Gastgewerbler, die politisieren

Es braucht mehr Gastgewerbler in der Politik, lautet eine immer wieder gehörte Forderung. Doch kaum einer will sich selber engagieren. Dabei gäbe es gute Vorbilder.

  • «Hotelier im Bundeshaus» – diese Schlagzeile könnte 2019 wahr werden. Hotelleriesuisse-Präsident Andreas Züllig (FDP) kandidiert diesen Herbst für den Nationalrat. Und auch der St. Galler Barista Gallus Hufenus hat sich kurz vor Weihnachten entschieden, sich auf die Nationalratsliste der SP setzen zu lassen. (Swiss-image)
  • «Ich bin extrem dankbar, dass ich einen so toleranten und flexiblen Arbeitgeber habe.» -Romy Biner-Hauser (Bilder ZVG)
  • «Fürs Amt musste ich meine Betriebe aufgeben. Ich bin aber immer noch skv-Mitglied.» -Tom Leibundgut
  • «Es ist spannend, wie die Leute mit mir umgehen, seit ich Parlamentspräsident bin.» -Gallus Hufenus
  • «Ich bin mit Leib und Seele Gastgewerbler – auch auf dem politischen Parkett.» -Ernst Bachmann

Stefan Grossniklaus, Hotel Aspen Grindelwald, SVP, Präsident Sektion Grindelwald. Patrick Hauser, Hotel Schweizerhof Luzern, FDP, Kantonsrat. Chris van den Broeke, Hotel-Restaurant Zunfthaus zu Wirthen Solothurn, BDP-Präsident Kanton Solothurn. – Das sind nur drei von rund 30 Hoteliers, die sich aktiv in einer Partei oder in einem politischen Amt für das Gastgewerbe und den Tourismus engagieren. Das ist die Bilanz einer aktuellen Umfrage von Hotelleriesuisse

Hoteliers sind Mitte-Politiker

Hotelleriesuisse wollte herausfinden, wie gut vernetzt und vertreten die Gastronomiebranche auf dem politischen Parkett ist. «Die rund 30 Hoteliers und tourismusnahen Personen decken das gesamte Spektrum an bürgerlichen Parteien relativ gleichmässig ab», sagt Karin Sieber, Projektleiterin Kommunikation & Marketing bei Hotelleriesuisse. Vor allem in der bürgerlichen Mitte (BDP, FDP, CVP) sind die Vertreter der Hotellerie und Gastronomie zu finden.

«Man muss Biss zeigen, im Gastgewerbe genauso wie in der Politik.» -Guido Casty, Wirt und Grossrat (BDP) Kanton Graubünden


Diese Positionierung dürfte in der Natur der Sache liegen. Als Unternehmer stehen den Hoteliers und Gastronomen die wirtschaftlichen Themen nahe. Als gute Gastgeber ist es ihre Aufgabe, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Menschen wohlfühlen. Das erreicht man, indem man den Mittelweg wählt, den Konsens sucht und Kompromisse eingeht. Dies wiederum ist in der politischen Mitte eher und leichter möglich als an exponierten Positionen ganz links oder rechts aussen.

Handeln statt Jammern

Lange wurde den Gastgewerblern vorgeworfen, sie seien die «Jammeris der Nation». Dabei stellen sie nicht mehr Forderungen als Landwirte. Diese werden jedoch positiver wahrgenommen, weil sie politisch besser vertreten sind und gute Lobbyarbeit betreiben. Die Bauern haben sich gut positioniert. Als Landschaftsgärtner, Brauchtumsbewahrer und sichere Nahrungsproduzenten.

Um das Gastgewerbe als ebenso wichtigen Player wie die Landwirtschaft auf dem politischen Parkett zu positionieren, braucht es Menschen, die sich für die Branche und ihre Belange einsetzen. Das könnten keine besser als die Gastgewerbler selbst.  Doch viele Gastgeber folgen aus Angst, Gäste zu vergraulen, der Regel: «Sei diplomatisch, behalte deine Meinung zu religiösen und politischen Themen für dich.»

Es ist schön, wenn ein Restaurant ein neutraler Ort für Begegnungen ist. Gleichzeitig aber täte es dem Gastgewerbe sehr gut, wenn sich mehr seiner Vertreter politisch engagierten. 

Mut zur eigenen Meinung

Dass man dies sogar auf dem Land tun kann, ohne Gäste abzuschrecken, zeigt Guido Casty. Er ist Gemeinderat in Flims, Grossrat im Bündner Kantonsparlament, Koch und Gastgeber. 40 Jahre lang führte Casty das am Rande der Rheinschlucht im Flimser Wald gelegene Ausflugsrestaurant Conn. Den Betrieb hat er inzwischen verpachtet. Der 63-Jährige steht nun jeweils im Sommer am Herd in der «Ustria Trin Staziun». 

«Ich habe immer gemacht, was ich gut und richtig fand. Im Restaurant genauso wie in der Politik», sagt Casty. Beiderorts müsse man sich positionieren, zu seinen Überzeugungen stehen und nicht ständig die Fahne in den Wind hängen. Wer eine Linie habe und diese deutlich, hartnäckig und ausdauernd vertrete, werde nicht von allen geliebt, aber respektiert.  

Den Einstieg in die Politik fand Guido Casty Anfang der 1990er-Jahre als Kurvereinspräsident. 2001 wurde Casty in den Flimser Gemeindevorstand gewählt. Er konnte für den lokalen Tourismus verschiedene Projekte realisieren. Zum Beispiel die Aussichtsplattform «Il Spir» und den Wasserwanderweg «Trutg dil Flem». Seit Frühling 2018 ist Guido Casty nun auch Grossrat. Sein Ziel ist klar: «Ich setze mich dafür ein, die Ertragslage im Tourismus so zu verbessern, dass auch die nächste Generation und kleinere Betriebe eine Zukunft im Tourismus, unserer Leitindustrie, haben.»

(Riccarda Frei) 


Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser (CVP)

Zermatts Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser ist seit über 25 Jahren bei der Seiler Hotels AG angestellt. «Ich hab im ganzen Betrieb gearbeitet», sagt die gelernte Hotelfachassistentin und heutige PR-Fachfrau. Bevor sie 2016 Gemeindepräsidentin wurde, war die CVP-Politikerin bereits acht Jahre lang im Gemeinderat von Zermatt; vier davon als Vizepräsidentin. Weil das neue Amt sehr zeitintensiv ist, hat sie ihr Arbeitspensum bei den Seiler Hotels schrittweise auf 30 Prozent reduziert. «Ich bin meinem Arbeitgeber extrem dankbar, dass er Verständnis dafür hat, wenn ich mitten am Tag an einer Sitzung teilnehmen, einen Vortrag halten oder repräsentative Aufgaben für die Gemeinde erfüllen muss.»  

Dass sie aus dem Gastgewerbe kommt, sei für sie ein Vorteil. «In der Hotellerie habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen. Ich kann rasch entscheiden, anpacken und mich in verschiedenen Sprachen ausdrücken.» Handkehrum habe sie durch die Politik viel gelernt. Zum Beispiel, dass es auch gut ist, gewisse Dinge nicht zu überstürzen, sie mehrmals und von unterschiedlichsten Standpunkten aus zu betrachten, zu überdenken, Kooperationen zu schliessen, Konsens zu finden und Kompromisse einzugehen. 

«Politik ist meine Lebensschule. Ich musste unter anderem lernen, dass man nichts persönlich nehmen darf.» Das sei für jemanden aus dem Gastgewerbe nicht so leicht, denn dort bekomme man für gute Arbeit Lob. In der Politik hingegen werde man oft angegriffen und man dürfe weder Lob noch Dank erwarten. 

Trotzdem empfindet Romy Biner-Hauser es als Bereicherung, in der Politik und im Gastgewerbe gleichzeitig arbeiten zu können. So spannend die Politik sei, das Gastgewerbe lasse sie nicht los. Überzeugt sagt sie: «Ich würde immer wieder eine gastgewerbliche Lehre machen.» 


Stadtrat Tom Leibundgut 

Er ist in Chur als bunter Vogel bekannt. Als innovativer Gastronomieunternehmer, der die Ausgehkultur der Stadt aufgerüttelt, neu geprägt und sich dazu auch mit den Behörden angelegt hat, als Initiant der Schlagerparade und seit 2013 als bürgernaher Stadtrat. «Ich hätte nie gedacht, dass ich als Parteiloser und politisch Mittelinks-Stehender gewählt würde», erinnert sich Tom Leibundgut zurück. Angetreten ist er eigentlich, um den langweiligen Wahlkampf etwas aufzumischen und ein bisschen auch, um zu provozieren. Sein deutlicher Wahlsieg hat ihn quasi kalt erwischt.

Stadtrat von Chur zu sein, ist ein 100-Prozent-Job. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, dürfen die drei Stadträte weder Firmen besitzen noch andere Ämter innehaben. «Ich musste daher alle meine Betriebe aufgeben.» Dazu zählten ein Budgethotel und diverse Bars und Clubs. Sogar die Firmenbeteiligungen seiner Frau reduzierte er auf maximal 25 Prozent. «Mitglied des Schweizer Kochverbands bin ich aber auch als Stadtrat geblieben», sagt Tom Leibundgut. Der 53-Jährige ist seit seiner Lehre skv-Mitglied und fühlt sich noch immer als Koch. «Meine Mitarbeitenden mussten lernen, dass ich selbst als Berufspolitiker wie ein Koch ticke», sagt Leibundgut. Er bereite etwa 60 Prozent vor, den Rest improvisiere er. Wie in der Küche sei ihm auch in der Politik Teamarbeit sehr wichtig. «Ich habe in der Küche gelernt, Hitze auszuhalten und weiterzumachen, auch wenn ich mir mal die Finger verbrenne. Das kommt mir im übertragenen Sinn in der Politik sehr zugute.»    

Mittlerweile ist Tom Leibundgut seit sechs Jahren in Chur zuständig für Bau, Planung und Umwelt. Unter seiner Federführung wurde die Innenstadt umgestaltet und teilweise verkehrsfrei gemacht. So entstand Platz für mehr Begegnungsorte wie Sitzbänke und Strassencafés.  


Präsident Stadtparlament Gallus Hufenus (SP)

Kaffee ist seine Leidenschaft. Im St. Galler Linsebühlquartier betreibt Gallus Hufenus das Kaffeehaus. Obschon er hier Gäste bewirtet, bezeichnet sich Hufenus selbst nicht als Gastronom, sondern als Barista. Die Bohnen für den Kaffee röstet er selber. Dies tut er voller Überzeugung und kompromisslos. «Ich werde nie einen Coffee to go verkaufen», sagt der 39-Jährige. Qualität, Sinnhaftigkeit und Nachhaltigkeit sind ihm wichtiger als der blosse Profit.

Als Präsident des St. Galler Stadtparlaments kommt Hufenus zwar nicht um Kompromisse herum, aber auch in der Politik setzt er auf klare Positionierung und Qualität. Zum Beispiel möchte er die Lebensqualität der Bevölkerung erhöhen. Deshalb versucht der SP-Politiker, Hausbesitzer zu überzeugen, leerstehende Wohn- und Geschäftsräume lieber günstiger zu vermieten, um so die Stadt zu beleben, als die Immobilienpreise künstlich hochzuhalten und die Innenstadt ausbluten zu lassen. Belebte Städte sind ja auch für das Gastgewerbe essenziell.

Gallus Hufenus ist seit 2010 im Stadtparlament von St. Gallen aktiv. In 2018 war er als Parlamentspräsident der «höchste St. Galler» und repräsentierte die Stadt bei offiziellen Anlässen. «Das war eine coole Erfahrung – ich war quasi Volksvertreter mit Glamoureffekt.» Dass er plötzlich auf der Strasse von wesentlich älteren Passanten fast ehrfurchtsvoll als Herr Präsident angesprochen wurde, sei für ihn schon etwas komisch gewesen.

 Während des Präsidialjahres habe er zudem gemerkt, dass es ihm gefallen würde, auch in der Politik ganzheitlicher, nachhaltiger zu arbeiten. Er würde Entscheide gerne nicht mehr nur anregen, sondern auch umsetzen. «Ich könnte mir in meiner Zukunft durchaus einmal ein Exekutiv-Amt in der Stadt vorstellen.» Dafür wäre Hufenus sogar bereit, sein Kaffeehaus aufzugeben. 


Ehemaliger Kantonsrat Ernst Bachmann (SVP)

«In Sachen Politik bin ich ein Spätzünder», sagt Ernst Bachmann von sich selbst. Der 72-Jährige stieg «erst» vor 25 Jahren in die Politik ein. «Ich kam ganz unverhofft dazu», sagt der Wirt des Zürcher Restaurants Muggenbühl. Kurt Egloff, damals SVP-Stadtrat, forderte Bachmann auf zu kandidieren. «Ernst, du musst kommen. Wir haben niemand anderen.» Bachmann kam, wurde gesehen und siegte. Bis 2017 setzte er sich als SVP-Kantonsrat in Zürich für die Belange des Gastgewerbes ein. 

Ernst Bachmann ist ein Vollblut-Gastronom, der noch lange nicht an Pensionierung denkt.  Zwar hat er die Zahl seiner vielen  Ämter in regionalen und nationalen Verbänden reduziert, trotzdem ist der ehemalige Vizepräsident Gastrosuisse noch gut vernetzt sowie weiterhin in diversen Gremien und Verwaltungsräten aktiv. Wie bringt man das alles mit der Führung eines florierenden Betriebs wie dem «Muggenbühl» unter einen Hut? Ernst Bachmann erklärt: «Das geht nur mit einem gut funktionierenden Team im eigenen Betrieb. Die meisten Mitarbeitenden sind schon 20, 30 Jahre bei mir.» Da er alleine lebe, habe er sieben Tage die Woche Zeit zum Arbeiten und Politisieren. 

Obschon er versucht habe, die beiden Bereiche zu trennen, zerflossen die Grenzen. «In der Politik wurde ich als Wirt wahrgenommen und im Restaurant sprechen mich die Gäste auf politische Themen an.» Bachmann ist überzeugt, gerade Wirte und Hoteliers wären ideale Politiker. «Sie haben einen hohen Bekanntheitsgrad, sind volksnah und ansprechbar.» Er rät jungen Berufsleuten, sich ebenfalls politisch zu engagieren, zum Beispiel im Gemeinderat. Das Argument «Zeitmangel» lässt Bachmann nicht gelten. «Heute sind viele Betriebe nur noch über Mittag und/oder abends geöffnet. Da bleibt doch genügend Zeit für politisches Engagement. » 


Das politische System der Schweiz 

3 Ebenen – In der Schweiz gibt es drei politische Ebenen. Der Bund, 26 Kantone und 2250 Gemeinden teilen sich die Macht.

Die Landesregierung, der Bundesrat, ist ein Kollegium von sieben Mitgliedern. Gewählt werden die Bundesräte vom Parlament.

246 Parlamentarier – Das Schweizer Parlament, die Bundesversammlung, besteht aus 246 Abgeordneten. Sie werden vom Volk gewählt.

2 Kammern –Das Parlament setzt sich aus zwei Kammern zusammen: dem Nationalrat und dem Ständerat. Der Nationalrat besteht aus 200 und der Ständerat aus 46 Volksvertretern.

Im Schweizer Parlament sind 15 Parteien vertreten. Die Parteien mit den höchsten Wähleranteilen sind im Bundesrat.

63 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, also rund 5,3 Millionen Menschen, sind in der Schweiz auf eidgenössischer Ebene wahlberechtigt. Das Wahlrecht steht Einwohnerinnen und Einwohnern mit Schweizer Bürgerrecht zu, die ihre Volljährigkeit (18 Jahre) erreicht haben. Grundsätzlich kann jeder Wahlberechtigte für politische Ämter kandidieren.


Buchtipp: 

«Aktiv werden in der Politik» 

ISBN: 978-3-85569-994-0
www.shop.beobachter.ch