«Wer wartet, bis es zu spät ist, hat verloren»

125 Jahre «Vitznauerhof» und kein bisschen Stillstand. Der innovative Gastgeber zeigt, wie ein Traditionshaus heute neu gedacht wird.

Gastgeber Raphael Herzog geht auch gerne mal unkonventionelle Wege. (ZVG)

Wofür steht der «Vitznauerhof» am Vierwaldstättersee – und wofür bewusst nicht?

Unser Haus vermittelt ein Gefühl von Ferien, in denen man aus dem Alltag ausbrechen kann. Es verbindet Historie mit Fortschritt und ist eine Oase an einer der schönsten Lagen. Hier darf man so sein, wie man ist. Wir stehen bewusst nicht für Standardisierung. Wir sind kein Kettenhotel und kein Ort, an dem man mit digitalen Systemen spricht. Wir Menschen stehen im Zentrum.

Welche Geschichten aus 125 Jahren «Vitznauerhof» erzählen Sie besonders gern?

Zum einen war da die Fürstin von Liechtenstein, die viele Sommer hier verbrachte. Sie hatte eine enge Verbindung zu Vitznau/LU, kaufte im Dorfladen Branchli ein, die sie an Kinder verteilte. Sie liebte das Hotel und verstarb 1947 auch hier. Zum anderen beschäftigte der «Vitznauerhof» bis 1945 den Koch Walter Obrist, der wenig später bei Knorr das Aromat mitentwickelt hat.

Gibt es Ereignisse, über die man im Haus ungern spricht?

Ja, die grosse Überschwemmung Anfang der 2000er-Jahre war ein prägender Einschnitt. Das Wasser kam vom Berg und hat das Areal massiv getroffen. Das Hotel stand danach rund drei Jahre leer. Erst mit der heutigen Besitzerin, der Tellco Immobilien AG, wurde es wieder aufgebaut und neu belebt.

Was würde einen Gast von vor 50 Jahren heute überraschen?

Das wäre wohl das Zusammenspiel von Tradition und Fortschritt. In den 60er- bis 80er-Jahren wurde viel überdeckt, etwa Deckenmalereien. Heute haben wir vieles wieder freigelegt und restauriert. Gleichzeitig sind Komfort und Angebot gewachsen, mit modernen Zimmern, Spa und einem stärkeren Fokus auf Natur, Erholung, Kulinarik und das bewusste Abschalten.

Spürt man das stattliche Alter des Hauses?

Durchaus – sei es im Jugendstil, also in architektonischen Details, oder im praktischen Betrieb. Leitungen, Verwinkelungen und bauliche Strukturen erzählen davon, dass über Jahrzehnte immer wieder umgebaut und saniert wurde. Die Geschichte ist nicht nur sichtbar, sondern im Alltag spürbar.

Sind Sie lieber Gastgeber oder General Manager?

Ganz klar Gastgeber. Es gibt aber auch schwierige Situationen, in denen man als General Manager auftreten muss. Im Alltag ist die Gastgeberrolle jedoch zentral, was übrigens für das ganze Team gilt. Wir sind Gastgeber für unsere Gäste, aber auch füreinander. Dieses Verständnis ist entscheidend. Darum liegt mein Fokus auch auf der Entwicklung der Mitarbeitenden.

«Es geht darum zu verstehen, was anderswo funktioniert und dies für unser Haus zu adaptieren.»

Wie investieren Sie in Ihre Mitarbeitenden?

Wir gehen neue Wege, zum Beispiel mit starken Leadership-Programmen gemeinsam mit Coach Christina Weigl. Das sind keine klassischen Schulungen, sondern sehr persönliche Formate, die im Team in die Tiefe gehen. Wenn man sich wirklich versteht und nicht mehr auf Nebenschauplätzen Energie verliert, entsteht eine neue Dynamik. Das wirkt sich direkt auf Betrieb und Gäste aus.

Sie haben das Hotel weg vom klassischen Traditionshaus hin zu einem lebendigen Treffpunkt positioniert. Verliert der «Vitznauerhof» dabei nicht an Identität?

Nein. Es ist zwar herausfordernd, sich nicht von Trends verleiten zu lassen und Ideen einfach zu kopieren. Man muss verstehen, wer man ist, wo man ist, geografisch wie historisch. Wir lassen uns von internationalen Destinationen mit Riviera-Charakter inspirieren, adaptieren das aber auf unsere Region, unser Haus und unsere Gäste. Das ist ein Balanceakt, den wir gut meistern.

Was planen Sie für das Jubiläumsjahr?

Events sind ein Bestandteil unserer DNA und machen den «Vitznauerhof» erlebbar. Viele Gäste lernen das Haus so erstmals kennen und kommen später wieder. Wir setzen 2026 unterschiedliche Schwerpunkte, etwa mit Kitchen Partys oder dem Yoga-Festival und einem «Vitznauerhof»-Krimi, geschrieben von Thomas Bornhauser. Ein weiteres Highlight ist eine Zeitreise durch verschiedene Epochen, bei der Gäste von Raum zu Raum geführt werden – mit Kulinarik, Schauspiel und künstlerischen Elementen.

Was muss ein Hotel heute tun, um in 25 Jahren noch relevant zu sein?

Man darf sich nie darauf ausruhen, dass etwas gut läuft. Gerade dann muss man investieren und Neues wagen. Es geht darum, offen für Entwicklungen zu sein und zu verstehen, was in anderen Märkten passiert. Wer diese Signale aufnimmt und früh reagiert, kann über sich hinauswachsen. Wer wartet, bis es zu spät ist, hat verloren.

(Andrea Decker)


Zur Person

Raphael Herzog leitet seit 2018 den «Vitznauerhof». Er wurde 2023 zum «Hotelier des Jahres» gekürt und engagiert sich auch im Zentralvorstand der Hotel & Gastro Union.

Informationen zu den Jubiläumaktivitäten: vitznauerhof.ch