Die Gastkolumnve von Lisa Boje, Führungskräftetrainerin und Hotelberaterin, «Die Hotelharmonisierer».
«Ich brauch Abstand», sag ich zu ihm und gehe raus. Ich brauche Luft. Freiraum. Um zu verstehen, was hier passiert. Was ich will. Ob es noch ein «Wir» gibt. Und er? Er ruft jeden Tag an. «Nimm dir Zeit, ich geb dir deinen Raum», sagt er und schiebt gleich hinterher: «Ich hab nur einen kleinen Impuls für dich.» Echt jetzt? Einen Impuls? Er reisst mich damit aus meinem Denken, aus meinem Prozess, weg von meinem Weg. «Hey, du bist doch Coach», sag ich. «Was würdest du einem Klienten sagen, dessen Partnerin Abstand braucht, und er ruft täglich an?» Stille. Dann: «Ich hab Angst, dich zu verlieren.» Da ist sie – die Angst, die genau das auslöst, was verhindert werden soll: Distanz. Führung funktioniert genauso. Mitarbeitende sagen selten: «Ich brauche Raum.» Aber ihre Arbeit sagt es. Da ist die Person, die eine Knacknuss bekommt und denkt: «Geil. Das pack ich», und sich hineinstürzt. Und da ist jene, die vor einer Aufgabe steht, die ihr alles abverlangt – und trotzdem sagt: «Ich versuch’s.» Beide brauchen Platz für eigene Lösungen, Ruhe zum Reinwachsen und das Gefühl: «Man traut mir das zu.» Jedoch nicht ständige Einmischungen, neue Ideen anderer. Wer immer wieder vorbeigeht, um «mal nachzufragen», sagt zwischen den Zeilen nur eins: «Ich trau dir nicht.» Nichts schafft Abstand schneller. So entsteht sie: die innere Kündigung. Führung ist Beziehung. Durch Kniffliges hindurchzugehen, braucht Raum zum Tieferblicken, Erforschen, Verstehen, Wachsen. Und manchmal ist das Mutigste, was wir als Begleitende tun können: Aushalten. Warten. Vertrauen. Weil echte Entwicklung dort entsteht, wo man seinen eigenen Weg gehen darf. Weil ein Team, das Raum bekommt, nicht vom Ziel abweicht – sondern es besser erreicht.
