Wie sieht der Städtetourismus der Zukunft aus? Geerte Udo prägte während 17 Jahren das Tourismusmarketing in Amsterdam. Am Städtetourismuskongress Zürich Experience spricht sie über die «Residents first»-Philosophie, welche die Bedürfnisse der Bevölkerung ins Zentrum stellt.

Geerte Udo ist strategische Beraterin für Stadtentwicklung, Markenentwicklung von Städten und Regionen sowie kulturelles Unternehmertum. (ZVG)
Unser Fokus lag schon immer auf den drei Standbeinen Bevölkerung, Business und Gäste. 2014 zeigten sich erstmals negative Auswirkungen des Tourismus auf die Lebensqualität der Bewohner der Altstadt. Diese wurden verursacht durch Menschenmassen im öffentlichen Raum, Belästigungen sowie eine Entfremdung aufgrund der Vielzahl an touristenorientierten Geschäften und Gastronomiebetrieben im Stadtzentrum. Zudem wurden viele Häuser zu Investitionsobjekten.
Nein, ganz und gar nicht. Es bedeutet, dass ihr Besuch die Lebensqualität aller Bewohner verbessern soll. Für manche Stadtteile bedeutet dies Investitionen in den öffentlichen Raum, in Einrichtungen, Kultur und so weiter, damit sie für die Bewohner und damit auch für Besucher attraktiver werden. Für die Innenstadt bedeutet es eine Neugestaltung, damit sie mehr Bewohner, Arbeitnehmende und eine andere Art von Besuchern anzieht. Verschiedene Stadtteile haben unterschiedliche Kapazitäten. Wir sollten uns auf Qualität statt auf Quantität konzentrieren.
Man muss die «Visitor economy» als Teil des Systems sehen, das eine Stadt darstellt. Diese ist ein Ort, an dem Menschen leben, arbeiten, kreativ und innovativ sind sowie ihre Freizeit verbringen. Wenn man das gut organisiert, zieht man Besucher an, was wiederum die Lebensqualität verbessert. Die Neugestaltung der Amsterdamer Altstadt konzentrierte sich daher nicht nur auf Gäste, sondern darauf, das Gleichgewicht zwischen Wohnen, Arbeiten und Besuchern wieder herzustellen. Das gelingt, indem in mehr Wohnraum investiert wird, Unternehmen zurück ins Zentrum geholt werden und ein vielfältigeres Angebot für Besucher geschaffen wird, welches auch von den Einwohnern geschätzt wird – wie zum Beispiel Kultur und lokale Unternehmen. Im Rahmen öffentlich-privater Zusammenarbeit wurde erarbeitet, wo langfristige positive Auswirkungen für alle erzielt werden können.
Stadtentwicklung braucht Zeit. Daher hat die Verbesserung der Lebensqualität im Rotlichtviertel nach wie vor hohe Priorität, ebenso wie die Verbesserung der Lebensqualität und Attraktivität anderer Stadtteile. Zudem wächst die Zahl der Besucher aus aller Welt weiter – und je mehr wir in die Lebensqualität investieren, desto attraktiver werden wir. Auch der Einfluss der sozialen Medien auf das Verhalten der Besucher ist enorm. Die meisten Gäste haben Angst, etwas zu verpassen, und machen daher das, was alle anderen auch tun. Algorithmen lieben extreme Inhalte und Hypes, was die Verteilung der Besucher auf verschiedene Ort schwieriger macht.
Den Menschen wurde zunehmend bewusst, welchen Wert Besucher für die Lebensqualität haben. Zudem sind die Diskussionen differenzierter geworden. Es geht nicht mehr um «dafür oder dagegen», sondern um die Fragen: wer, wo und wann?
Verfolgen Sie eine langfristige Perspektive: Wie können Sie zu einer lebens- und liebenswerten Stadt für die nächste Generation beitragen? Beginnen Sie damit, Ihre gemeinsamen Ziele zu formulieren. Anschliessend konzentrieren Sie sich auf die 80 Prozent, bei denen Sie sich einig sind, und diskutieren später die restlichen 20 Prozent.
Städte in der westlichen Welt werden von ihren Einwohnern gestaltet und gebaut, die eine Wirtschaft geschaffen und eine Regierung gewählt haben. Der Tourismus hatte bis 2013 positive Auswirkungen auf unsere Stadt und ihre Einwohner. Er schuf Einnahmen und Arbeitsplätze und trug so zur Förderung und Verbesserung vieler Einrichtungen für die Einwohner bei. «Residents first» ist also nicht Neues. Aber wir haben diesen Fokus in der Zeit, in der Wachstum als das höchste Ziel galt, ein wenig aus den Augen verloren.
(Angela Hüppi)