«Die Union darf noch ein bisschen mutiger werden»

Nach sieben Jahren tritt der Geschäftsführer des Schweizer Kochverbands ab. Ein ehrlicher Rückblick auf Höhen und Tiefen.

Er wechselt vom Schweizer Kochverband zur Hotel & Gastro Formation: Reto Walther.  (Roy Matter)

Reto Walther, 2018 wurden Sie Geschäftsführer des Schweizer Kochverbands. Mit welchen Zielen traten Sie die Stelle an?

Damals war ich bereits seit 15 Jahren Mitglied des Kochverbands, wusste aber trotzdem nicht wirklich, was der Verband eigentlich alles macht. Mein oberstes Ziel war daher, den Kochverband und seine Arbeit bekannterzumachen.

Und – Ziel erreicht?

Wenn ich ehrlich bin, eher nicht. Für die bestehenden Mitglieder ist der Verband zwar spürbarer geworden. Aber wenn man die Mitgliederzahlen anschaut, konnten wir kein Wachstum erreichen.

Weshalb ist es so schwierig, neue Mitglieder zu gewinnen?

Das hat mehrere Gründe. Einerseits ist es herausfordernder geworden, Menschen dazu zu bringen, sich für etwas zu verpflichten. Andererseits ist seit der Corona-Pandemie der Solidaritätsgedanke etwas verloren gegangen – jeder schaut nur noch für sich. Dabei ist der Bedarf für einen starken Berufsverband definitiv da – die Daseinsberechtigung des Kochverbands steht für mich ausser Frage.

Als Sie die Stelle 2018 antraten, war die geplante HF Kulinarik in aller Munde. Das Projekt kam nicht zustande – gibt es alternative Ideen?

Aktuell steht die Revision der höheren Berufsbildung an. In den ersten Workshops dazu kamen viele Ideen auf den Tisch, die jenen des geplanten Lehrganges ähneln. Ich bin aber überzeugt, dass wir vor allem die Weiterbildungslücke zwischen der Lehre und der Berufsprüfung schliessen müssen. Dort gibt es derzeit keine Angebote – und dort verlieren wir auch nachweislich viele Leute, weil sie die Branche verlassen. Vielleicht lässt sich die höhere Berufsbildung stärker modularisieren, um diese Lücke zu schliessen.

Sie waren fast 20 Jahre bei der Armee tätig. Woran mussten Sie sich bei der Arbeit für einen Berufsverband am meisten gewöhnen?

Man sagt, die Mühlen beim Bund mahlen langsam. Die Realität ist: Im Verbandswesen mahlen sie manchmal fast retour. Im Militär spricht der Chef irgendwann ein Machtwort, das gilt. Im Verbandswesen hingegen gibt es so viele Interessengruppen, dass es oft schwierig ist, einen Konsens zu finden. Alle sagen, sie wollen das Beste für die Branche. Aber letztlich wollen sie dann doch eher das Beste fürs eigene Portemonnaie. Das ist schade, weil das Potenzial riesig ist.

Können Sie ein Beispiel geben?

Nehmen wir den Bildungsbereich: Wieso gibt es so viele ähnliche Angebote von verschiedenen Stellen, die sich konkurrenzieren? Stattdessen könnte sich jeder auf seine Kernkompetenzen konzentrieren – dadurch liesse sich für die Branche viel mehr erreichen.

«Der Kochverband muss bei der Berufsentwicklung mitreden.»

Könnte die HGU noch etwas von der Armee lernen?

Ja, einfach einmal «verstanden» zu sagen und Entschlüsse umzusetzen. Und: mutiger zu sein und klarer Position zu beziehen. Man kann es nie allen recht machen – aber das Schlimmste ist meiner Meinung nach, niemanden verärgern zu wollen und deswegen kein Profil zu haben.

Was haben Sie beim Kochverband gelernt, was Sie in Ihre berufliche und persönliche Zukunft mitnehmen werden?

Das Schönste, was ich aus meiner Zeit beim Kochverband mitnehme, ist das Netzwerk. Dieses zu nutzen, ohne es auszunutzen, ist etwas vom Wichtigsten. Ich habe gelernt, dass man extrem viel erreichen kann, wenn man die richtigen Experten an einen Tisch bringt.

An welche Momente denken Sie besonders gern zurück?

Neben den internationalen Erfolgen unserer Kochnationalmannschaften und Events wie der Küchencheftagung oder dem Young Chefs Unplugged ist es für mich ein besonderes Highlight, dass sich der Kochverband in der Berufsentwicklung wieder fest verankert hat. Das ist vielen Kollegen und Mitgliedern zu verdanken, welche sich bei der Revision der Kochlehre enorm engagiert haben. Ich hoffe, dass dieses Engagement im Bildungsbereich beibehalten wird.

Ein Thema, welches Sie weiter beschäftigen wird – ab März treten Sie die Stelle des Bereichsleiters Bildungsangebot bei der Hotel & Gastro Formation an. Welche Aufgaben erwarten Sie dort?

Ich werde die Verantwortung über alle Bildungslehrgänge und -kurse haben – von der Basisqualifikation bis zu den höheren Fachprüfungen. Ausgenommen ist lediglich die Grundbildung. Um wieder mehr Profis in unsere Branche zu holen, ist insbesondere die Basisqualifikation enorm wichtig. Denn wir dürfen nicht vergessen: Fast 50 Prozent der Mitarbeitenden in unserer Branche sind Ungelernte.

Was muss passieren, damit der Kochberuf wieder attraktiver wird?

Dafür gibt es leider kein Patentrezept. Bezüglich Berufsbildung muss man vielleicht davon wegkommen, dass Lernende drei Jahre im selben Betrieb arbeiten. Denn eines der attraktivsten Argumente für Junge, um in die Gastronomie zu kommen, ist die Flexibilität und Vielseitigkeit. Diese müssen wir aber bereits während der Ausbildung bieten. Ein Lehrbetriebsverbund könnte viele Chancen bieten.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger oder Ihrer Nachfolgerin mit auf den Weg?

Offen zu sein – sowohl unseren Mitgliedern als auch anderen Institutionen gegenüber. Und immer wieder Neues auszuprobieren. Manchmal auch mehrmals – bis gewisse Ideen tatsächlich bei unseren Mitgliedern ankommen, kann es länger dauern. Nur, weil etwas nicht sofort funktioniert, heisst das nicht, dass man es gleich verwerfen muss. Gewisse Dinge benötigen Zeit.

(Angela Hüppi)


Zur Person

Reto Walther ist seit 2018 Geschäftsführer des Schweizer Kochverbands. Zuvor war er fast 20 Jahre bei der Schweizer Armee tätig, zuletzt als Chef Fachbereich Verpflegung bei der Logistikbasis in Bern. Am 1. März tritt er die Stelle des Bereichsleiters Bildungsangebot bei der Hotel & Gastro Formation in Weggis/LU an.