Um das Jahr 1630 wurden in England stabile Weinflaschen entwickelt. Naturkork war damals der einzige geeignete Verschluss. Doch Korkenschmecker kann den Weingenuss trüben. Seit 1960 gibt es kalibrierte Weinflaschen mit Schraubverschluss. An diesem wiederum haftet das Etikett von «Billigwein». Eine Befürworterin und ein Gegner von Korken nehmen Stellung.

Journalist, Redaktionsleiter Hotellerie Gastronomie Zeitung, diplomierter Hotelier/Restaurateur HF SHL
PRO: Eine spannende Frage, die ganz klar mit einem Ja beantwortet werden kann. Viele Winzer füllen fruchtbetonte, eher jung zu trinkende Weine in Flaschen mit Schraubverschluss. Für Premiumweine, die eine gewisse Zeit der Reife benötigen, wählen sie weiterhin Korken. Aus technischer Sicht sind Korken genau so dicht wie Schraubverschlüsse. Dass Korken «atmen» ist ein Mythos. Dennoch hält die Mehrheit der Weinindustrie so hartnäckig daran fest, dass es schwer ist, ihn als falsch zu akzeptieren. Bei lange gereiften Flaschen kann es dazu kommen, dass der Korken seine strukturelle Integrität verliert und es zum Eindringen von Sauerstoff zwischen Korken und Flaschenhals kommt. Dieser lässt die entsprechenden Weine rasch reifen oder frühzeitig oxidieren.
Vergleichende Blinddegustationen von Weinen, bei denen ein Teil der Flaschen «verkorkt» und ein anderer Teil «verschraubt» wurden, fallen in der Regel zu Gunsten der Schraubverschlüsse aus. Dies auch ganz ohne schleichenden oder offensichtlichen Korkenschmecker. Glücklicherweise konnte dieses Ärgernis mit dem Aufkommen technischer Granulatkorken minimiert werden. Kunststoffstopfen hingegen sind ein absolutes «No-Go». Nach dem Abfüllen schwächen diese innerhalb weniger Tage die Brillanz der Aromen.
«Crack und offen! Schraubverschlüsse bieten Weingenuss ohne Korkenzieher.»
Gabriel Tinguely
Nostalgie hin, Emotionen her – im Umgang sind Schraubverschlüsse gerade in der Gastronomie im Vorteil. Beispiele sind der glasweise Ausschank oder der Bankettbetrieb. Wo viele Flaschen geöffnet werden müssen, sparen Schraubverschlüsse Zeit, und Diskussionen über allfällige Fehltöne entfallen. Wem es beim Weinservice um die Show geht, erzielt mit dem Karaffieren einen grösseren Effekt als mit dem Herausknobeln eines Korkens. Bei eine halbe oder ganze Stunde vor dem Trinken gelüfteten Weinen entfalten sich die Aromen, was den Trinkgenuss erheblich steigert.

Unabhängige Journalistin («Weinseller Journal»), Weinberaterin und Autorin mehrerer Fachbücher
CONTRA: Der Verschluss einer Weinflasche ist ein zentrales Element. Denn ist der Verschluss nicht perfekt, geht die ganze Arbeit des Winzers kaputt. Erst nach dem ersten Schluck ist man sicher, dass der Wein wirklich gut ist. Früheste Erwähnungen von Korken findet man Mitte des 16. Jahrhunderts – so etwa in Shakespeares «Wie es euch gefällt». Darin ist zu lesen: «Ich bitte Dich, nimm den Korken aus Deinem Munde, damit ich Deine Mitteilungen trinken kann». Auch wenn man im 17. Jahrhundert schon den Glasstöpsel kannte und auf mittelalterlichen Gemälden mit Siegellack überzogenes Tuch als Verschluss zu sehen war, hat sich der Korken durch-gesetzt. Er scheint zum Wein zu gehören – auch wenn er nicht 100 Prozent verlässlich ist.
«Nein, Korken sind nach wie vor die besten Flaschenverschlüsse.»
Chandra Kurt
In keiner anderen Branche würde man eine derart unverlässliche Zusammenarbeit tolerieren. Warum also beim Wein? Er unterstreicht die Magie, die Lebendigkeit, das Mystische und im Grunde Unerklärliche des Weins. Im besten Fall erleben wir mit ihm einen sensorisch-holistischen Höhenflug. Wir erleben ein flüssiges Kulturgut, dass von seinem Terroir und vielem mehr spricht. Kein anderes Getränk hat diese Gabe und dazu gehört ein natürlicher Verschluss. Kork ist ein Naturprodukt, in grossen Mengen vorhanden, er ist leicht sowie praktisch undurchlässig und temperaturunempfindlich. Natürlich elastisch lässt er sich beim Verkorken zusammendrücken, dehnt sich im Flaschenhals aus und verschliesst diesen perfekt. Er hat eine lange Lebensdauer, was bei Weinen von hoher Qualität sehr wichtig ist. Ruht der Wein im Keller, kann ein Korken nach 50 Jahren noch perfekt sein. Wichtig ist, dass der Wein dank ihm leicht «atmen» kann und der Reifeprozess einen ausgewogeneren Charakter hervorbringt, als wenn der Wein mit einem Schraubverschluss verschlossen wäre. Und wie sagte doch Robert Louis Stevenson: «Wein ist Poesie in der Flasche.»