Sven und Amanda Wassmer werden das Grand Resort Bad Ragaz im Februar 2027 verlassen. Der Grund: Sie wollen sich ihren Kindern widmen und die Zukunft zu planen.

Amanda Wassmer-Bulgin und Sven Wassmer haben 2022 im Restaurant «Memories» in Bad Ragaz drei Sterne erhalten. Wassmer Family Group/Lukas Lienhard
Man erinnert sich an die grosse Freude, die Sven Wassmer zum Ausdruck brachte, als er seinen dritten Michelin-Stern erhielt. Von der Bühne der Hotelfachschule in Lausanne aus rief er seine Frau Amanda an, Sommelière und heute Betriebsleiterin der Wassmer Family Group. Sie hatte gerade ihr zweites Kind zur Welt gebracht, und ihre Rührung bewegte alle Anwesenden tief. Bei einem Gespräch im Sommer mit der Hotellerie Gastronomie Zeitung erinnerte sich Sven Wassmer an diesen Moment zurück: «Innerhalb von zwei oder drei Stunden hatten wir das Restaurant für anderthalb Jahre ausgebucht.» In der Folge habe er sich im Führen von Teams weitergebildet. Er sagte zwar, er wolle so viel Zeit wie möglich mit seiner Familie verbringen, doch nichts deutete damals darauf hin, dass er zu Beginn des neuen Schuljahres verkünden würde, dass das Abenteuer «Memories» – das im Grand Resort Bad Ragaz gelegene Restaurant, wo er auch das «Verve by Sven» (1 Stern) betreibt – im Februar enden würde.
In der vor einigen Tagen veröffentlichten Medienmitteilung erklärt Wassmer, dass diese Entscheidung gemeinsam mit seiner Ehefrau Amanda Wassmer-Bulgin und im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Resort nach Ablauf ihres Vertrags getroffen wurde. Das Paar möchte mehr Zeit mit seinen beiden Söhnen verbringen, von denen der Jüngere autistisch ist. Diese familiäre Situation habe ihre Sichtweise darauf verändert, was wichtig ist und was sie sich für die Zukunft aufbauen wollen, heisst es in der Mitteilung. Ihr Ziel bleibe bestehen, betonen sie, doch sie wollen sich Zeit nehmen, um die nächsten Schritte vorzubereiten. Das Grand Resort Bad Ragaz seinerseits integriert diese Trennung in seine Strategie 2035 – mit einem kulinarischen Angebot, das stärker auf Gesundheit, Wohlbefinden und Langlebigkeit ausgerichtet ist.
Die Familie hatte bereits zu einem anderen Zeitpunkt von Sven Wassmers beruflichen Laufbahn eine Rolle gespielt. Nach vier Jahren in Vals, wo er im «Silver» zwei Sterne erhalten hatte, hatte er den Wunsch geäussert, das Tempo zu drosseln, um das Vatersein zu geniessen. «Die Familie steht an erster Stelle», sagte er diesen Sommer sinngemäss. Der Anruf von Marco Zanolari, dem damaligen Direktor des Grand Resort Bad Ragaz, hatte ihn überzeugt, ins Flachland zurückzukehren und sich auf ein Abenteuer einzulassen, das er als ein wenig verrückt bezeichnet. Im Alter von 32 Jahren eröffnete er seine beiden Restaurants, mit einem klar formulierten Ziel für das «Memories»: «Vor dem Rat kündigte ich an, dass ich drei Sterne holen und es eines der besten Restaurants der Schweiz werden würde.»
Sein Ehrgeiz entstand jedoch nicht erst in Bad Ragaz. Bereits mit 16 Jahren, während seiner Lehre in Basel, wollte Wassmer einer der besten Köche des Landes werden. Bei Andreas Caminada erlebte er mit, wie das Restaurant den dritten Stern erhielt, und gelernt, dass sich das Erlebnis in einem Restaurant zwar hauptsächlich um den Teller dreht, aber nicht nur darum. In London, bei Nuno Mendes, erkannte er, wie wichtig die Zutaten sind, und veränderte seine Sichtweise auf die Spezialitäten seines eigenen Landes. Seine moderne alpine Küche, wie sie oft bezeichnet wird, lässt sich daher als Begegnung zwischen regionalen Zutaten und hier und da entdeckten Techniken verstehen, etwa wenn er japanisches Koji mit Schweizer Produkten kombiniert.
Es ist auch kein Zufall, dass Wassmers nächstes Ziel darin besteht, ein besserer Teamleiter zu werden. Er bildet sich weiter, weil er lernen will, Vertrauen zu schenken, dabei aber zugänglich zu bleiben und Fehler zuzulassen – «ohne Fehler kann man keine Fortschritte machen». Und wenn man ihn fragt, ob der Erhalt der drei Sterne einen ständigen Druck darstelle, relativiert er dies: «Ich fühle mich nicht in der Defensive, als müsste ich etwas verteidigen. Ich stelle mir konkrete Fragen: Mache ich etwas Einzigartiges, mache ich meine Gäste glücklich, blüht mein Team auf?»
Im HGZ-Interview sprach er auch über seine Kinder und die Disney-Filme, die sie gemeinsam angesehen haben, darunter «Encanto», den sie gut zehn Mal gesehen haben. Die Ankündigung zum Schulbeginn bestätigt, wie wichtig ihm sein Familienkreis ist und dass er bereit ist, sich neu zu erfinden. Bis Februar werden Amanda und Sven Wassmer ihre Gäste noch in Bad Ragaz begrüssen, während ihre Wassmer Family Group ihre Beratungstätigkeit fortsetzen wird. Was die Zukunft angeht, will sich das Paar Zeit lassen, ohne dabei den Ehrgeiz aufzugeben, der es bis hierher gebracht hat.
Patrick Claudet / ahü