«Meine Grossmutter legte Wert auf Qualität – überall»

Das Bellevue Parkhotel in Adelboden/BE existiert seit 125 Jahren. Seit 100 Jahren wird es von der Familie Richard geführt.

Nach ihrer Grossmutter und ihrer Mutter ist Franziska Richard die dritte Frau in Folge, die das Bellevue Parkhotel führt. (ZVG)

Franziska Richard, Sie feiern dieses Jahr ein doppeltes Jubiläum. Birgt dieser Meilenstein neben Freude auch Erwartungen?

Eigentlich haben wir nie ein grosses Ding um unsere Geschichte gemacht. Aber wir durften doch feststellen, dass es eine grosse Leistung ist, einen Hotelbetrieb über mehrere Generationen zu führen. 1926, als meine Grosseltern den Betrieb übernahmen, war eine herausfordernde Zeit. Aber sie haben den Betrieb auch stark geprägt.

Wie zeigt sich diese Prägung?

Ich führe das Bellevue Parkhotel in der dritten Generation und bis heute sind wir dem Produkt «Bellevue» treu geblieben. Meine Grossmutter legte grossen Wert auf eine gute Küche, auf eine gepflegte Infrastruktur, auf guten Service und auf die persönliche Gästebetreuung. Aber sie wollte es nicht übertreiben, sie wollte keinen Luxus, kein «Bling Bling». Das haben sich die nächsten Generationen verinnerlicht, auch ich. Das Konzept ist auch heute noch schlank. Wir haben kein À-la-carte-Restaurant, dafür ist die Halbpension auf einem sehr hohen Niveau und wird praktisch von jedem Gast gebucht.

Bis 2018 waren Sie unter anderem als Journalistin tätig, wie ist es dazu gekommen, dass Sie den elterlichen Betrieb übernommen haben?

Ich hatte das Hotel schon einmal zusammen mit meinem Bruder Andreas geführt. Dazwischen hatten wir Direktionen von ausserhalb der Familie. Im Jahr 2018 gab es eine Vakanz. Es war für uns als Familie klar, den Betrieb wieder selbst zu führen. Und der Zeitpunkt passte für mich, ich wollte nicht mehr im Journalismus bleiben und suchte etwas Neues. Ich bin nicht aus Pflichtgefühl wieder in den Betrieb eingestiegen, sondern weil es mein Wunsch war.

Haben Sie Veränderungen bei den Gästen festgestellt?

Ich finde, sie haben sich kaum verändert, seltsamerweise. Wir müssen nur bei der Erbringung der Leistung schneller sein. Und im Reservationsprozess gibt es viel mehr Hin und Her. Die Reisedaten werden oft geändert, oder sie werden storniert. Der Aufwand ist bei der Betreuung der Gäste eher grösser geworden.

Wie ist Ihr Verhältnis zu der einheimischen Bevölkerung?

Viele unserer Lieferanten befinden sich in Adelboden. Auch die Umbauten, die wir in den letzten Jahren getätigt haben, realisierten wir mit Handwerkern aus dem Dorf. Aber es ist klar, dass wir nicht die Dorfbeiz sind, wo sich die Einheimischen treffen. Viele haben eine Art Schwellenangst.

Das Bellevue Parkhotel ist eher traditionell ausgerichtet. Was tun Sie, damit der Betrieb nicht stehenbleibt?

Uns wird in der Tat nicht langweilig, die grossen Umwälzungen in der Branche halten uns auf Trab. Wir tun auch sehr viel für die Human Resources, damit wir weiterhin fähige Talente finden und sie über längere Zeit halten können.

Ist der Fachkräftemangel auch bei Ihnen eine grosse Sorge?

Das ist für mich eigentlich die grösste Sorge. Es gilt zwar als chic, im Restaurant zu essen, aber es gilt als unchic, in der Gastronomie zu arbeiten. An vielen Orten schliessen Betriebe, weil die Mitarbeitenden fehlen. Aus meiner Sicht wäre hier auch die Politik gefordert. Hotel- und Gastronomiebetriebe sind soziale Institutionen. Diese Branche benötigt keine Subventionen, jedoch sehr vorteilhafte und wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen.

«Die Lernenden sollten mehr Ferien erhalten, damit die Grundbildung attraktiver wird.»

Wo denken Sie, müsste man ansetzen?

Zum einen finde ich die Ausbildungen zu wenig praxisnah. Zum Beispiel müssten die Progresso-Lehrgänge auf Englisch angeboten werden, viele ungelernte Mitarbeitende sprechen keine Landessprache. Und zum anderen finde ich, statt die Mindestlöhne heraufzusetzen, müsste man die Arbeitszeiten kürzen. Jetzt, da der akademische Berufsweg wegen KI unter Druck gerät, müsste man die Berufslehren ganz allgemein stärken. Damit sie eine Alternative für junge Menschen sind und konkurrenzfähig werden.

Welches sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre?

Wir wollen mit unserem Konzept erfolgreich bleiben. Gleichzeitig gibt es mit dem Klimawandel in der Auslastung extreme Verschiebungen. Plötzlich sind Monate, die früher stark waren, schwach – und umgekehrt. Der Klimawandel verändert das Gästeverhalten und hat Auswirkungen auf die Mitarbeitendenplanung.

(Daniela Oegerli)


Mehr Informationen unter:

bellevue-parkhotel.ch

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