Der 23. September ist der Tag der Gebärdensprache. Er fällt in die Woche der gehörlosen Menschen (21. bis 27. September). Die Aktionstage sollen Hörende für die Belange gehörloser Menschen – Gäste wie Arbeitskollegen – sensibilisieren, um diese besser zu inkludieren.

Zwei Gesten, ein Begriff: zusammen bedeuten sie «Herzlich willkommen». Die QR-Codes führen direkt zu Videos, die zeigen, wie der Begriff korrekt gebärdet wird. (sgb-fss.ch/signsuisse)
Mehr als eine Million Menschen in der Schweiz haben eine Hörbehinderung. Rund 30 000 von ihnen sind sogar gehörlos. Diese Beeinträchtigung legt ihnen im Alltag – auch beim Besuch eines Restaurants oder Hotels – Hindernisse in den Weg.
Benedikt Jud ist Medienverantwortlicher beim Schweizerischen Gehörlosenbund sgb-fss. Für die Hotellerie Gastronomie Zeitung hat er seine gehörlosen Arbeitskolleginnen und -kollegen gefragt, was Gastgewerbler tun können, um ihnen den Aufenthalt zu verschönern. Ein wesentlicher Punkt ist Blickkontakt. Auch nichthörende Gäste möchten direkt angesprochen werden. Um das Gegenüber verstehen zu können, sind sie darauf angewiesen, Gesicht und Mund zu sehen. Darum sollte man sie nicht von der Seite ansprechen.
Gehörlose Menschen sind nicht taubstumm. Dieser Ausdruck ist beleidigend. Sie können sprechen, allerdings oft nicht so fliessend oder deutlich wie Hörende. Versteht man den Gast nicht, hilft ein: «Entschuldigung, ich habe Sie nicht verstanden. Können Sie es bitte wiederholen.» Oder man schlägt vor: «Wollen wir uns schriftlich unterhalten?» und zückt Stift und Papier – respektive Handy oder Tablet. Beides ist besser, als den Gast zu übergehen und nach einer möglichen hörenden Begleitperson Ausschau zu halten oder übertrieben zu gestikulieren.
Informationen schriftlich zu erfassen und zu teilen ist generell eine gute Idee. Dazu muss nicht alles ausgedruckt werden. Man kann auch einfach gemeinsam mit dem Gast auf den Monitor des Computers oder auf das Tablet schauen, um Eingaben zu überprüfen. Eine gute Methode mit dem Gast zu kommunizieren, bietet auch ein Whatsapp-Chat.
Im Restaurant bevorzugen gehörlose Gäste runde Tische. So können sie alle Tischgenossen sehen, was ihnen die Verständigung erleichtert. Von der Hauswirtschaft wünschen sich die gehörlosen Gäste, dass anklopfende Mitarbeitende vor dem Betreten des Zimmers die Türe nur einen Spaltbreit öffnen, um an den Lichtschalter fassen und diesen ein paar Mal betätigen zu können. Erfolgt nach kurzem Warten vor der Tür keine Reaktion, dürfen sie eintreten. Generell wäre es praktisch, wenn eine mobile Lichtsignalanlage verfügbar wäre, die meldet, wenn das Telefon im Zimmer klingelt und bei einem Notfall mit optischen Signalen warnt. Dank verschiedenster Hilfsmittel (siehe Spalte rechts) könnten Betriebe sich ohne grossen Aufwand eine Geschäftsnische erschliessen und gleichzeitig einen Beitrag zur Inklusion leisten.
Apropos Inklusion: Es gibt nicht nur gehörlose Gäste, sondern auch Mitarbeitende. So wie Salome Lienin, die erste gehörlose Chefköchin FA, und Vanessa Buser, Hotelfachfrau. Auf der Website des Schweizer Gehörlosenbunds sgb-fss.ch gibt es neben hilfreichen Infos auch interessante Porträts über die beiden Damen. Wie die Zusammenarbeit mit ihr im Alltag funktioniert, erzählt Vanessa Busers Arbeitgeber Darko Bošnjak im Interview.
Ja, und das schon seit 2020. Vanessa Buser hat ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau EFZ bei uns absolviert und mit der hervorragenden Note 5,5 abgeschlossen. Ein Höhepunkt, der uns bis heute mit Stolz erfüllt.
Als Allrounderin mit einem Pensum von 80 bis 100 Prozent. Sie ist für uns eine wertvolle Mitarbeiterin, die mitdenkt und Verantwortung für den Betrieb übernimmt. Vanessa arbeitet vorwiegend im Restaurant und im Frühstücksbereich, in der Etage und im Housekeeping sowie im Seminar- und Bankettbereich. Zurzeit befindet sie sich zudem am Ende ihrer Ausbildung zur Gebärdensprachlehrerin. Ausserdem verfolgen wir mit ihr gemeinsam konkrete Weiterbildungsziele.
Vanessa ist an der Position der stellvertretenden Housekeeping-Leitung interessiert. Wir prüfen gerade aktiv, wie wir ihr diesen Karriereschritt ermöglichen können. Die entsprechenden beruflichen Fähigkeiten und Kompetenzen dafür hat sie.
Wir haben von Beginn an unsere Prozesse und Abläufe hinterfragt und sie, wo nötig, an Vanessas Situation angepasst. Während in anderen Abteilungen kaum Veränderungen nötig waren, gab es beim Check-in und Check-out an der Réception den grössten Anpassungsbedarf. Was wir dabei feststellen durften und ausserordentlich schätzen: Unsere Gäste gehen sehr offen und wohlwollend mit der Situation um.
Darko Bošnjak, Direktor Hotel Olten
Ja, denn sie trägt ein Namensschild, das darauf hinweist.
In der Regel problemlos. Vanessa versteht die Gäste ausgezeichnet über das Lippenlesen. Funktioniert das einmal nicht, notieren die Gäste ihren Wunsch kurz auf einem Blatt Papier – das wir stets bereithalten – oder sie tippen ihn ins Handy ein.
Auch untereinander verständigen wir uns sehr gut über das Lippenlesen. Als Vanessa bei uns ihre Lehre begann, war eine unserer ersten Massnahmen, dass wir im Team einen Gebärdensprachkurs absolvierten. Der musste nach einem halben Jahr aber wegen der Corona-Massnahmen beendet werden. Dennoch haben wir Hörenden die wichtigsten Grundlagen und einfache Sätze in Gebärdensprache lernen können. Gleichzeitig wurde uns bewusst, wie wichtig scheinbare Kleinigkeiten in der Kommunikation mit gehörbehinderten Menschen sind. Etwa die richtige Position und Blickrichtung beim Sprechen, deutliches Artikulieren, ein gutes Lichtverhältnis und das Sich-Zeit-Nehmen im Gespräch.
Bei komplexeren oder anspruchsvolleren Sachverhalten kommunizieren wir – wie übrigens mit allen anderen Mitarbeitenden – auch schriftlich. Dies, damit die Aufgaben und Prozesse für alle klar und unmissverständlich sind.
Ja, insbesondere bei Einzelaufgaben, die grosse Konzentration erfordern. Vanessa kann diese Aufgaben sehr fokussiert und ohne Ablenkungen durch störende Hintergrundgeräusche erledigen.
Wir haben viele gehörlose Gäste im Haus, auch vom Schweizerischen Blindenbund. Dank Vanessa konnten wir diese zusätzliche Klientel gewinnen. Viele Gäste kommen gezielt wegen Vanessa zu uns und wünschen sich ausdrücklich beim Check-in, im Seminarbereich oder im Restaurant von ihr bedient zu werden.
Aktuell ist Vanessa die einzige Mitarbeiterin mit einer Beeinträchtigung. Wir unterstützen jedoch regelmässig Integrationsprojekte. Sei es im Hotel Olten oder auch bei unserer Partnerfirma Kalte Lust AG, einem Glace-Produzenten. Dabei achten wir bewusst auf eine gute Balance: Die betreuenden Personen müssen ihrem Tagesgeschäft nachkommen können, gleichzeitig muss eine angemessene Betreuung gewährleistet sein. Für entsprechende Anfragen sind wir offen. In den nächsten Wochen dürfen bei uns erneut gehörlose Personen zum Schnuppern kommen.
Seien Sie offen dafür. Eine solche Zusammenarbeit ist eine unglaubliche Bereicherung – für den Betrieb, die Mitarbeitenden, das Kader und die Geschäftsleitung. Wir haben festgestellt, dass Mitarbeitende mit einer Beeinträchtigung ausserordentlich motiviert sind. Wir können jedem Betrieb nur empfehlen, Integration zu ermöglichen – oder den Menschen zumindest die Chance zu geben, über einen gewissen Zeitraum in den Betrieb und die gastgewerblichen Berufe hineinzuschauen.
(Riccarda Frei)