Der Schaden ist angerichtet. Ob er behoben werden kann, ist fraglich. Anstatt die Reissleine zu ziehen, wird erst einmal diskutiert.
Synthetische Industriechemikalien bilden eine Gruppe von mehreren Tausend Substanzen. Diese werden unter der Bezeichnung per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, kurz PFAS, zusammengefasst. Aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften kommen sie seit den 1970er-Jahren weltweit in grossem Umfang zum Einsatz.
Als erkannt wurde, dass PFAS unerwünschte gesundheitliche Wirkungen verursachen können wie eine verminderte Immunantwort auf Impfungen, erhöhte Cholesterinspiegel oder gar Krebs, war es bereits zu spät. Denn die natürlich nicht vorkommenden PFAS sind flächendeckend verteilt und alle nutzen sie. Zum Beispiel in Berufsund Outdoorbekleidung, in Teflonpfannen, in Backtrennpapier und Fast-Food-Verpackungen. Sie kommen auch in Skiwachs, Feuerlöschschaum, Imprägniermitteln, Farben und Kosmetika vor. PFAS werden für die Herstellung elektronischer Geräte verwendet. Als Wirk- oder Zusatzstoffe in Pflanzenschutzmitteln, die Landwirte und Privatgärtner ausbringen, gelangen PFAS direkt in die Natur. Zudem wurde während Jahren PFAS-belasteter Klärschlamm als Gratisdünger auf Wiesen und Feldern verteilt.
Über das Trinkwasser und tierische Produkte wie Fisch, Fleisch, Milch oder Eier gelangen PFAS schon seit Jahrzehnten in die Lebensmittelkette. Brisanz erlangt das Thema immer wieder. Im Jahr 2023 untersuchten Kantonschemiker im Rahmen einer schweizweiten Kampagne Trinkwasserproben. In 54 Prozent konnten sie keine PFAS nachweisen. In zwei Proben war der Grenzwert überschritten. Im vergangenen März liessen in Appenzell Ausserrhoden 169 Landwirte ihre Betriebe freiwillig testen. In 58 Fällen wurden PFAS-Werte in der Milch gemessen, die über dem derzeitigen EU-Richtwert lagen. Für betroffene Landwirte stellt sich die Frage, wie es weitergeht, wenn die Wiesen verunreinigt sind und was mit den kontaminierten Böden passiert.
Was tut die Politik? Obwohl es für die meisten genannten PFAShaltigen Produkte Alternativen ohne PFAS gäbe, wurden die kritischen Verbindungen PFOA, PFNA, PFHxS oder PFOS nicht verboten. Stattdessen führte die Schweiz im Jahr 2017 die heutigen Grenzwerte von 0,3 bis 0,5 Mikrogramm pro Liter ein. Die Übernahme neuer, tieferer EU-Grenzwerte per 2026 wurde verschoben. Derweil diskutiert die Politik darüber, wie betroffene Bauernhöfe die Produktion umstellen könnten und wie hoch Härtefallentschädigungen ausfallen sollten.
Die einzige Möglichkeit, PFAS für immer unschädlich zu machen, ist das Verbrennen in Hochtemperaturöfen. Eine Lösung gibt es für Trinkwasser. Da können PFAS mit Aktivkohle herausgefiltert werden. In Böden, Grundwasser und Sedimenten vorhandene PFAS lassen sich jedoch nicht einfach «einsammeln». Bei den grossen PFAS-Fällen in der Ostschweiz ist die Frage der langfristigen Sanierung noch nicht gelöst. Viele Massnahmen befinden sich erst in der Entwicklung oder in Pilotanwendungen.
(Gabriel Tinguely)