Verzweifelt sucht die Branche nach Fachkräften. Ohne neue Ansätze gelingt dies nicht. Das sind die ersten Schritte.
Urs Masshardt, allen Bildungsangeboten zum Trotz ist der Fachkräftemangel in der Hotellerie und Gastronomie so hoch wie noch nie. Wo sehen Sie das Problem?
UrsMasshardt: Das Problem liegt bei der geringen Wertschätzung der Mitarbeitenden. Ich erinnere mich an meine Zeit als Arbeitnehmer. Wenn ein Chef meine Arbeit schätzte, arbeitete ich nicht mehr nur für die Sache, sondern auch für ihn als Person.
Ab und zu ein Lob reicht?
Nein, sicher nicht. Drei Punkte spielen zusammen. Der erste betrifft die Arbeit, deren Sinn und die Freude daran. Beim zweiten Punkt geht es um Lohn und Sozialleistungen. Das Team, der Arbeitsweg, gute Mitarbeiterverpflegung, allfällige Vergünstigungen und vieles mehr gehören zum dritten Punkt. Stimmen mindestens zwei, bleibt die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter im Betrieb. Trifft weniger zu, ist er oder sie offen für Stellenangebote. Sinkt der Wert auf 1,2 beginnt die aktive Suche nach einer neuen Stelle.
Was muss als Erstes verbessert werden?
Da zitiere ich gerne den Flyer «Mitarbeiterförderung» von Hotelleriesuisse, dessen Inhalt wir von der Hotel & Gastro Union voll und ganz unterstützen können. Wir brauchen dringend eine zeitgemässe Führungskultur. Arbeitgeber müssen die Fähigkeiten der Mitarbeitenden erkennen, diese gezielt fördern und ihre Potenziale nutzen. Dazu gehören neben der Karriereplanung auch die Weitergabe von Verantwortung und Entscheidungskompetenzen sowie eine gelebte Fehlerkultur.
Und weiter?
Unregelmässige Arbeitszeiten sowie kurzfristige Einsatzplanungen erschweren den Mitarbeitenden eine effiziente Planung von Freizeit und familiären Pflichten. Hier müssen rasch zeitgemässe Umsetzungen des L-GAV-Arbeitszeitmodells eingeführt werden. Wir haben diesbezüglich eine Task Force gegründet. Zudem müssen auch die finanziellen Perspektiven stimmen, wenn wir die besten Arbeitskräfte in der Gastronomie haben wollen. Dass die Familienplanung ein Grund zum Verlassen der Branche ist, stimmt mich nachdenklich. Wer sich ausgenutzt fühlt, sollte nicht so lange warten und schon früher den Arbeitgeber wechseln. Es gibt zum Glück viele gute von ihnen.
Immer weniger Schulabgänger entscheiden sich für einen Beruf in der Gastronomie.
Das ist eine unerfreuliche Tatsache. Denn immer noch mehr als 60 Prozent der Jugendlichen wählen den berufsbezogenen Bildungsweg und machen eine Lehre. Wir wollen die Besten in der Gastronomie.
Wie wollen Sie die Attraktivität der Berufslehren in der Gastronomie steigern?
Wir müssen das Image der Branche anheben. Denn viele Junge finden die Kreativität der Berufe und die Möglichkeiten nach der Lehre attraktiv. Häufig sind es die Eltern, die Bedenken äussern. Auch können die Anschaffungskosten für Schulmaterial wie Laptop, Lernprogramme und Bücher abschreckend wirken. Seit die Weiterbildung für Ausgelernte aus dem L-GAV finanziert wird, müssten auch Lernende davon profitieren können. Mir ist bekannt, dass gewisse Kreise diesbezüglich Vorschläge erarbeiten.
Wie einfach ist es, sich in der Gastronomie weiterzubilden?
Der L-GAV bildet die Grundlage für die Bildung und somit die Weiterentwicklung und Attraktivität unserer Branche. Von Progresso über Fachkurse bis zur Hotelfachschule wird Weiterbildung für alle Stufen angeboten. Zudem gilt: keine Ausbildung ohne Anschluss an eine höhere Stufe. So sieht es das Schweizer Bildungssystem vor. Zusätzlich zu den Bemühungen aus der Branche unterstützt die «Union» ihre Mitglieder bei Berufsprüfungen und höheren Fachprüfungen. Sie stellt auch Bildungsdarlehen zur Überbrückung finanzieller Engpässe zur Verfügung. Dies nicht nur für Absolventen der eignen Hotelfachschule, sondern für alle eidgenössisch anerkannten Bildungsstätten.
Zahlt sich Weiterbildung aus?
Ja. Weiterbildung ist Pflicht. Mitarbeitende, die sich weiterbilden, können ihre Arbeit kompetent mitgestalten. Und sie haben kein Problem, eine gute und auch gut bezahlte Stelle zu finden. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Bildungsrendite. Als Faustregel gelten 1000 Franken pro Bildungsstufe im Monat. In 30 Arbeitsjahren ergibt das 360 000 Franken mehr im Portemonnaie.
Vor einem Jahr wünschten Sie sich, dass die Arbeitgeberverbände die Hotel & Gastro Union als Sozialpartner sehen, der Verantwortung übernimmt. Ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen?
Diese Frage ist aktueller denn je. Wir, die Hotel & Gastro Union, sind ein Berufsverband und machen Berufs- und Branchenpolitik. Zusammen mit den Gewerkschaften und den Arbeitgeberverbänden dürfen wir die Sozialpartnerschaft pflegen und nicht leichtsinnig aufs Spiel setzen. Ich wünsche mir, dass Gastrosuisse an den Verhandlungstisch zurückkehrt und wir gemeinsam die anstehenden Probleme wie beispielsweise die Nachwuchsförderung lösen können. «Testosteronkämpfe» wie sie sich Gastrosuisse mit den Gewerkschaften liefert, bringen die Branche nicht weiter.
Welche Aufgaben stehen 2020 in Ihrer Agenda?
Wir arbeiten daran, die Errungenschaften des L-GAV allen Mitarbeitenden der Branche bekanntzumachen. Dann stehen die Revision des Kochberufs und die Konzipierung der Berufsprüfung Diätetik auf dem Programm. Und wir arbeiten daran, unser Bildungssystem noch attraktiver zu machen.
(Interview Gabriel Tinguely)