Schlafen in der Kälte

Vor 30 Jahren legte Adrian Günter das Fundament für die Iglu-Dorf GmbH. Seither werden jeden Winter fünf Iglu-Dörfer an drei verschiedenen Standorten in der Schweiz und zwei im nahen Ausland aufgebaut. Was dort geboten wird, zeigt ein Besuch in Zermatt/VS.

Das gemeinsame Erlebnis steht im Zentrum. Treffpunkt ist das Restaurant mit Sitzgelegenheiten. (Bilder ZVG)

Zermatt/VS auf 1620 Höhenmetern ist Mitte Dezember nicht bis in den Talboden verschneit. Die Station Rotenboden der Gornergratbahn, die auf 2815 Höhenmetern liegt, ist jedoch schneesicher. Eine Viertelstunde Fussmarsch steil abwärts befindet sich das Iglu-Dorf Zermatt. Seit Anfang November ist Standortleiter Daniel Wunderlin mit knapp einem halben Dutzend Mitarbeitenden und Künstlern daran, das Iglu-Dorf zu erstellen. «Wir haben hier in Zermatt die komfortable Lage, dass zwei Bauten – eine fix installierte Holzkota und ein Iglu mit Stahlkonstruktion, das Gästeduschen und Umkleidekabinen beherbergt – im Sommer stehen bleiben, so müssen wir lediglich das Eishotel mit den verschiedenen Zimmern bauen.» Dafür werden Ballone aufgeblasen, die mit Schnee umhüllt werden. Ist dieser Mantel festgefroren, werden die Ballone wieder entfernt. Der Innenausbau beginnt, bei dem die Künstler jeden Winter Eisbilder gestalten.

Luxus in eisiger Kälte

Wer das Eishotel betritt, ist erstaunt über die Wärme. Während draussen Minustemperaturen herrschen, ist es drinnen konstant um die Null Grad. Zwar gibt es wenig Komfort, doch es ist so viel vorhanden, wie möglich ist. Das heisst: Es gibt elektrisches Licht, Holzbetten mit Matratzen, Schlafsäcke und auf dem Nachttisch neben dem Lichtschalter auch eine Steckdose mit USB-Anschluss. In den Suiten ist zudem ein privates WC sowie ein Whirlpool eingebaut, von dem sich ein spektakulärer Blick aufs Matterhorn bietet.

Wer hier übernachtet, erhält ein Gesamterlebnis. «Wir holen die Gäste an der Bergstation ab und begleiten sie bis zum nächsten Morgen», so Daniel Wunderlin. Im Package enthalten ist ein Apéro, Wellness, ein Fondue, eine abendliche Schneetour sowie der zehnminütige Morgenspaziergang am nächsten Tag steil abwärts hinunter zum «Riffelhaus», wo das Frühstück serviert wird.

Privatsphäre in eisiger Kälte: Statt einem Hotelzimmer mieten die Gäste ein Iglu. Dieses kostet zwischen 570 und 1000 Franken. 

HGZ: Adrian Günter, warum sind Sie auf die Idee gekommen, die Iglu-Dorf GmbH zu gründen?

Ich bin ein sehr naturverbundener Mensch und eingefleischter Snowboarder. Weil ich es liebe, an ungewöhnlichen Orten zu schlafen, habe ich in jungen Jahren begonnen, mir unter freiem Himmel einen Iglu zu bauen mit dem Ziel, als Erster den Hang hinunterzufahren.

Als Erster den Berg hinunterfahren möchten noch viele. Doch deshalb gründen nicht alle gleich ein Unternehmen. Warum Sie?

Meine Snowboard- und Skikollegen fragten mich, wieso ich bereits am frühen Morgen so gut gelaunt war. Als ich ihnen meine frischen Spuren im Pulverschnee zeigte, sagten sie: «Wow, das möchten wir auch.» Daraus habe ich dann die Geschäftsidee der Igludörfer entwickelt.

Wie sind Sie bei der Umsetzung vorgegangen?

Das fing klein an, ohne Businessplan und Bankkredit als Startkapital. Damals investierte ich meinen Skilehrerlohn in Schlafsäcke und vermietete sie. Den Erlös investierte ich in weiteres Material. Geholfen hat mir eine einmalige Spende einer privaten Geldgeberin, die mir den Kauf einer Schneefräse ermöglichte.

Erzählen Sie uns mehr von diesen Anfängen.

Bevor die Bergbahnen nach der Saisonpause ihren Winterbetrieb aufnehmen, ist es Schneefans langweilig. So fand ich in Scuol/GR schnell Freiwillige, die auf Motta Naluns halfen, Blöcke zu schneiden und sie zu einem Iglu aufzuschichten. So schafften wir eine einmalige Welt mit einer unvergleichlichen Aussicht aufs Unterengadin. Dies wiederholten wir Jahr für Jahr, wobei wir technisch immer besser wurden, natürlich auch, weil wir besseres Werkzeug zur Hand hatten. Für uns war es zudem wichtig, dass auch der Spass nicht zu kurz kommt und so gehörte immer eine Partylocation dazu.

Und daraus entstand nach und nach das heutige Unternehmen?

Ja, ich habe in all den Jahren den Gästen und Mitarbeitenden immer gut zugehört, was sie sich wünschen und was ihnen fehlt. Und so haben wir uns stetig weiterentwickelt. Was möglich ist, realisieren wir. Doch es gibt Grenzen. Auf den Wunsch einer Bodenheizung bin ich bis jetzt nicht eingegangen. Auch die Duschen sind nicht in allen Dörfern realisierbar, obschon ich das Bedürfnis kenne

Iglu-Dörfer aus Eis und Schnee sind vergänglich. Warum sind Sie bei diesem Material geblieben?

Schnee ist ein geniales Baumaterial. Es isoliert extrem gut, ist nachhaltig, schalldicht und super zu recyceln, indem es im Frühjahr von alleine wegschmilzt. Die Stabilität der runden Form ist sowohl einfach als auch genial. Sie ist Jahrtausende alt und eine geniale Erfindung der indigenen Völker in der Arktis.

Dreissig Jahre später blicken Sie auf eine erfolgreiche Unternehmensgeschichte zurück. Hätten Sie gedacht, dass Ihre Idee so gut funktioniert?

Nein, das hätte ich niemals gedacht. Obwohl ich schon das Gefühl hatte, dass es genügend verrückte Leute gibt, die so etwas cool finden. In unseren Dörfern steckt viel Enthusiasmus und Herzblut, das ist spürbar und hat uns geholfen, uns nicht nur lokal, sondern auch auf dem Markt zu verankern. Geholfen hat uns auch ein temporäres Business Coaching durch Michael Friedman, der uns half, eine Profitcenter-Struktur aufzubauen. Heute ist es so, dass sich jeder Standortleiter sehr mit seinem Projekt identifiziert. Sie sprechen oft von «meinem Iglu-Dorf», so stark sind sie mit dem von ihnen Erschaffenen verwurzelt.

Gab es auch Momente, in denen Sie an der Fortführung Ihres Unternehmens zweifelten?

Ja, das gab es. Und zwar nach fünf Jahren sagten die Iglu-Bauleute der ersten Stunde, dass sie fortan gerne für ihre Arbeit bezahlt werden würden. Ich verbrachte einen Sommer lang mit der Suche nach einer Partnerfirma und fand diese bei Fisherman’s Friend. Ein zweites Mal stand ich fast vor dem Aus, als Corona kam.

Was waren die Highlights der letzten 30 Jahre?

Die Zahlen sprechen für sich: Mit 200 000 Übernachtungen in Iglus mit Schneebar, Eisskulpturen und Sternenhimmel sowie rund 2000 Arbeitsstunden pro Saison und Standort für den Bau ganzer Iglu-Dörfer, 4,5 Tonnen Käsefondue jährlich und über 20 Hochzeiten im Iglu gibt es zahlreiche Highlights. Ein Höhepunkt aber ist natürlich der Swiss Economic Award, den wir 2007 gewannen. Er verschaffte uns Glaubwürdigkeit und viele Firmenevents. Ein Highlight ist auch der Guinness-Weltrekord: In Zermatt bauten wir 2016 den grössten Iglu der Welt. Es war 10 Meter hoch mit einem Durchmesser von 12,9 Metern. Dafür mussten wir 1387 Schneeziegel präparieren. Mit diesem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde stachen wir die Kanadier aus, die diesen Rekord zuvor hielten. Aber das eigentliche Highlight ist das Iglu-Dorf an sich, das jeden Winter neu entsteht.

Wie gehen Sie dabei vor?

Im Sommer entstehen Ideen zu Skizzen der Räume, welche wir ab November umsetzen. Es ist jedes Jahr unheimlich schön, diese Traumvorstellungen in der Realität zu sehen.

Rund 20 Hochzeiten in all den Jahren ist eine stattliche Zahl. Was war die speziellste?

Einmal äusserte ein Bräutigam den Wunsch, im Inneren eine Kirche nachzubauen, was wir auch taten. Als das Brautpaar erschien, drückten wir ihnen eine Schaufel in die Finger, und sie mussten ein Loch in den zugemauerten Iglu graben. Als die Braut ins Innere schaute, blieb ihr der Mund offen stehen. Sie konnte nicht glauben, dass ihr Mann ihr eine Kirche hatte bauen lassen.


«Wenn ich nochmals zurück könnte, würde ich alles genau so machen.»

Adrian Günter CEO Iglu-Dorf GbH


Und was ist die schlimmste Erinnerung?

Einmal brannte es in einem Schlafiglu, als sich ein Gast eine Zigarre anzündete, obschon des Rauchen verboten ist. Er ist zum Glück mit einer Rauchvergiftung davongekommen. Wir mussten daraufhin die Innenfläche des Iglu-Dorfes um fünf Zentimeter abschleifen. Ein anderes Mal regnete es so intensiv, dass Wasser ins Iglu-Dorf lief, die Gänge flutete und das Wasser bis zu den Betten kam. Es sah aus wie in Venedig.

Wenn Sie nochmals zurückkönnten, würden Sie alles nochmals genau so machen?

Ja, auf jeden Fall. Mit genauso viel Herzblut, Mut, Leidenschaft, Anpassungsfähigkeit, Durchhaltewillen und Zuversicht. Auch wenn einige meinen: «So ein Quatsch, wer zahlt denn fürs Frieren?»

(Ruth Marending)


Zur Person

Der Skilehrer Adrian Günter gründete 1996 die Iglu-Dorf GmbH. Sitz der Gesellschaft ist Stansstad/NW.

igludorf.com


Weitere Übernachtungsangebote unter freiem Himmel

Whitepod Original

Auf 1400 Metern über dem Rhonetal liegt die Hotelanlage Whitepod Original. Diese befindet sich in Monthey/VS. Das Whitepod Original bietet zwei Unterkunftsarten: Pods und Cabins. Jeder Pod ist eine Hightech-Blase mit einem Durchmesser von sieben Metern und einer Deckenhöhe von 4,3 Metern, verfügt über einen Pellet-Ofen, ein eigenes Bad und eine Panoramaterrasse. Die Cabins sind geräumige Holzhütten, ideal für Gruppen oder Familien. Zwei Saunen sind das ganze Jahr geöffnet.
whitepod.com

Fasshotel am Bielersee

Die Anlage bietet normale sowie Maxifasshütten. Jede Hütte bietet Platz für vier Personen und ist mit zwei Einzelbetten (70 mal 190 Zentimeter) und einem Doppelbett (140 mal 200 Zentimeter) ausgestattet. Die durchdachte Bauweise ermöglicht genügend Stauraum für das Gepäck einer vierköpfigen Gruppe. Die Bet-ten sind mit einem Leintuch bezogen, und es stehen Kissen zur Verfügung. Eine Decke oder ein Schlafsack muss mitgebracht werden. Alle Fässer verfügen über Strom und Licht und sind abschliessbar. Im Preis sind die Abfallentsorgung, das Duschen sowie der Strom und der Parkplatz inklusive.
hotel-camping-sutz.ch

Podhotel, Flims/GR

Auf dem Flimser Ganzjahrescamping befindet sich das Podhotel mit seinen Podhouses. Diese stehen abseits bei der Talstation. Die WC, Lavabos und Duschen mit gratis Warmwasser liegen direkt bei den Camping-Sanitär-Anlagen. Insgesamt stehen vier grosse Podhou-ses mit zwölf Quadratmetern für vier bis sechs Personen und ein kleines Podhouse mit 7,5 Quadratmetern für zwei bis maximal drei Personen zur Verfügung. Die Pods sind mit Betten, Licht, Strom, Heizung und Holzkohlegrill ausgestattet. Die Betten werden mit Fixleintüchern bezogen. Lediglich der Schlafsack muss mitgebracht werden.
flimslaax.com

Selber ein Iglu bauen

Das Hüttenhotel Husky-Lodge im Muotathal/SZ bietet ein eintägiges Programm an, bei dem die Gäste die Möglichkeit haben, ihr eigenes Iglu zu bauen und dort auch zu übernachten. Nach einem kurzen Schneeschuhmarsch erreichen die Teilnehmenden den Standort. Dort zeigt der erfahrene Gästeleiter, wie man eine Inuitbehausung erstellt. Unter seiner Anleitung und Mithilfe erstellen die Gäste die Unterkunft. Ein währschaftes, nach einheimischer Art zubereitetes Muotathaler Mostfondue in einer nahe gelegenen Alphütte rundet das Angebot ab.
erlebniswelt.ch