Eine Allianz aus Lernenden verschiedenster Branchen sammelte 2025 mehr als 176 000 Unterschriften und reichte beim Bundesrat die Petition «Acht Wochen für Lernende» ein. Hotellerie-Leiter Rolf Knecht (47) stimmt der vom Gewerkschaftsbund mitgetragenen Forderung zu, die Lernende Celina Kneubühler (16) spricht sich klar dagegen aus.

Leiter Hotellerie, Viva Luzern AG, Dreilinden, Vorstandsmitglied des Schweizer Kochverbands
PRO: Die Realität ist, dass Jugendliche heute anders aufwachsen und arbeiten als früher. Die Work-Life-Balance ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Viele Junge erleben die Lehre als Dreifachbelastung: Arbeit, Schulunterricht und zusätzliches Lernen zu Hause. Diese Dauerbelastung zeigt sich in steigenden Stresswerten und in psychischen Problemen. Kommt dazu, dass Gymnasien und andere Schulen, die mit der Lehre konkurrenzieren, weiterhin 13 Wochen Ferien anbieten. Diese Ungleichheit ist für viele im Alltag spürbar und sorgt für Stress und Erschöpfung. Gerade der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ist für viele ein einschneidender Schritt. Junge Erwachsene stehen plötzlich in einem Arbeitsalltag, der keine langen Ferien kennt, aber ebenso fordernd ist. Mehr Ferien würden Lernenden helfen, diese Phase besser zu bewältigen und mit mehr Energie und Motivation an ihre Aufgaben heranzugehen.
Rolf Knecht
Ein zusätzlicher Vorteil: Jugendliche haben heute vielfältige Interessen jenseits der Arbeit. Viele engagieren sich in Organisationen wie der Pfadi. Mit acht Wochen Ferien könnten sie an Lagern und Aktivitäten teilnehmen, ohne dafür andere Ferien opfern zu müssen. Zudem spricht die Petition «Acht Wochen Ferien für Lernende» nicht nur für mehr Erholung. Sie ist auch ein Signal, dass die Lehre als zentraler Teil unseres Bildungssystems für junge Menschen attraktiv bleiben muss. Die Schweiz braucht sehr gut ausgebildete Fachkräfte. Ihr Ausbildung gelingt besser, wenn Lernende nicht ständig an ihre Grenzen gedrängt werden. Kritiker mahnen, Ferien würden die betriebliche Ausbildung schwächen. Doch Fachleute zeigen: Drei zusätzliche Ferienwochen liessen sich sogar ohne zusätzliche Kosten für die Betriebe finanzieren, weil der Nettonutzen Jugendlicher für Unternehmen durch höhere Produktivität und Qualitätsbeitrag ohnehin positiv ist.

Lernende im zweiten Jahr Köchin EFZ, Stiftung Lindenhof Cura in Langenthal/BE
CONTRA: Acht Wochen Ferien sind keine sinnvolle Lösung, um mehr Jugendliche zu motivieren. Es ist vor allem wichtig, dass man eine Lehre aus Interesse und Leidenschaft beginnt und nicht nur, weil man viele Ferien hat. Ferien sind schön, aber ich möchte nicht aus diesem Grund unvorbereitet an die Abschlussprüfung gehen und nach der Lehre ins Berufsleben starten. Wenn man jedes Jahr zwei bis drei Wochen mehr Ferien hat, fehlen den Lernenden über drei Lehrjahre hinweg mehr als 30 Arbeitstage im Betrieb. Dadurch fehlen ihnen wichtige praktische Erfahrungen. Wenn die Lehre fertig ist, arbeitet man neu fünf Tage im Betrieb und man hat deutlich weniger Ferien.
Celine Kneubühler
Das wirklich grosse Problem betrifft jedoch den wirtschaftlichen Aspekt. Einerseits kann ein Betrieb mit mehreren Lernenden die Ferien nicht mehr ausschliesslich in den Schulferien gewähren, sodass man in den Ferien trotzdem in die Schule muss und nicht vollständig abschalten kann. Ein weiteres Problem wäre, dass dem Arbeitgeber plötzlich Arbeitskräfte fehlen und er neue Mitarbeitende einstellen müsste. Ich bin auch der Meinung, dass der Unterschied zwischen Schule und Lehre beziehungsweise zwischen dem Gymnasium und der Lehre sehr gross ist. Auch verstehe ich, dass es unfair wirken kann, aber ich finde, man müsste an einem anderen Punkt Änderungen vornehmen. Aus meiner Sicht sollte man die Ferien im Gymnasium anpassen. Zum Beispiel dass in den Ferien Praktikumspflicht besteht oder die Ferien gekürzt werden. Bei der Lehre finde ich es so, wie es momentan ist, super. Sie muss und soll uns auf das weitere Leben vorbereiten. Klar ist auch, dass eine solche Ausbildung nicht immer ganz einfach ist, aber diese Herausforderungen kann man meistern. Deshalb mein Fazit, acht Wochen Ferien für Lernende sind die falsche Lösung, um die Berufslehre attraktiver zu machen oder den Unterschied auszugleichen.