Ein Börek statt grosse Worte

Die Gastkolumne von Silvana Lindt, Geschäftsleiterin von Cuisine sans frontières.

Ausgehungerte Kinder aus Gaza im Instagram-Feed, stiller Krieg im Sudan, Drohnen Richtung Europa und meine Kinder wollen wissen, wann der Krieg in der Ukraine vorbei sei. Manchmal fragte ich mich in den letzten 12 Monaten: Was bringt unser Tun in einer Welt, die nur Stärke kennt: militärische Macht, laute Parolen, harte Grenzen? Dann schnappte ich die Worte des jüdischen Denkers Abraham Joshua Heschel auf. In Warschau geboren, knapp den Nazis entkommen, stellte er sich in den 1960er-Jahren gegen den Vietnamkrieg und unterstützte die Bürgerrechtsbewegung. Er sagte: In einer freien Gesellschaft sind «einige schuldig», aber «alle verantwortlich». Verantwortung beginnt damit, die Welt zu sehen, wie sieist, und nicht nur durch Geschichten, die uns beruhigen. Doch Angst macht klein. Sie verwandelt Menschen in «die anderen», blockiert Empathie und Mut. Wir brauchen Orte, an denen Begegnung ohne Feindbilder möglich ist. Ein solcher Empathie-Ort entstand vor einem Monat auf der Brücke von Mitrovica im Kosovo. Normalerweise trennt sie Kosovo-Serbinnen und -Serben im Norden von Kosovo-Albanerinnen und -Albanern im Süden. Für einen Abend wurde die Brücke zum langen Tisch. Jugendliche Kosovo-Serbinnen und -Albaner kochten gemeinsam. Beim Kneten und Probieren verschwanden Hemmungen. Plötzlich sassen sie einander nicht als Gegner gegenüber, sondern als junge Menschen mit denselben Hoffnungen und Ängsten. Dann weiss ich wieder, warum wir tun, was wir tun: Manche Risse lassen sich eher mit einem Börek überbrücken als mit grossen Worten. Vielleicht dauert es noch lange, und wir können nur im Kleinen etwas bewirken. Aber verantwortlich sind wir eben alle.

(Silvana Lindt)