
Der neue Wanderweg zur Sciorahütte des SAC führt über Hängebrücken mit Blick auf Piz Cengalo und Badile. 2017 kam es am Piz Cengalo zu einem Bergsturz und anschliessenden Murgängen. (Keystone-SDA)
Der fortschreitende Klimawandel stellt besonders die Destinationen in tiefen und mittleren Lagen vor grosse Herausforderungen. Die natürliche Schneesicherheit nimmt dort am stärksten ab. Gleichzeitig gehen die Möglichkeiten zur Beschneiung wegen hoher Temperaturen ebenfalls stark zurück. Dies ist im Factsheet Klimaszenarien Winter 2050 für die Schweiz zu lesen – herausgegeben von den Seilbahnen Schweiz.
Nicht nur Destinationen in tiefen und mittleren Lagen müssen sich eingehend mit den Veränderungen in ihrer Region befassen. «Lange hat man über den Klimawandel gesprochen. Für die Destinationen ist es aber auch wichtig, sich Gedanken über die Klimaanpassung zu machen», sagt Ueli Hug, Geschäftsführer von Mounteco. Er und sein Team beraten touristische Leistungserbringer bei Transformationen im alpinen Tourismus. Es gehe bei ihrer Arbeit nicht um Schnee oder Nicht-Schnee, sondern darum, alle Betroffenen an einen Tisch zu bringen. «Nicht nur die touristischen Akteure, sondern auch die Landwirtschaft oder das lokale Gewerbe sind von den Veränderungen betroffen.»
«Auch höher gelegene Gebiete müssen ihre Strategie anpassen.»
Ueli Hug, Geschäftsführer von Mounteco
Bergbahnen oder Mountainbike-Trails zum Beispiel werden auf Land gebaut, das den Betreibern nicht gehört. Daher müsse man zwingend auch die Landwirte mit ins Boot holen. Und gleichzeitig über Massnahmen zur Klimaanpassung sprechen. Denn für die Landwirte sei etwa das Thema Wasser existenziell. Der Tourismus benötige viel davon, unter anderem für die technische Beschneiung der Skipisten. Dem müsse man Rechnung tragen. Ueli Hug betont, dass er und sein Team keine pfannenfertigen Strategiepapiere vorlegen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.
Das heisst, dass man das Angebot ausweitet oder ändert. Jede Region habe neben den klassischen Angeboten auch Besonderheiten, denen man mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. Er denke an die Moorlandschaften im Prättigau. Oder das breite kulinarische Angebot im Engadin, welches in Zukunft auf verschiedenen Themenwegen den Gästen zugänglich gemacht wird.
Ebenfalls vom Klimawandel betroffen sind Hütten des Schweizer Alpenclubs SAC. «Durch tauenden Permafrost und schwindende Gletscher verliert der Untergrund an Stabilität. Jede dritte Hütte ist dadurch gefährdet. Auch die Wasserversorgung wird immer schwieriger», ist auf der Webseite des SAC zu lesen. Was in Zukunft hierzulande in Sachen Klimaveränderung zu erwarten ist, sagt Klimaforscher Reto Knutti im nachstehenden Interview.
Reto Knutti, wie schätzen Sie die Entwicklung der Klimaszenarien weltweit in den kommenden 30 Jahren ein?
Wir haben es zwar geschafft, den Anstieg der CO2-Emissionen abzubremsen, aber der Zenit ist noch nicht überschritten. Von Netto-Null sind wir weit entfernt. Die heutigen Klimagesetze führen zu einer globalen Erwärmung von knapp 3 °C gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter. Am Klimaabkommen in Paris wurde jedoch lediglich eine maximale Erwärmung von 1,5 °C vorausgesetzt.
Wie stark ist die Schweiz von diesen Veränderungen betroffen?
Die Schweiz und Mitteleuropa sind besonders stark betroffen. Die Schweiz hat sich bereits um 2,9 °C erwärmt. Die durchschnittliche globale Erwärmung beträgt jedoch 1,4 °C. In der Schweiz ist die Erwärmung demnach doppelt so hoch. Die Auswirkungen sind messbar und sichtbar. Wir erleben hierzulande heute schon mehr Hitzewellen, häufigere Sommertrockenheit, mehr extreme Regenfälle und weniger Schnee. Diese Trends werden sich weiter fortsetzen.
Warum ist der Alpenraum besonders stark von der Klimaerwärmung betroffen?
Über Landmassen ist die Erwärmung ausgeprägter. Zudem hat die Luftreinhaltung zusätzlich dazu beigetragen: mit sauberer Luft erreicht mehr Sonnenstrahlung die Erdoberfläche. Änderungen in den Wettermustern können auch noch einen Teil zu der Erwärmung beitragen.
Womit müssen Bergregionen in den nächsten 30 Jahren rechnen?
Für den Tourismus ist die Abnahme von Schnee im Winter eine Herausforderung. Gleichzeitig wird der Sommer attraktiver, wenn es im Mittelland zu heiss ist. Ausserdem kann der Tourismus in den Nebensaisons Frühling und Herbst profitieren.
Können trotz des Tauens des Permafrostes weiterhin Bauten wie Berghütten und Gebäude von Bergbahnen gebaut werden?
Grundsätzlich ja, mit technischen Mitteln ist vieles möglich. Aber wo die Berge nicht mehr stabil sind, wird es teuer. Die Schweiz hat Erfahrung im Umgang mit Naturgefahren, aber mit dem Klimawandel müssen gewisse Gefahrenkarten neu gezeichnet werden. Das ist dort eine Herausforderung, wo bisher Gebiete als sicher galten und Menschen wohnen.
Wie sieht es in den Städten aus?
In den Städten werden die Hitzewellen durch den sogenannten Wärmeinsel-Effekt verstärkt. Viel Beton, grosse Gebäude und wenig Grünflächen führen zu höheren Höchsttemperaturen und weniger Abkühlung.
Was können Tourismusorte selbst gegen die Erwärmung tun?
Im Bereich Anpassung müssen die Städte mit der Hitze umgehen – beispielsweise mit Raumplanung und Begrünung. Die Skigebiete müssen überlegen, wo eine Beschneiung Sinn macht. Um die Erwärmung zu vermindern oder gar zu vermeiden, sollten die Tourismusregionen auf Elektromobilität, Wärmepumpen statt Ölheizungen und regionale Nahrungsmittel setzen. Und beim Bau neuer Gebäuden sollten die grauen Emissionen nicht ausser Acht gelassen werden. Bei den Baustoffen gibt es mittlerweile ökologische Alternativen zu Beton.
Wie können Ferienorte ihr Angebot anpassen und dennoch attraktiv für ihre Gäste sein?
Jede Destination muss ihre Nische finden. Das geht von Mountainbike, Golf und Beach-Volleyball über Kultur zu Wellness. Eine Herausforderung ist, dass man im Sommer pro Gast weniger verdient als im Winter. Dafür kann die Infrastruktur über einen längeren Zeitraum im Jahr genutzt werden.
Welche Angebote sind ökologisch weniger geeignet?
Überall dort, wo die Natur überstrapaziert wird, ist es problematisch. Mehr Gäste sind zwar erwünscht, aber mehr sind nicht immer besser. Sowohl die Touristen wie auch die Bevölkerung in den Bergen sehen unversehrte Landschaft und Natur als wichtiges Gut und gleichzeitig sollen immer mehr Gäste kommen. Wir zerstören die heile Welt, die wir in den Ferien suchen.
Obwohl der grösste Teil der Gäste in der Schweiz aus dem Inland und aus Europa kommt, setzen viele auf Gäste aus Übersee. Ist hier ein Umdenken angebracht?
Unbedingt. Ich finde nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch wegen des Übertourismus, der an einigen Orten unerträglich ist. Aber wir sind in einem klassischen Zielkonflikt, indem zu viele Gäste von weit her ein Problem sind und zu wenig Gäste reichen nicht aus, um wirtschaftlich zu überleben und die Infrastruktur zu finanzieren. Innerhalb dieses Spannungsfeldes muss man die Strategien und Lösungen stets neu aushandeln.
(Daniela Oegerli)
Zur Person

Reto Knutti (53) ist Klimaphysiker und Professor an der ETH Zürich. Er forscht zu den Auswirkungen des Klimawandels und ist einer der führenden Experten, die komplexe Klimadaten verständlich für Politik und Öffentlichkeit aufbereiten.
Der Ganzjahrestourismus ist ein Erfolgsrezept

Flumserberg/SG: Vielfalt im Kleinformat
Der Klimawandel ist auch am Flumserberg Realität: «Wir haben das ‹Beschneiungsprojekt 2030› in die Wege geleitet», sagt Peter Staub, CEO, Bergbahnen Flumserberg AG. Es soll bereits zu Beginn der Wintersaison 2028/29 fertiggestellt sein. Künftig können die Pisten innerhalb von 72 Stunden eingeschneit und die kürzeren Kälteperioden genutzt werden. Dank der Höhenlage ist der Flumserberg auch in der schneefreien Zeit ein gefragtes Ausflugsziel. Viele Gäste aus den Städten suchen im Sommer in der Höhe Abkühlung.
Ganzjahresdestination ist das Ziel
Zu den Sommerangeboten gehört Wandern, auch das Biken auf unterschiedlich schwierigen Trails ist beliebt. Weiter gibt es Attraktionen wie die zwei Kilometer lange Rodelbahn, den Kletterturm Cliimber oder das Adventure Golf auf der Hochebene Prodalp. «Wir positionieren uns stärker als Ganzjahres-Destination und als Familienberg. Und wir versuchen bezüglich Öffnungszeiten und Angeboten möglichst flexibel auf Gästebedürfnisse und den Klimawandel einzugehen», sagt Peter Staub. Jedoch werde es eine Zwischensaison allein wegen der Revision der Anlagen auch weiterhin geben.
flumserberg.ch

Kanton Wallis: Ganzjahrestourismus
«Die Auswirkungen des Klimawandels im Wallis zeigen sich unter anderem in den steigenden Temperaturen, einer zunehmenden Gletscherschmelze, längeren Trockenperioden sowie veränderten Schneeverhältnissen», erklärt Roger Brunner, Leiter Unternehmenskommunikation bei Valais/Wallis Promotion. Die aktuelle Hitzewelle und die erhöhte Waldbrandgefahr verdeutlichen dies. Ein Vorteil sei, dass alpine Regionen im Sommer attraktiver werden, da viele Gäste Abkühlung und entspannende Naturerlebnisse suchen.
Abhängigkeit einzelner Saisons reduzieren
Das Wallis setzt laut Roger Brunner seit Jahren auf Ganzjahrestourismus. Man will die touristische Wertschöpfung gleichmässig über das Jahr verteilen. Der Winter bleibt jedoch ein zentraler Pfeiler des touristischen Angebots. «Wir setzen auf eine enge Zusammenarbeit aller Leistungsträger. Wenn Bergbahnen geöffnet sind, müssen andere Angebote wie Restaurants oder Hotels verfügbar sein.» Zudem wolle man die Bereiche Outdoor, Natur, Kulinarik und Mobilität weiter ausbauen. «Gäste planen ihre Reisen häufiger nach den gewünschten Erlebnissen und weniger saisonal.»
wallis.ch

Region Viamala/GR: Sommerfrische lockt
Die Tourismusregion Viamala befindet sich in Höhenlagen zwischen 600 m ü. M. und über 2500 m ü. M. In den tiefen Lagen legt Viamala Tourismus den Fokus auf die Sommersaison. «Im Prinzip sind wir schon lange eine Ganzjahresdestination», sagt Reto Thörig, Direktor Viamala Tourismus. Wegen der heissen Tage in den Städten profitiert die Tourismusregion von den kühlen Temperaturen in den Bergen. Und im Winter kann noch mit genügend Schnee gerechnet werden. Die Skigebiete in Feldis, Tschappina oder Splügen seien hoch genug.
Massnahmen für Konstanz
«Da Wandern sehr beliebt ist, legen wir den strategischen Fokus stärker darauf», sagt Reto Thörig. Zudem fördert die Tourismusregion Gravelbike- oder Mountainbike-Touren sowie Winteraktivitäten wie Schlitteln, Winter- und Schneeschuhwandern und Skitouren. Ausserdem setzt Viamala Tourismus vermehrt auf Kultur- und Genusstourismus wie im Walserdorf Splügen. Zudem setzt man auf Familien oder polysportive Bergsportler. Um die Schneesicherheit zu gewähren, sind in Tschappina und im Skigebiet Tambo in Splügen neue Beschneiungsanlagen geplant.
viamala.ch

Hoch-Ybrig/SZ: Den Zugang erleichtern
Das Gebiet im Hoch-Ybrig ist durch seine spezielle Lage meistens schneesicher. «Wenn bei uns Schnee liegt, dann bleibt er in der Regel auch lange liegen», erklärt Urs Keller, Geschäftsführer der Hoch-Ybrig AG. Jedoch können auch sie nicht mehr auf technische Beschneiung verzichten. Durch die Höhenlagen von 1100 bis 1800 m ü. M. ist das Angebot für Gäste sehr vielseitig. Damit diese effizienter erreicht werden können, hat die Hoch-Ybrig AG in eine neue Seilbahn investiert. Im November 2025 wurde diese in Betrieb genommen.
Vielseitiges Angebot im Sommer
Laut Urs Keller will man den Sommer für die Gäste noch attraktiver machen. Die Attraktionen können sich aber bereits sehen lassen. Auf dem Hoch-Ybrig befindet sich zum Beispiel die längste Seilrutsche Europas. Sie ist 2,3 Kilometer lang. Die Fahrt führt mit bis zu 120 Stundenkilometern von der Bergstation Sesselbahn Sternen hinunter zur Fuederegg und weiter zur Talstation Sesselbahn Sternen. Diejenigen, die es ruhiger mögen, können im Seeblisee fischen oder im Ortsteil Studen Golf spielen. Ausserdem ist das Gebiet bei Gleitschirmpiloten beliebt.
hoch-ybrig.ch

Toggenburg/SG: Vom Angebot zur Haltung
Der Klimawandel verändert die Rahmenbedingungen im alpinen Tourismus. Das Toggenburg reagiert darauf nicht nur mit neuen Angeboten, sondern mit einer bewussten strategischen Haltung: Qualität, Ganzjahrestourismus und echte Verbindung stehen im Zentrum. «Für uns liegt der Fokus weniger auf der Herausforderung als auf den Konsequenzen: Wir verschieben klar hin zum Ganzjahrestourismus. Der Winter bleibt Bestandteil unseres Angebots – entscheidend ist jedoch die Qualität der Gesamterfahrung über das ganze Jahr hinweg», so Rebecca Scheidegger, Geschäftsführerin Toggenburg Tourismus.
Erlebnisqualität und echte Verbindung
Die Toggenburg verfolgt seit mehreren Jahren eine konsequente Ganzjahresstrategie. Ziel ist nicht die blosse Verlängerung einzelner Saisons, sondern die gezielte Gestaltung eines ganzjährig attraktiven Angebots mit hoher Erlebnisqualität. Beispiele hierfür sind der Thur- und Neckerweg, die Projekte rund um die Klangwelt Toggenburg sowie Natur- und Genusserlebnisse am Chäserrugg mit dem Gipfelgebäude von Herzog & de Meuron.
«Wir beobachten, dass Reisende zunehmend Entschleunigung, Authentizität und persönliche Verbindung zur Region suchen. Unsere Resonanzstrategie setzt genau hier an – mit dem Anspruch, echte Verbindungen zwischen Reisenden, Region und den Menschen vor Ort zu schaffen», erläutert Scheidegger.
toggenburg.swiss