Sie stärkt Stärken und schwächt Schwächen

Karin Ruckstuhl arbeitet in der Kartause Ittingen in Warth/TG. Sie ist Mitarbeiterin mit agogischer Betreuungsfunktion in der Hauswirtschaft.

Sie wollte immer schon im Gastgewerbe arbeiten. Diesen Wunsch hat sich Karin Ruckstuhl erfüllt. Nun hilft sie anderen, ihren Weg zu finden. (Bilder ZVG)

In der Kartause Ittingen arbeiten insgesamt 60 Personen mit einer kognitiven oder einer psychischen Beeinträchtigung. Begleitet werden sie dabei von Berufsleuten, die eine agogische Weiterbildung haben oder gerade daran sind, eine solche zu absolvieren. So wie Karin Ruckstuhl. Sie betreut in der Hauswirtschaft sieben Mitarbeitende mit Beeinträchtigungen. Um das nicht nur sehr empathisch, sondern auch professionell tun zu können, beginnt sie im August eine Agogik*-Weiterbildung.

Alles stehen und liegen lassen

«Ich bin ein ganz gewöhnliches Mitglied des Hauswirtschaftsteams», sagt die gelernte Übersetzerin. «Allerdings habe ich die spannende Zusatzaufgabe, Mitarbeitende mit Beeinträchtigungen zu unterstützen, ihre Stärken zu fördern und ihnen zu helfen, Schwächen zu überwinden.»


«Ich möchte, dass die Menschen, die ich begleite, Freude an der Arbeit und positive Erlebnisse haben.»

Karin Ruckstuhl


Im Alltag kann das bedeuten, dass die 53-Jährige ihre eigene Arbeit plötzlich stehen und liegen lassen muss, um jemandem beizustehen. Sei es, weil diese Person bei einer Aufgabe nicht weiterkommt, mit einer neuen Situation emotional oder körperlich überfordert ist oder sonst ein Problem auftaucht. «Manchmal sind gar keine grossen Interventionen nötig, um jemandem über einen schwierigen Moment hinwegzuhelfen», sagt Karin Ruckstuhl. Es könne schon reichen dazusein, zuzuhören, ein paar Handgriffe mitzuarbeiten oder eine komplexe Aufgabe wie das Reinigen eines Badezimmers in kleine einzelne Arbeitsschritte aufzuteilen, damit Ängste abgebaut werden und schöne motivierende Erfolgsmomente entstehen. «Auch wenn hauptsächlich ich für die Betreuung zuständig bin, ist meine Arbeit immer eine Leistung des gesamten Teams.»

Garten, Feld, Hotel, Restaurant, Seminarhaus oder Laden: Auch für Menschen mit Beeinträchtigung gibt es in der Kartause Ittingen viele Tätigkeitsfelder.

Hartnäckige Geduld

Nach den wichtigsten Eigenschaften gefragt, die eine Mitarbeitende mit agogischer Betreuungsfunktion haben sollte, antwortet Karin Ruckstuhl: «Empathie, Geduld, Gelassenheit, Fokussiert-heit, echtes Interesse an der zu betreuenden Person und Hartnäckigkeit.» Letztere sei nötig, da es oft mehrere Anläufe und viel Überzeugungskraft und Ausdauer braucht, bis Fortschritte sichtbar werden. Auch müsse man immer mit Rückschritten rechnen und Umwege in Kauf nehmen.

Umso schöner sei es, wenn es gelinge, jemanden so zu unterstützen, dass er oder sie persönliche Erfolge erziele und im Idealfall selbständig arbeiten könne. Karin Ruckstuhl weiss: «Menschen ohne Beeinträchtigungen ist oft nicht bewusst, wie wichtig Arbeit für das seelische Wohlbefinden ist. Sie gibt Tagesstruktur und sorgt – gerade im Gastgewerbe – für soziale Kontakte. Zudem sind Leistung erbringen, sich nützlich fühlen, Wertschätzung erhalten und eigenes Geld verdienen enorm wichtig für das Selbstwertgefühl.»

(Riccarda Frei)

*Agogik = Lehre von der professionellen Begleitung, Betreuung und Förderung von Menschen mit dem Ziel, deren Ressourcen zu aktivieren, damit sie Selbstbestimmung erlangen und besser am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilhaben können.


Mehr Informationen unter:

kartause.ch


Zur Person

Ursprünglich hat Karin Ruckstuhl eine kaufmännische Lehre am Gericht gemacht. Dann eine Ausbildung als Übersetzerin. Im Laufe Ihrer Karriere war sie unter anderem als Redaktorin bei einer Floristenfachzeitung tätig. Karin Ruckstuhl ist verheiratet und Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen.

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