karotten wachsen fehlerhaft, was eine neue Aussaat erfordert. «Die vollen Auswirkungen werden erst gegen den Herbst sichtbar», ergänzt Markus Waber. «Sicher ist, dass der Mehraufwand das Gemüse verteuert.»

Die Ernte in tiefen Lagen war Ende Juni bereits abgeschlossen. In den höher gelegenen Lagen ist die Ernte in vollem Gange (Weizen, Triticale, Dinkel, Roggen).

Beim Getreide fällt die Bilanz bislang unterschiedlich aus. Die Gerste hatte ihre Entwicklung weitgehend abgeschlossen, bevor die erste Hitzewelle einsetzte. «Derzeit können wir keinen konsolidierten Überblick über die Ernte auf schweizerischer Ebene geben» schreibt Thomas Weisflog, stellvertretender Direktor bei Swiss Granum, auf Anfrage. «Eine provisorische Ernteerhebung sowie eine Medienmitteilung sind für August vorgesehen. Die Resultate der Backversuche werden erst ab Oktober vorliegen.» So ist die Situation beim Weizen noch offen. Genauso wie der Anteil Weizen, der notreif geerntet wird.

Auswirkungen auf die Mehl- und Teigqualität

Die Backfähigkeit von notreifem Weizen ist in der Regel spürbar beeinträchtigt, da der verfrühte Reifeprozess die vollständige Ausbildung der Korninhaltsstoffe verhindert. Durch extreme Hitze und Wassermangel bricht die Pflanze die Einlagerung von Proteinen und Stärke vorzeitig ab. Gemäss Swiss Granum sind dies die Folgen:

  • Geringerer Proteingehalt: Da die Proteinausbildung in der finalen Reifephase gestoppt wird, sinkt der Rohproteingehalt. Dies führt zu Abzügen bei der Qualitätsklassifizierung wie zum Beispiel beim Schweizer TOP-Brotweizen.

  • Schwaches Glutennetzwerk: Die Klebereiweisse (Gluten) können sich nicht voll entwickeln. Dem Teig fehlt es an Elastizität, Dehnbarkeit und Gashaltevermögen.

  • Schlechte Stärkeverkleisterung: Die unvollständig ausgebildeten Stärkekörner mindern die Wasseraufnahme des Mehls. Der Teig wird beim Kneten schnell instabil und «fliesst».

  • Niedriges Hektolitergewicht: Die Körner sind oft schrumpelig und klein (Kümmerkorn), was die Mehlausbeute in der Mühle drastisch reduziert.

Brote aus reinem Mehl von notreifem Weizen zeigen ein geringes Backvolumen. Die Krume wird kompakt, verliert schnell ihre Frischhaltung und neigt zu einer unregelmässigen Porung. In Schweizer Mühlen wird solches Getreide selten rein verarbeitet. Um die Backfähigkeit zu retten, wird notreifer Weizen mit qualitativ starkem Aufmischweizen (Klasse Top oder Klasse I) vermischt, um die Defizite im Klebernetzwerk auszugleichen.

Früher wurden trockene Sommer mit Lieferungen per Helikopter überbrückt. So früh in der Saison lohnt sich das nicht. Denn Wasser und Transport kosten viel Geld.

Weil in den Sommerquartieren auf den Bergweiden Wasser und Futter fehlen, holen erste Bauern ihre Kühe von der Alp. Doch deren Fütterung ist nicht gesichert. Denn auch in tieferen Lagen wächst das Gras nicht nach. «Tierhaltungsbetriebe müssen den Tieren das für den Winter gedachte Futter füttern», schreibt Sandra Helfenstein, Leiterin Departement Kommunikation und Marketing beim Schweizer Bauernverband. «Zum Teil haben die Betriebe noch Reserven aus dem guten letzten Jahr. Das Gras kann sich durchaus erholen, wenn es wieder ausreichend regnet. Von dem her ist eine Abschätzung der Folgen aktuell ebenfalls nicht möglich.» Die Tiere seien bei heissen Temperaturen allesamt lieber im Stall als draussen und die Kühe nachts auf der Weise, sofern sie dort noch was zu fressen hätten.

In der ersten Juliwoche sagte Sandra Helfenstein: «Wir denken nicht, dass die Betriebe jetzt schon proaktiv reagieren und nur wegen der Futtersituation ihren Tierbestand reduzieren.» Am 15. Juli vermeldete die Berner Tageszeitung «Der Bund», dass 230 Tiere mehr zur Schlachtung angemeldet wurden als in der Vorjahreswoche. «Die Futterknappheit durch Hitze und Trockenheit ist ein wesentlicher Faktor in der kurzfristigen Entwicklung des Fleischangebots», sagte Philipp Haeberli, Leiter Kommunikation bei Proviande. Weil mehr Fleisch auf den Markt kommt, wurde der Richtpreis für Muni und Kühe um je 20 Rappen pro Kilogramm gesenkt. Sollte sich die Situation zuspitzen, hat dies später einen Einfluss auf die Produktion von Milch, Joghurt und Käse. Bereits jetzt geben die Kühe weniger Milch.

Investitionen in die Zukunft

Die Hitze hat noch einen weiteren Nachteil. Steigt die Null-Grad-Grenze auf 5000 Meter, hebelt sie die Kältebarriere der Alpen aus. Schädlinge wie der Japankäfer können dadurch einfacher in den Norden gelangen. Im Piemont und im Tessin kämpfen die Winzer verzweifelt gegen das gefrässige Insekt. So ist dem Japankäfer und zahlreichen Hitzegewittern mit Hagelschauern ein grosser Teil der Traubenernte zum Opfer gefallen. Der Japankäfer muss keinen Hunger leiden: Neben Reben mag er über 400 Pflanzenarten. Das macht eine Bekämpfung schwierig. Denn er lässt sich nicht durch die Beseitigung der Wirtspflanzen aushungern. Wirksame natürliche Feinde hat der Japankäfer in Europa nicht. Wichtig ist, Rasenflächen nicht zu bewässern, Fallen aufzustellen und Sichtungen von Japankäfern zu melden. Experten arbeiten mit sogenannten Fadenwürmern oder Nematoden. Die vernichten die Engerlinge des Käfers im Boden.

Um der Trockenheit entgegenzuwirken, wird aktuell über den Bau von Wasserspeichern diskutiert. Obwohl dringend benötigt, dauert das Bewilligungsverfahren für Wasseraufhaltebecken, auch für solche in den Alpen, lange. Zudem stellt sich die Frage der Finanzierung. 

Der Bund leistet bereits heute Unterstützung für das Projekt «Slow Water» der Kantone Luzern und Basel-Landschaft. Daran beteiligen sich über 100 Betriebe. Das Projekt testet Methoden, wie das Wassermanagement auf Landwirtschaftsbetrieben und in Gemeinden optimiert werden kann. Eines der Ziele ist gemäss «Luzerner Zeitung», dass die Landwirtschaft weniger auf Trinkwasser und auf Wasser aus Seen, Flüssen und Bächen angewiesen ist. Ein Vorzeigebetrieb ist der Katzhof im luzernischen Wiggertal. Biobauer Markus Schwegler und seine Frau Claudia Meierhans bieten regelmässig Führungen an.

(Gabriel Tinguely)


Mehr Informationen unter:

gemuese.ch

swissgranum.ch

proviande.ch

Japankäfer-Infoseite

Naturgut Katzhof

Slow Water


Klimabulletin Juni 2026

In der Schweiz ist es weiterhin warm bis heiss. Mit Ausnahme der Alpensüdseite ist das Ausmass der Hitze jedoch zurückgegangen, sodass ein Fazit möglich ist. Die klimatologische Einordnung zeigt, wie extrem die Hitzewelle der zweiten Junihälfte war – sowohl seit Messbeginn im Jahr 1864 als auch im aktuellen Klima. Die Schweizer Mitteltemperatur im Juni 2026 lag 3,5 Grad Celsius über der Referenzperiode 1991-2020 und belegte damit den dritten Rang in der rund 160-jährigen Messgeschichte. Ein Blick auf Europa verdeutlicht zusätzlich, wie extrem eine Hitzewelle schon bei rund 1,4 Grad Celsius globaler Erwärmung ausfallen kann.

Die Grafik zeigt die Entwicklung des Klimawandels seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1864. Das laufende Jahr ist auf gutem Weg, alle bisherigen Rekorde zu brechen. (Meteo Schweiz)

Meteo Schweiz prognostiziert für den Sommer 2026 eine Fortsetzung des historisch warmen Trends. Modelle zeigen eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen überdurchschnittlich heissen und trockenen Hochsommer.

Auch die Trockenheit hält an. Abgesehen vom Februar fielen in allen Monaten dieses Jahres unterdurchschnittliche Niederschlagsmengen.

(gab)


Mehr Informationen unter:

meteoschweiz.admin