«Ich war ein Vermittler zwischen den Fronten»

Das Urgestein der HGU sass mehr als zwei Jahrzehnte am L-GAV-Verhandlungstisch. Seine Erfolge und Niederlagen.

Stefan Unternährer, vom Protokollanten zum Verhandlungschef. (Filipa Peixeiro)

Stefan Unternährer, wie erinnern Sie sich an Ihren ersten Tag an einer L-GAV-Verhandlungsrunde?

Mein erster Einsatz war 1992. Damals gab es zwar schon eine gesetzlich festgelegte Arbeitszeitkontrolle. Vor Gericht gingen die Mitarbeitenden jedoch meist leer aus, wenn sie beim Arbeitgeber und vor Gericht Überstunden geltend machen wollten. Die Beweislast lag bei den Mitarbeitenden und nicht beim Arbeitgeber. Diese Beweislast wollte ich umkehren, und deshalb durfte ich den damaligen Präsidenten der Union Helvetia Karl Eugster zunächst als Protokollführer an die L-GAV-Verhandlungen begleiten.

Und hatten Sie Erfolg?

Ja, die Arbeitgeber haben eingewilligt. Meine Frage an sie war damals auch: Wollt ihr die schwarzen Schafe, die keine Arbeitszeitkontrolle führen, wirklich schützen? Und: Ihr wollt doch auch nicht, dass eure Mitarbeitenden über’s Ohr gehauen werden.

1996 kam es zur L-GAV-Kündigung durch die damalige Union Helvetia. Warum?

Die Arbeitgeber hatten sich geweigert, einer jährlichen Teuerungsanpassung bei den Mindestlöhnen zuzustimmen. Wir hatten keine Handhabe, um dagegen vorzugehen. Auf Arbeitgeberseite hiess es immer, dass sie einer Teuerungsanpassung um null Franken zustimmen. Schliesslich sei eine Null-Anpassung auch eine Anpassung. So ein Blödsinn! Wir sind damals zum Schluss gekommen, dass wir ohne grosse Hausmacht im Rücken nicht mehr weiterverhandeln können und sind aus dem L-GAV ausgestiegen.

Der vertragslose Zustand dauerte fast zwei Jahre.

Richtig. Bei den Arbeitgebern herrschte zunächst Freude. Es gab weniger Schutz für die Mitarbeitenden, und die Schuld daran, wurde der Union Helvetia in die Schuhe geschoben.

1998 trat dann doch wieder ein neuer L-GAV in Kraft.

Ja, wir waren dazumal noch die einzige Arbeitnehmervertretung und konnten massgebliche Verbesserungen und ein Schiedsgericht für Streitigkeiten über Mindestlöhne durchsetzen. Das Schiedsgericht wurde später regelmässig einbestellt, damit die Teuerung und Reallohnerhöhungen auf den Mindestlöhnen durchgesetzt werden konnten.

Wie sind Sie bei den Verhandlungen aufgetreten?

(lacht). Von 1998 bis 2003 jung, wild und links. Als danach die Gewerkschaften Unia und Syna auf Arbeitnehmerseite hinzukamen, habe ich einen anderen Stil eingebracht. Ich sah mich immer mehr als Vermittler zwischen den Fronten. Ich hatte auch das Gefühl, wenn man sich gegenseitig zuhört, erreicht man mehr für die Branche.

Zum Beispiel?

Ich denke da vor allem an die Förderung der Aus- und Weiterbildung mit subventionierten Kursund Prüfungskosten.

Was ist Ihr berufliches Goldstück. Mit anderen Worten: Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

Dass es mir gelungen ist, ein Lohnabrechnungsmodell zu entwickeln, welches für mehr Sicherheit und Gerechtigkeit für die Mitarbeitenden sorgt.

Und was ist ihr «Säurebad» oder anders ausgedrückt: Was ist Ihnen nicht gelungen?

Mein Vater hat immer gesagt: «Wenn du was willst, dann mach was dafür». Mir ist nicht gelungen, dieses Bewusstsein in die Branche zu tragen. Mit anderen Worten: Leute, wenn ihr eure Situation verbessern wollt, müsst ihr Mitglied der Hotel & Gastro Union werden.

(Jörg Ruppelt)

Jetzt Mitglied werden! Infos und Anmeldung über: info.hotelgastrounion.ch/l-gav-2026


Zur Person

Der studierte Jurist Stefan Unternährer (67) begann 1988 seine Tätigkeit als Rechtsberater bei der damaligen Union Helvetia. Von 1996 bis 2021 leitete er die Rechtsabteilung der Union Helvetia, heute Hotel & Gastro Union. Sein Nachfolger als Leiter Recht ist Roger Lang.


Die Geschichte des L-GAV

1886 bis 1973

Die Union Helvetia (heute Hotel & Gastro Union) wird 1886 gegründet.1919 setzt sie den ersten L-GAV bis 1921 durch. 1947 folgt der Mehrstädte-Gesamtarbeitsvertrag, dem sich 1954 weitere Regionen anschliessen.

1974

Nach langen Verhandlungen wird der erste nationale L-GAV unterzeichnet. Er löst eine Vielzahl an regionalen Vereinbarungen ab.

1980 bis 1995

Mit dem L-GAV als Fundament werden wichtige soziale Verbesserungen erreicht, darunter die Fünf-Tage-Woche und Mindestlöhne für Männer und Frauen.

1996

Da die Arbeitgeber die im L-GAV vereinbarte Teuerungsanpassung drei Jahre lang verweigern, kündigt die Union Helvetia den L-GAV.

2010 bis 2025

Dank der Hotel & Gastro Union werden fünf Wochen Ferien für alle eingeführt. Von 2019 bis 2025 blockiert Gastrosuisse die L-GAV-Verhandlungen.

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