Die Berufsbildung im Gastgewerbe wird digitaler. Lernfortschritte werden sichtbarer, die Lernorte rücken näher zusammen. Doch zentral bleibt, was kein Tool ersetzen kann: die persönliche Begleitung.

(Illustration Sonja Demarmels)
Im Gastgewerbe wird seit jeher praktisch gelernt. In der Küche, im Service, an der Réception und überall dort, wo Gäste empfangen, betreut und bewirtet werden. Schon während ihrer ersten Lehr- und Berufsjahre schauen Lernende zu, fragen nach, probieren aus, machen Fehler und gewinnen mit jedem Einsatz mehr Sicherheit. Denn viele Fähigkeiten zeigen sich erst im Alltag: im Handgriff, im Umgang mit Gästen und im Team.
Zur Ausbildung gehörte lange auch der klassische Lernordner. Darin wurden Arbeitsschritte dokumentiert, Lernziele festgehalten, Rückmeldungen gesammelt und Beurteilungen abgelegt. Dies System war vertraut, greifbar und in vielen Betrieben eingespielt. Gleichzeitig hatte es Grenzen. Nicht immer war auf einen Blick ersichtlich, wo Lernende standen und wo Unterstützung nötig war.
Mit digitalen Lerndokumentationen verändert sich nun nicht das Handwerk selbst, sondern die Art, wie Lernen begleitet und sichtbar gemacht wird. Arbeitsschritte können festgehalten, Fotos oder Videos ergänzt, Rückmeldungen gegeben und Lernfortschritte dokumentiert werden. Damit rückt eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: Wie lässt sich Ausbildung so strukturieren, dass Lernende besser begleitet werden, ohne dass der persönliche Austausch verloren geht? Digitalisierung in der Berufsbildung ist mehr als der Wechsel vom Papier zum Bildschirm. Sie betrifft Rollen und Routinen. Sie verlangt von Betrieben, Lernprozesse bewusster zu begleiten. Und die Lernenden sind aufgefordert, die eigene Entwicklung aktiver festzuhalten.
Gleichzeitig zeigt sich gerade im Gastgewerbe, wo die Grenzen liegen. Ein digitales Tool kann dokumentieren, erinnern, strukturieren und verbinden. Es kann aber keine Gastfreundschaft vormachen und keine Beziehung ersetzen. Gute Ausbildung lebt von Vertrauen, Vorbildfunktion und gemeinsamem Arbeiten.
Philipp Schneider von der «Krone» in Mosnang/SG zeigt digitales Lernen aus Betriebssicht – zwischen Skepsis und Nutzen. Mike Kuhn von Hotel & Gastro formation Schweiz in Weggis/LU ordnet ein, wie digitale Lerndokumentationen die drei Lernorte stärker verbinden sollen.
(Andrea Decker)

Meine erste Sorge war, dass wir noch mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen und dadurch weniger im direkten Austausch miteinander stehen. Zudem hatte ich Zweifel, ob die Digitalisierung in einem handwerklich geprägten Beruf wirklich einen Mehrwert bringt oder ob sie einfach zusätzlichen administrativen Aufwand verursacht.
Als Ausbildungsbetrieb muss man sich neuen Entwicklungen öffnen. Mir war wichtig, die digitale Lerndokumentation nicht aufgrund von Vorurteilen zu beurteilen, sondern aufgrund praktischer Erfahrungen. Zudem haben wir festgestellt, dass die Jungen sehr selbstverständlich digital arbeiten und lernen.
Die Dokumentation ist transparenter geworden. Früher verschwand der Lernordner oft in einer Schublade und wurde erst kurz vor einem Gespräch hervorgeholt. Heute können wir laufend nachvollziehen, woran ein Lernender arbeitet und wie sich die Kompetenzen entwickeln.
«Digitalisierung allein gewinnt keine Lernenden – gute Berufsbildner schon.»
Bei einem Lernenden haben wir anhand der Einträge erkannt, dass er bei organisatorischen Aufgaben unsicher ist. Früher hätten wir das möglicherweise erst bei der nächsten Beurteilung festgestellt. So konnten wir das Thema bereits ansprechen und ihn gezielt begleiten. Wir sind dadurch näher dran.
Informationen gehen weniger verloren und sind jederzeit verfügbar. Fotos, Rückmeldungen oder Lernnachweise können direkt festgehalten werden. Zudem sind die Unterlagen für Lernende, Berufsbildner und Schule einfacher zugänglich. Diesen Gesamtüberblick über alle Lernorte schätze ich ungemein.
Digital bedeutet nicht automatisch einfacher. Die Instrumente müssen gepflegt werden, und sowohl Lernende als auch Berufsbildner brauchen Disziplin. Zudem ersetzt keine Software die persönliche Begleitung und das Feedback im Alltag. Gerade unser Beruf lebt von Leidenschaft und Gastfreundschaft. Diese Werte digital zu vermitteln, bleibt eine Herausforderung. Gleichzeitig bietet die digitale Lerndokumentation die Möglichkeit, Arbeitsschritte, Gerichte oder Lernerfolge nachvollziehbar festzuhalten. Entscheidend ist deshalb, die digitalen Hilfsmittel als Unterstützung zu verstehen und nicht als Ersatz für den Menschen.
Die meisten Jungen bewegen sich digital sicher. Trotzdem benötigen auch sie Unterstützung. Der Umgang mit den ihnen so vertrauten sozialen Medien bedeutet nicht automatisch, dass jemand strukturiert dokumentieren, reflektieren und Lernziele festhalten kann.
Definitiv. Früher lag der Fokus stärker auf der Kontrolle. Heute begleiten wir die Lernenden enger in ihrem Entwicklungsprozess. Die Gespräche drehen sich weniger um den Stand des Ordners und mehr um persönliche Fortschritte und konkrete Herausforderungen im Berufsalltag. offen und ehrlich: Auch ich muss in meiner neuen Rolle noch weiter wachsen.
Es kann einen positiven Beitrag leisten. Junge Menschen erwarten heute zeitgemässe Arbeits- und Lernformen. Entscheidend ist aber nicht die Technologie selbst, sondern die Qualität der Ausbildung. Digitalisierung allein gewinnt keine Lernenden, gute Berufsbildner und spannende Entwicklungsmöglichkeiten schon.
Unser Beruf lebt von Menschen. Gastfreundschaft, Teamarbeit, Vorbildfunktion und persönlicher Austausch können nicht digitalisiert werden. Die besten Lernerfolge entstehen nach wie vor im gemeinsamen Arbeiten, Beobachten und Ausprobieren.
Ich empfehle klar, offen an das Thema heranzugehen. Skepsis ist erlaubt und oft sogar gesund. Entscheidend ist aber auch, den praktischen Nutzen zu prüfen. Die Digitalisierung ersetzt nicht die Berufsbildung, sie kann sie aber sinnvoll unterstützen. Am Ende bleibt die Beziehung zwischen Berufsbildnern und Lernenden einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren.

Digitale Lernlösungen sollen die Zusammenarbeit zwischen Betrieb, Berufsfachschule und überbetrieblichen Kursen ÜK vereinfachen und den Ausbildungsalltag effizienter gestalten. Sie schaffen Transparenz über den Lernfortschritt, erleichtern die Begleitung der Lernenden und machen aktuelle Lerninhalte jederzeit und ortsunabhängig verfügbar.
Wigl setzt im Auftrag von Hotel & Gastro formation Schweiz die Digitalisierung der Lerndokumentation sowie der ÜK-Unterlagen für die gastgewerblichen Berufe um. Die Hotel & Gastro formation entwickelt sie.
Alle Beteiligten arbeiten mit derselben Informationsgrundlage und erhalten Einblick in Lernfortschritte, Berichte und Kompetenzen. Dadurch werden Rückmeldungen besser abgestimmt, Doppelspurigkeiten vermieden, und die Ausbildung kann gezielter begleitet werden.
Die digitale Lerndokumentation ist jederzeit verfügbar und kann mit Fotos, Videos und weiteren Inhalten ergänzt werden. Lernprozesse werden anschaulicher dokumentiert, und Rückmeldungen können zeitnah erfolgen. Gleichzeitig bleiben sämtliche Einträge langfristig erhalten und stehen den Lernenden auch nach dem Lehrabschluss zur Verfügung.
Berufsbildende haben den aktuellen Ausbildungsstand jederzeit im Blick, können ÜK-Berichte direkt einsehen und Bildungsberichte erstellen, ohne Angaben nochmals übertragen zu müssen. Lernende wiederum finden alle wichtigen Ausbildungsunterlagen, Praxisaufträge und Rückmeldungen an einem Ort.
«Lernen wird individueller, flexibler und stärker digital unterstützt.»
Besonders geschätzt werden die Zeitersparnis im Ausbildungsalltag, die einfache Zusammenarbeit zwischen den Lernorten und die Übersicht über den Ausbildungsstand. Kritische Rückmeldungen betreffen anfänglich meist die Umstellung von papierbasierten Prozessen auf digitale Arbeitsweisen. Mit einer praxisnahen Einführung zeigt sich jedoch rasch, dass die neuen Abläufe den Alltag erleichtern.
Digitalisierung soll Abläufe vereinfachen und nicht zusätzliche Arbeit schaffen. Deshalb stehen eine intuitive Bedienung, automatisierte Prozesse und ein klarer Nutzen im Zentrum. Ergänzend unterstützen Onboardings Berufsbildende und Lernende dabei, die digitalen Werkzeuge effizient einzusetzen.
Digitale Werkzeuge übernehmen einen Teil der administrativen Aufgaben. Dadurch bleibt mehr Zeit für das persönliche Begleiten, Fördern und Coachen der Lernenden – also genau dort, wo Berufsbildende den grössten Mehrwert schaffen.
Eine moderne Ausbildung mit digitalen Lernmedien entspricht den Erwartungen vieler junger Menschen. Zudem erwerben sie digitale Kompetenzen, die auch im späteren Berufsalltag zunehmend gefragt sind. Das stärkt die Attraktivität der gastgewerblichen Grundbildung.
Kurze, flexible Lerneinheiten und individualisierte Lernpfade werden weiter an Bedeutung gewinnen. KI-gestützte Lernangebote können ebenfalls die persönliche Förderung gezielt ergänzen. Die Lernplattform wird kontinuierlich weiterentwickelt.
Praktische Fertigkeiten, Fachgespräche und der persönliche Austausch zwischen Berufsbildenden und Lernenden bleiben unverzichtbar. Digitale Lösungen sollen diese Elemente unterstützen, aber nicht ersetzen. Die praktische Leistung und die persönliche Begleitung bleiben das Herzstück einer funktionierenden Berufsbildung.
Es wird individueller, flexibler und digitaler. Entscheidend bleiben aber die praktische Ausbildung im Betrieb und die persönliche Begleitung der Lernenden.