«Vielleicht waren wir etwas zu schweizerisch»

Beim Europafinale des Bocuse d’Or reichte es für Karina Fruman nicht für den Einzug ins Weltfinale. Einige Wochen später zieht sie dennoch eine positive Bilanz – und wünscht sich, dass die investierte Zeit und das gesammelte Wissen für eine nächste Schweizer Teilnahme genutzt werden können.

Karina Fruman holte sich in Marseille/FR den 15. Platz beim Europafinale des Bocuse d'Or. (ZVG)

Karina Fruman, das Europa-Finale des Bocuse d’Or liegt mittlerweile einen Monat zurück. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf den Wettbewerb zurück?

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte, und auch stolz auf die Leistung des gesamten Teams. Unsere Stimmung am Wettbewerbstag war sehr positiv. Wir waren gut vorbereitet und freuten uns auch sehr über den riesigen Schweizer Fanclub, der extra für uns nach Marseille/FR gereist war.

Welche besonderen Herausforderungen hielt der Wettbewerbstag für Sie bereit?

Im Vorfeld hatten wir uns vor allem Sorgen gemacht, ob die Zeit reicht. Wir wussten nicht genau, wie lange die Anfangskontrolle dauern würde, und hatten mit mehreren Worst-Case-Szenarien trainiert. Dadurch hatten wir beim Wettbewerb am Ende sogar etwas mehr Zeit als gedacht. Auch die hohe Lautstärke vor Ort, die mir im Vorhinein etwas Sorgen bereitete, war kein Problem, da wir das extra trainiert hatten. Wir waren auf alles sehr gut vorbereitet. Im Nachhinein waren wir vielleicht sogar etwas zu schweizerisch, was das Einhalten der Regeln angeht.

Zu schweizerisch?

Wir waren eines von drei Ländern, welche keine Strafpunkte erhielten. Das hört sich zwar gut an, aber im Rückblick stellt man sich die Frage: Hätte man vielleicht den einen oder anderen Strafpunkt in Kauf nehmen können, wenn es dafür mehr Punkte in einer Kategorie gegeben hätte?

Lief beim Wettbewerbskochen alles nach Plan, oder gab es unvorhergesehene Zwischenfälle?

Bei einem unserer Kisag-Bläser funktionierte die Feder leider nicht mehr richtig. Vermutlich wurde sie beim Transport beschädigt. Dadurch konnte ich nicht die geplante Menge Aioli-Sauce servieren. Da ich den Bläser später nochmals brauchte, rannte ein Teammitglied während des Wettbewerbs zur gleichzeitig stattfindenden Messe rüber und fragte an jedem Stand, ob man uns einen Kisag-Bläser ausleihen konnte. Zum Glück wurde er fündig. Ansonsten waren wir im Grossen und Ganzen aber zufrieden – wir konnten das umsetzen, was wir uns vorgenommen hatten.

Sie erreichten den 15. Platz und verpassten das Weltfinale – das war sicher anders geplant?

Natürlich haben wir uns mehr erhofft. Die Enttäuschung war nach dem Wettbewerb schon gross. Trotzdem nehme ich sehr viele Erkenntnisse mit – im Nachhinein ist man immer klüger.

Was glauben Sie, woran es gelegen hat?

Am Ende kommen immer mehrere Faktoren zusammen. Daher ist es schwierig, einen Grund herauszupicken. Aus den Notizen und Punktebewertungen der Jury habe ich aber zum Beispiel den Eindruck gewonnen, dass sie anders bewerten als die Jurys bei der Weltmeisterschaft oder der Olympiade, welche ich mit der Junioren-Kochnationalmannschaft bestritten habe.

Inwiefern?

Ich habe zum Beispiel das Gefühl, dass man bei Weltmeisterschaften und Olympiaden eher wieder ein wenig wegkommt von zu vielen Silikonformen und noch mehr Tools, und der Trend zurück zu den Basics und dem Handwerk geht. Die Jury des Bocuse d’Or hingegen wollte meiner Meinung nach mehr Formen und Tools sehen. Hätte ich das geahnt, wären wir an manches natürlich ganz anders herangegangen.

Die Schweiz tut sich in den letzten Jahren schwer, beim Bocuse d’Or ganz vorne mitzumischen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Auch hier ist es schwierig, den einen Grund zu benennen. Natürlich sind die nordischen Länder stark aufgestellt, was die Finanzen und die ganze Organisation angeht. Sie versuchen auch mehr, die Erfahrung im Team zu behalten: der Commis wird später zum Kandidaten und dann zum Coach. Teils gibt es auch eine Zusammenarbeit mit anderen Wettbewerbsakteuren wie beispielsweise der Kochnationalmannschaft. Diesen Austausch und Wissenserhalt könnte man meiner Meinung nach in der Schweiz noch vermehrt fördern. So etwas braucht aber natürlich viel Zeit.

Was geben Sie Köchinnen und Köchen mit auf den Weg, die sich überlegen, die Schweiz künftig beim Bocuse d’Or zu vertreten?

Meine erste Reaktion ist natürlich: Go for it! Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, dass man sich die Teilnahme gut überlegen sollte. Der Zeitaufwand ist enorm und man braucht einen Arbeitgeber, der einen voll und ganz unterstützt.

Wie viel Zeit muss man für die Vorbereitungen einrechnen?

Bevor wir die Wettbewerbsaufgabe kannten, haben wir etwa zwei Monate lang einen Tag pro Woche trainiert. Danach waren es drei bis vier Tage in der Woche. Und in den zwei Monaten vor dem Wettbewerb waren es sogar sechs Tage in der Woche. Da man beim Bocuse d’Or viele Informationen erst relativ kurz vor dem Wettbewerb erhält, spitzt sich der Aufwand in den letzten Wochen stark zu. Wie viel Training man benötigt, ist natürlich individuell – für mich wäre weniger aber definitiv zu wenig gewesen.

Was nehmen Sie persönlich und beruflich aus dieser Erfahrung mit?

Persönlich war das Ganze einfach eine unglaubliche Erfahrung. Zudem habe ich sehr viele tolle Menschen kennengelernt. Als erste Frau die Schweiz vertreten zu dürfen, war ausserdem eine besondere Ehre. Fachlich habe ich nun einerseits sehr viel Wissen über den Bocuse d’Or – darüber, wie der Wettbewerb funktioniert. Und andererseits setzt man sich in der Vorbereitung so intensiv mit dem Thema Lebensmittel auseinander, dass man natürlich extrem viel fachliches Wissen mitnimmt. Nun möchte ich mir gut überlegen, wie ich dieses Wissen nutzen kann.

Eine weitere «Bocuse d’Or»-Teilnahme?

Eine weitere Teilnahme, die Unterstützung als Coach oder auch einfach im Hintergrund – wie das genau aussehen wird und ob das überhaupt möglich ist, weiss ich jetzt noch nicht. Es wäre aber auf jeden Fall schön, wenn die investierte Zeit und das gesammelte Wissen und die Erfahrung nicht einfach verloren gingen.

(Angela Hüppi)


Mehr Informationen unter:
Bocuse d'Or Suisse