Overtourism oder Fehlprogrammierung?

Die Gastkolumne – diese Woche von: Pascal Jenny, Kurdirektor, Arosa Lenzerheide.

Pascal Jenny spricht über die Probleme des Tourismus in der Schweiz. (ZVG)

Ferienregionen ohne einen grossen Gästeanteil aus Asien oder den arabischen Ländern blicken auf eine Dekade mit wenig erfolgreichen Sommersaisons zurück. Jammern und die Diskussion, ob man als winterdominierte Destination im Sommer überhaupt noch öffnen soll, klingen noch immer in den Ohren.

In den letzten zwei Jahren hat sich der Wind jedoch gedreht. Die alpinen Anbieter in der Schweiz haben den Pessimismus abgelegt und stark mitgeholfen, den Sommer zu emanzipieren. Investitionen in Familienangebote, Kooperationen im Eventbereich über ganze Destinationsgrenzen hinaus wie Bike Epic in Graubünden, Outdoor-Erlebnisoffensiven wie Wanderprodukte oder Naturinszenierungen tragen zum Erfolg bei. Während sich bekannte Städte und ausgewählte Bergbahnen im Berner Oberland immer mehr mit Warnsignalen in Richtung «genug ist genug» auseinandersetzen müssen, ist man davon 
im übrigen Berggebiet – trotz erfreulicher Gästezunahme - noch weit entfernt. Trotzdem spürt man auch in diesen Regionen einen zunehmenden Druck, vor allem bei den Touristinnen und Touristen selbst. Kurz anstehen ist Inspiration!

In Arosa purzeln bei der Weisshorn-Bahn mit Mittelstation und Gipfelausstieg dank des neuen Arosa Bärenlands fast täglich die Rekorde. Nicht selten steht man in der Talstation auch mal 15 Minuten in der Schlange. Da Arosa Lenzerheide nebst dem bärenstarken «Tierschutz & Tourismus»-Leuchtturm auch in Bike-Tourismus, Wanderkreationen und Erlebniswege investiert, werden die Besucher bewusst und gezielt gelenkt. So werden beispielsweise die Biker zuerst in die Gondel gelassen. Die Fussgänger erst danach. Mehrfach musste ich diesbezüglich Unverständnis der Gäste feststellen. Man ist nicht mehr bereit, auch einmal 10 Minuten hinter der Schiebetür zu warten. Aus meiner Sicht gerade in Arosa unverständlich, bieten wir doch im Warteraum der Talstation interessante und attraktiv gestaltete Wissensvermittlung zum Leben der Bären. Dies ist in der Freizeitindustrie heute Standard, denn es gibt praktisch kaum mehr Warteräume ohne spannende Informationsangebote.

Im Zeitalter der Digitalisierung wird so gestaltetes Warten zum Teil des Gesamterlebnisses, etwa wenn die Bergblumenwelt präsentiert wird, die später auf der Gipfelwanderung erlebbar ist. Motzen in den Ferien macht keinen Spass. Ein wenig warten hat mit Overtourism nichts zu tun, und ein bisschen Entschleunigung in den Ferien hat noch niemandem geschadet. Im Gegenteil!