In einem der ältesten Gasthäuser Solothurns weht seit Anfang 2025 ein neuer Wind. Der Betrieb ist seither ein Inklusions-Hotel.

Der «Rote Ochsen» ist bei Geschäftsleuten und Veloreisenden beliebt. (Bilder ZVG)
Das Haus in der Vorstadt wurde im 16. Jahrhundert erstmals erwähnt. Es diente als Gaststätte, beherbergte eine Brauerei, wurde später zum Restaurant und 2013 schliesslich zum Hotel. Den jüngsten Wandel vollzog der «Rote Ochsen» vor etwas mehr als einem Jahr, als die Stiftung Theresiahaus den Betrieb übernahm. Die Stiftung bietet Ausbildungs- und Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung. Unter anderem in der Küche, im Service, in der Hauswirtschaft, in der Wäscherei und im Gartenbau. «Wir bieten Ausbildungsplätze auf den Stufen EBA und Praktische Ausbildung PrA an», sagt Daniel Dietschi, Co-Institutionsleiter der Stiftung. Dazu kommen begleitete Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt für Menschen mit IV-Rente. Hier setzt das Team auf Job-Carving. «Dabei werden die Aufgaben gezielt auf die Fähigkeiten und Möglichkeiten der einzelnen Personen zugeschnitten.»
Im Hotel sei das dank der vielfältigen Tätigkeiten gut möglich, berichtet die Geschäftsführerin Martina Roth. «Seit rund neun Monaten beschäftigen wir eine Mitarbeitende im begleiteten Arbeitsumfeld. Ihre Aufgaben reichen vom Frühstücksdienst über die Zimmerreinigung bis zu administrativen Tätigkeiten.» Aktuell ist noch eine weitere Inklusionsstelle ausgeschrieben.
Der «Rote Ochsen» und die Stiftung Theresiahaus sind organisatorisch getrennt. Dienstleistungen wie zum Beispiel Gartenarbeiten oder den Wäscheservice kauft das Hotel von der Stiftung ein. Gleichzeitig bestehen gezielte Synergien wie etwa beim Kulinarik-Mittwoch. An diesem Tag serviert das Kulinarik-Team des Theresiahauses unter der Leitung von Küchenchef Marcel Kaufmann im Frühstücksraum des Hotels ein kreatives Mittagsmenü. «Dieses ist bei den Gästen aus der Stadt sehr beliebt und gewinnt zunehmend an Bekanntheit», erzählt Martina Roth. «Für die Lernenden ist es eine wertvolle Gelegenheit, klassische Gastronomie-Erfahrung zu sammeln.»
Ausserhalb des Kulinarik-Mittwochs wird der «Rote Ochsen» als Hotel Garni geführt. Das Haus ist gut ausgelastet und spricht unterschiedliche Gästegruppen an: Geschäftsleute und Familien schätzen den Betrieb, im Sommer kommen viele Velo-Reisende hinzu. «Unsere ruhigeren Monate liegen zwischen Januar und März», sagt Martina Roth. «Gleichzeitig sorgen Anlässe wie die Solothurner Filmtage auch in dieser Zeit für eine hohe Auslastung.» Der Betrieb umfasst 22 Zimmer, verteilt auf mehrere Altstadthäuser und teilweise nur über viele Treppenstufen erreichbar. «Zuletzt haben wir die ehemalige Betreiberwohnung umgebaut in die Ochsen-Suite, die zum Beispiel bei Hochzeitspaaren sehr gefragt ist», erzählt die Geschäftsführerin.

Die 22 Hotelzimmer in den Altstadthäusern sind alle etwas unterschiedlich. Dabei wird Wert auf moderne, hochwertige Einrichtung gelegt.
Neben dem sozialen Engagement spielt im Hotel Roter Ochsen auch das Thema Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle. Der Betrieb ist mit dem Platin-Level von Ibex Fairstay ausgezeichnet – der höchsten Stufe. Zu den Nachhaltigkeitsaspekten gehören unter anderem regionale Produkte wie Frühstückseier und Früchte vom Buechihof in Leuzigen bei Solothurn. Ebenso der Verzicht auf Kleinstverpackungen, etwa bei Butter, Konfitüre oder Pflegeprodukten. Zudem wird das Haus mit Fernwärme beheizt, und die Mitarbeitenden erhalten mindestens 15 Prozent mehr Lohn als im L-GAV vorgesehen. «Der ‹Rote Ochsen› ist anders», liest man auf der Hotelwebsite als Erstes. Und Anders sein tut gut.
(Alice Guldimann)