«Hospitality ist mehr als ein Betrieb oder eine Branche»

Das Hotel war ihr erstes Zuhause. Chloe Sos wuchs zwischen Lobby, Küche und Mitarbeitenden auf. Auf Umwegen ist sie wieder dort zurück.

Sie richtet gerne den Blick in die Zukunft: die Zürcherin Chloe Sos, die in die vier Betriebe ihrer Eltern eingestiegen ist. (Bild ZVG)

Chloe Sos, Ihre Eltern führen seit vielen Jahren Hotels und Restaurants in Zürich. War es für Sie immer klar, dass Sie dereinst ins Familienunternehmen einsteigen werden?

Nein, das war für mich nicht klar. Eher im Gegenteil. Gerade weil mir diese Welt so vertraut war, wollte ich zuerst Distanz schaffen und verstehen, wie andere Systeme funktionieren. Erst durch meine Jahre in der Zukunftsforschung sowie im Design- und Kulturbereich habe ich verstanden, dass Hospitality viel grösser ist als ein Betrieb oder eine Branche.

Hospitality reizt Sie nun?

Ja, auf jeden Fall. Es ist einer der wenigen Orte, an denen sich gesellschaftliche Veränderungen unmittelbar zeigen. Darin liegt für mich ihre Relevanz: Hospitality schafft reale Begegnung in einer Zeit, in der vieles digital wird.

Haben Sie zwischen dem Grosswerden und heute geschafft, andere Systeme kennenzulernen?

Das habe ich. Ich habe in Paris ein Studium im Bereich innovatives Marketing gemacht und bin danach in die Zukunftsforschung und strategische Innovation gegangen. In diesem Feld habe ich mehrere Jahre in New York, Paris und Hamburg gearbeitet. Sieben Jahre davon im Umfeld von Lidewij Edelkoort, eine der weltweit bekanntesten Trendforscherinnen. Diese Zeit hat meinen Blick stark geprägt – weniger im Sinne von Trends, sondern im Denken von kulturellen Verschiebungen. Irgendwann war mir aber wichtig, diese Perspektive nicht nur zu beobachten, sondern auch in die Umsetzung zu bringen. Ich habe deshalb bewusst in operative und strategische Rollen gewechselt, wo es darum geht, Ideen, Marken und Konzepte real zu entwickeln.


«Menschen reagieren auf Atmosphäre. Das macht diese Branche sehr ehrlich.»


Zu Ihrem Familienunternehmen gehören vier Betriebe. Was macht diese aus?

Was unsere Betriebe verbindet, ist nicht ein Stil, sondern ihre Unterschiedlichkeit. Die Kantorei ist ein ikonisches Stammlokal am Zürcher Neumarkt, ein Klassiker. Das Hotel Plattenhof ist kulturell geprägt. Dort treffen sich Schauspielhausleute, Filmschaffende, Akademikerinnen und Akademiker, Ärztinnen, Studierende. Das «Townhouse» ist international geprägt. Das Hotel Arlette, unser neuestes Haus, stammt aus dem Jahr 1987 und hat sich bewusst nicht neu erfunden. Es wirkt wie eine Zeitkapsel. Genau das macht seinen Charakter aus.

Sie sind Mutter zweier Kleinkinder. Wie bringen Sie Privates und Berufliches unter einen Hut?

«Unter einen Hut bringen» ist der Idealfall. Es ist eher ein ständiges Verschieben, Priorisieren, Improvisieren. Und es braucht ein starkes System mit Partner, Familie, Teams. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich das habe.

Sie sind heute Teil der Geschäftsleitung. Was sind Ihre Aufgabenbereiche?

Ich arbeite stark an strategischen und konzeptionellen Themen rund um Hospitality wie Positionierung, Gästeerlebnis, Unternehmenskultur und Zukunftsfragen. Gleichzeitig bin ich aber sehr operativ involviert. Mein Vater sagte immer: «Wenn du die Küche nicht kennst, kannst du kein Restaurant führen.» Das stimmt bis heute. Man kann Orte nicht weiterentwickeln, wenn man ihre Dynamiken nicht versteht. Atmosphäre entsteht nicht auf dem Konzeptpapier, sondern im täglichen Zusammenspiel von Menschen. Die Gastronomie ist ein sehr operatives Geschäft, bei dem man flexibel bleiben und immer wieder selbst eingreifen muss. Ich arbeite eng mit meinen Eltern zusammen. Es ist ein direkter Austausch zwischen Erfahrung und einem anderen Blick auf Gegenwart und Zukunft. Gleichzeitig funktionieren Hotels und Restaurants nie über Einzelpersonen, sondern über starke Teams, Vertrauen und Menschen, die gemeinsam Verantwortung tragen.

Fliessen Ihre Erfahrungen aus der Zukunftsforschung in Ihre Arbeit ein?

Ja, es hilft mir, meine Perspektiven zu verwirklichen. Ich beobachte, wie sich Verhalten und Bedürfnisse verändern. In der Hospitality zeigt sich das sehr unmittelbar. Menschen reagieren dort direkt auf Räume, Abläufe und Atmosphäre. Das macht diese Branche extrem ehrlich.

Wie erleben Sie den Gast?

Der heutige Gast ist sehr informiert. Er hat viel gesehen, verglichen und erlebt. Genau deshalb ist er heute auch deutlich sensibler geworden für das, was echt wirkt und was nicht. Menschen suchen weniger Perfektion als Stimmigkeit. Also etwas, das sich nicht konstruiert oder überinszeniert anfühlt, sondern natürlich entsteht. Sie merken sehr schnell, wenn ein Ort nur Oberfläche ist. Gleichzeitig ist der heutige Gast präziser geworden. Er reagiert stärker auf Atmosphäre, kleine Details, auf Haltung. Dies oft schneller, als man es über klassische Qualitätskriterien erklären könnte. Und genau deshalb verschiebt sich Hospitality immer mehr weg von reiner Leistung hin zu einer Frage von Glaubwürdigkeit im Erleben.

(Ruth Marending)


Zur Person

Chloe Sos studierte innovatives Marketing und arbeitete in der Zukunftsforschung und strategischen Innovation. Heute ist sie im Zürcher Familienunternehmen Sos in der Geschäftsleitung im Bereich Hospitality, Strategie und Konzeptentwicklung tätig.

Mehr Informationen unter: plattenhof.ch