Obwohl sich die Böden, das Klima und die Rebsorten nicht unterscheiden, schmecken die Weine auf jeder Seite der Grenze ganz anders.
Willi Klinger, Geschäftsführer der österreichischen Weinmarketing Gesellschaft ÖWM, ist nie um eine Idee verlegen. Manchmal dauert deren Umsetzung etwas länger. Doch immer findet er den richtigen Zeitpunkt.
Just zum 100-Jahr-Jubiläum der Gründung der Republik Österreich lud der ÖWM-Chef internationale Journalisten und Sommeliers zu einer Weinreise mit Grenzerfahrung ein. So gedeihen beidseits der Grenze zwischen dem Weinviertel und Tschechien vor allem Grüner Veltliner. Das Carnuntum und die angrenzende Slowakei profitieren vom pannonischen Klima. Das Burgenland und Ungarn teilen sich die Rebsorte Blaufränkisch respektive Kékfrankos. Und das Hügelland der Steiermark zieht sich in Slowenien weiter. Auf der Reise standen 826 Weine von österreichischen sowie 31 Weine von ausländischen Winzern zur Verkostung bereit. Während Wein aus Österreich auf fast allen Weinkarten vertreten ist, sind die Crus aus Ost- und Südosteuropa hierzulande kaum bekannt. Das hängt mit der Geschichte der vergangenen 100 Jahre zusammen.
Am 10. September 1919 unterschrieben im Schloss Saint-Germain bei Paris Vertreter Österreichs und Gründungsmitglieder des Völkerbundes einen Vertrag. Dieser regelte die Aufteilung des Habsburgerreichs nach dem Ersten Weltkrieg. Nebst der Gründung der Republiken Österreich und Ungarn wurden Regionen durch Grenzen getrennt, die einst als Einheit galten. Die neuen Grenzen trennten nicht nur Staaten, sondern auch die Weltanschauung. Österreich gehörte zum kapitalistischen Westen. Die damalige Tschechoslowakei, Ungarn und Slowenien zum kommunistischen Osten.
In Schrattenberg im Weinviertel sind viele der sanften Hügel mit Reben bestockt. Ein Feldweg trennt zwei Parzellen. Ohne das einfache Schild wäre die Staatsgrenze nicht ersichtlich. Verlierer gab es damals vor 100 Jahren auf beiden Seiten. Kleine Landwirtschaften im tschechoslowakischen Teil, deren Absatzmärkte in Österreich gelegen waren, erlitten in der Folge grosse Verluste. Auf der anderen Seite hatte der österreichische Teil durch die Grenzziehung das wichtigste agrarische Schulungszentrum in Feldsberg/Valtice verloren. Es wurde um jeden Hof gefeilscht. Viele österreichische Familien, die Land jenseits der Grenze besassen, konnten dieses nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vom 9. November 1989 zurückkaufen. Mit ihren erstklassigen Weinen, die sie auf beiden Seiten der Staatsgrenze keltern, belegen sie die Qualität der Terroirs.
Clemens Reisner vom Weingut Hans Igler in Deutschkreutz im Burgenland beschäftigt einen in Ungarn ausgebildeten Önologen. Auch viele Arbeiter stammen aus Ungarn. «Die komplizierte Sprache bildet eine grosse Barriere», sagt Reisner. «Auch die Mentalitäten der beiden Nationen unterscheiden sich sehr.»
Franz Weninger produziert beste Weine im Burgenland und in der Region Sopron in Ungarn. Er hat versucht, bilaterale Beziehungen aufzubauen. Doch zur Sprache gibt es auch eine mentale Barriere. «In Österreich hat die Generation der Väter einen hohen Standard vorgelegt, und nun ist bereits die junge Generation an der Arbeit. Ungarn hatte die Kommunisten. Für die aktuelle Winzergeneration kommt zuerst der eigene Wohlstand und erst danach Investitionen in eine höhere Weinqualität», sagt Weninger.
Qualitätsweinbau wird auch in Südtirol und der kroatischen Region Istrien betrieben. Beide gehörten sie vor 1918 zum Reich der Habsburger.
(Gabriel Tinguely)