Im «Les Wagons» in Winterthur/ZH kann man in historischen Bahnwagen, die dereinst auf den Üetliberg fuhren, speisen.

Die restaurierten Bahnwagen der Üetlibergbahn sind mit einem Perrondach versehen. (Claudia Hoffmann)
Wer mit dem Zug nach Winterthur fährt und kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof den Blick nach links wendet, kann die drei Bahnwagen der Üetlibergbahn am Lagerplatz zwischen historischen Industriebauten sehen. In den drei restaurierten Wagen befindet sich das Restaurant Les Wagons. Anja Holenstein führt den Betrieb seit mehr als zehn Jahren. Ihre Co-Geschäftsleiterin, Judith Janker, kam vor vier Jahren dazu.
«Mein damaliger Geschäftspartner Florian Moser und ich suchten in Winterthur nach einer geeigneten Lokalität für unseren gastronomischen Traum», erinnert sich Anja Holenstein. Ursprünglich schwebte ihnen vor, einen Foodtruck in einem ausgedienten Güterwagen zu betreiben. Durch eine glückliche Fügung erfuhren die Verantwortlichen der Sihltalbahn von ihrem Vorhaben. Sie suchten nach einem Platz für einen Trieb- und einen Personenwagen aus dem Jahr 1923. Der dritte Teil des Ensembles, ein Gepäckwagen, wurde von einem ehemaligen Mitarbeitenden der Sihltalbahn als Gartenhaus genutzt. Der Besitzer stellte den Wagen den beiden Jungunternehmern zur Verfügung.
Den Umbau haben Anja Holenstein und Florian Moser, soweit möglich, selbst umgesetzt. «Finanziert haben wir das Projekt mit privaten Darlehen und viel Grosszügigkeit von Unternehmen, die in die Umbauarbeiten involviert waren. Die Bahnwagen kosteten pro Stück beispielsweise nur einen symbolischen Franken.» Nach eineinhalb Jahren Umbauzeit konnten sie 2014 das Restaurant Les Wagons eröffnen.
In den drei Bahnwagen befinden sich eine voll ausgestattete Küche und 33 Sitzplätze. Draussen auf der Terrasse sind weitere 50 Sitzplätze vorhanden. Ausserdem ist hinter der Küche ein kleiner Lagerteil eingerichtet. Weitere Lagerflächen befinden sich ausserhalb des Restaurants.

Im Innern sitzen die Gäste auf Bänken an Holztischen. (Vanessa Koch)
Das kulinarische Konzept besteht aus einer Tavolata, deren Komponenten monatlich wechseln. «Wir beziehen die Zutaten in erster Linie von Lieferanten aus der Region», sagt Judith Janker. So könnten sie flexibel auf das Angebot der Landwirte und Produzenten reagieren. «Es kommt vor, dass eine Landwirtin anruft und uns zum Beispiel eine Überproduktion an Kürbissen anbietet. Diese verarbeiten wir dann im aktuellen Menü und machen den Rest für später ein.» Oder sie kaufen den Landwirten gleich ein ganzes Tiere ab und verwerten dieses bis hin zu den Innereien. Für die beiden Quereinsteigerinnen ist diese Zusammenarbeit äusserst wertvoll.
Anja Holenstein und ihr Team sind seit 2023 Mitglied der Slow Food Cooks’ Alliance, einem Netzwerk von Gastronominnen und Gastronomen, das sich unter anderem für die Förderung der Biodiversität einsetzt. Dieses Engagement spiegelt sich auch im Weinangebot wider: «Unsere Weinlieferanten arbeiten unter anderem nach Demeter-Richtlinien und produzieren naturnahe Weine», erklärt Judith Janker. Grundsätzlich ist das «Les Wagons» ein Abendbetrieb. Freitagund samstagnachmittags bieten sie zusätzlich Kaffee und Kuchen an. Die Kuchen bäckt Andri Heeb jeweils frisch. Unter seinem eigenen Label «Bunteds» stellt er hausgemachte Gebäcke und Kuchen her.
(Daniela Oegerli)