Die Sandoz Gruppe beendet ein Kapitel von 17 Jahren – eine Entscheidung, die Anne-Sophie Pic, «Beste Köchin der Welt 2011», als unerwartet und abrupt bezeichnet.

Anne-Sophie Pic. (ZVG)
Bekannt wurde die Trennung von Anne-Sophie Pic und dem Beau-Rivage Palace in Lausanne am Freitagabend über Gault Millau. Weder die Sandoz Gruppe noch die Köchin wollten sich dazu äussern.
Die Köchin soll kurz zuvor von der Direktion des Beau-Rivage Palace BRP informiert worden sein, während sie sich in ihrem Stammsitz im französischen Valence aufhielt – ebenso ihr Lausanner Stellvertreter Jordan Theurillat und weitere Mitarbeitende. Die Begründung? Das Hotel wünsche sich künftig einen vor Ort präsenten Küchenchef statt einer Führung aus der Distanz. Die Rentabilität sei hingegen nicht das Problem, heisst es von Beteiligten: Seit der Eröffnung habe sich der Umsatz kontinuierlich gesteigert, von einer «positiven Dynamik» war die Rede, die auch Direktor Benjamin Chemoul kürzlich im PME Magazine hervorhob.
Pics Niederlassung in der Schweiz im Jahr 2009 fiel mit dem Beginn ihrer internationalen Expansion zusammen – eine Entwicklung, die seither nie infrage gestellt wurde. Nachdem sie lange gezögert hatte, sich ausserhalb ihrer Heimatregion Drôme zu engagieren, änderte sie ihre Strategie und gründete gemeinsam mit ihrem Ehemann David Sinapian die Pic-Gruppe. Daraus entstanden zahlreiche Projekte – von Paris über Grossbritannien bis nach Asien. Zwischenzeitlich zählte die Gruppe bis zu 500 Mitarbeitende, verteilt auf rund zehn Standorte und ebenso viele Michelin-Sterne. 2011 wurde Pic zudem von der Jury der World’s 50 Best Restaurants zur besten Köchin der Welt gewählt.
Es wirkt fast erstaunlich, dass die Sandoz Gruppe erst jetzt die globale und mobile Arbeitsweise ihrer Gastköchin hinterfragt, zumal sie ihre Verantwortung stets an bestens ausgebildete Teams delegierte. Dies umso mehr, als das Lausanner Restaurant zwischen Oktober 2023 und September 2024 wegen Renovation ein Jahr lang geschlossen war – mit erheblichen, nie offiziell bezifferten Kosten.
Das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant erhielt dabei ein stark personalisiertes Design, ausgezeichnet mit einem Ahead Award, eine Küche auf höchstem Niveau, eine spektakuläre Bar sowie einen Chef’s Table. Die Sandoz Gruppe und die Direktion des BRP hatten dafür die nötigen Mittel bereitgestellt. Pic bekräftigte damals ihr Ziel, den dritten Michelin-Stern zu holen: ein Ausdruck ihrer persönlichen und familiären Verbundenheit mit dem Standort.
Bei ihrer Ankunft in Lausanne war sie nicht von allen Kolleginnen und Kollegen mit offenen Armen empfangen worden. Sie sprach von «einer gewissen protektionistischen Haltung», liess sich davon jedoch nicht beirren und engagierte sich umso stärker. Gleichzeitig erklärte sie das gut eingespielte System, das ihr erlaubte, aus der Distanz zu arbeiten: vom Zentrum ihres Pic Lab in der Drôme aus – einem kulinarischen Hub mit Drei-Sterne-Restaurant, Relais-&-Châteaux-Hotel, Bistro, Feinkostladen und Kochschule.
Das Pic Lab dient als Ausbildungszentrum, in dem Teams die Philosophie des Hauses verinnerlichen, bevor sie innerhalb der Gruppe weiterziehen. Die meisten Küchenchefs haben diesen Weg durchlaufen – so auch Jordan Theurillat, der über zehn Jahre zur Gruppe gehörte.
Anne-Sophie Pic war stets überzeugt: «Man nimmt niemandem die Kundschaft weg. Talente und Gäste addieren sich. Je gastronomischer eine Region wird, desto mehr Dynamik und gesunde Konkurrenz entstehen.» Doch die Guides folgten ihrer Schweizer Ambition nur teilweise.
Nach der Covid-Krise expandierte die Marke weiter auf zwei Kontinenten. Pic kooperierte mit der Modewelt, eröffnete mehrere Dior-Cafés in Japan und China in Zusammenarbeit mit LVMH und wandte sich auch der Kunst zu: Eine Brasserie in der Fondation Cartier ist für Herbst 2026 geplant.
Doch ab 2024 drehte der Wind: Mehrere Standorte wurden geschlossen. 2024 schloss das Restaurant im Raffles in Singapur, 2025 endeten Partnerschaften mit Four Seasons in London und Megève. Auch das Restaurant an der Rue de Rivoli in Paris steht vor dem Aus. Ein lange geplantes Projekt in Dubai wurde vorerst auf Eis gelegt – aufgrund der internationalen Lage.
Die Trennung von der Sandoz Gruppe soll im Dezember 2026 offiziell vollzogen werden. «Diese Entscheidung ist brutal. Man kann sich trennen, aber nicht so, nach einer so langen Beziehung», lässt sich Pic sinngemäss zitieren.
Ein bitterer Zeitpunkt oder zumindest ein schwacher Trost: Nur drei Tage vor Bekanntwerden der Trennung, am 24. März, wurde Pic im Élysée-Palast zum Offizier der Ehrenlegion ernannt – gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Alain Ducasse und Guy Savoy.
(pcl/ade)