«Wein wird oft nur angeboten, aber nicht wirklich vermittelt»

Das Weinkollektiv bietet ein Netzwerk, das Schweizer Wein mit einem jüngeren Publikum verbindet. Ein Beispiel dafür ist «Le Grand Hôtel du Vin» in Luzern.

Dominik Inal ist überzeugt, dass zeitgemässe und ehrliche Weinvermittlung generationenübergreifend funktioniert. (ZVG)

Dominik Inal, am 30. und 31. Januar organisieren Sie im Hotel Schweizerhof in Luzern die zweite Ausgabe von «Le Grand Hôtel du Vin». Was erwartet die Besucherinnen und Besucher?

Die Veranstaltung verbindet eine klassische Weinmesse mit einem kuratierten Weinerlebnis. In zwei Themenwelten sowie 15 Hotelzimmern präsentieren 25 Schweizer Winzerinnen und Winzer ihre Weine. Dazu kommen ein Sensorium zur bewussten Sensibilisierung der eigenen Sinne sowie Mini Chocolate Pairings von Max Chocolatier. Die beiden Themenwelten widmen sich biodynamischen Weinen und Luzerner Betrieben.

Mit «Le Grand Hôtel du Vin» setzen Sie ein Zeichen.

Genau. Wir schaffen eine ruhige Szenerie. Besucherinnen und Besucher erhalten Einblick hinter die Kulissen eines Fünf-Sterne-Hauses und begegnen gleichzeitig dynamischen Schweizer Weinbaubetrieben: persönlich, entschleunigt und auf Augenhöhe.

Sie sind Initiant des Weinkollektivs. Was ist dessen Ziel?

Das Weinkollektiv ist eine Plattform und ein Netzwerk mit dem Ziel, Schweizer Wein zeitgemäss zu vermitteln. Wir bringen Weinbaubetriebe mit Konsumierenden zusammen und entwickeln Formate, die Wein zugänglich und erlebbar machen.

Wie gehen Sie vor?

Wir nutzen unterschiedlichste Formate. Das reicht von Events über Podcasts, Weinspicks und Kolumnen bis hin zu geführten Wine Trails. Allen Formaten gemeinsam ist der Anspruch, Wein kreativ, niederschwellig und zeitgemäss zu vermitteln – und so aktiv zur Weiterentwicklung der Weinkultur beizutragen.

Der Konsum von Alkohol wird kontrovers diskutiert. Was sagen Sie dazu?

Den Konsum von Alkohol kritisch zu hinterfragen, ist per se legitim und vielleicht auch notwendig. Wein ist mehr als reiner Alkohol. Er steht für gemeinsames Erleben, für Austausch, für Momente, in denen Menschen zusammenkommen. Es geht nicht um möglichst viel, sondern um bewusst.

Wie sind Sie auf den Geschmack von Wein gekommen?

Ungewöhnlich früh. Bereits mit 16 Jahren hat mich Wein deutlich mehr interessiert als Bier oder Alcopops. Mich faszinierte schon früh, dass ein Getränk so viel Tiefe und Ausdruck haben kann. Später begann ich, mich intensiver mit Wein zu beschäftigen, mehr zu probieren, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu verstehen. Das war der Startschuss meiner beruflichen Weinreise.

«Mit 20 wurde aus Neugier echtes Interesse.»

Einerseits spricht die Branche von Absatzproblemen. Andererseits sind viele Weine bereits ausverkauft. Wie sehen Sie die aktuelle Situation auf dem Weinmarkt?

Dass einzelne Winzer ausverkauft sind, zeigt mir: Es ist noch kein generelles Absatzproblem, sondern mehr ein Vermittlungsdefizit. Ich erlebe die Branche im Umbruch. Vielen Betrieben bricht ihr klassisches Publikum weg. Gleichzeitig stehen auf zahlreichen Weingütern Nachfolgeregelungen an, oft verbunden mit familiären Spannungen, kultureller Erwartung, aber auch dem Wunsch, der Tradition nachzukommen. Das ist alles andere als einfach. Hinzu kommt die grosse Herausforderung, ein jüngeres Publikum zu erreichen. Nicht weil dieses kein Interesse an Wein hätte, sondern weil es anders tickt, anders konsumiert und anders angesprochen werden will.

Braucht es ein neues Weinmarketing?

Aus meiner Sicht: Ja. Ich rate den Winzerinnen und Winzern, die sozialen Medien konsequent als günstige Verkaufs- und Kommunikationsplattformen zu nutzen. Das Potenzial ist aus meiner Sicht riesig, wird aber von wenigen Schweizer Betrieben wirklich genutzt. Dabei geht es nicht um Trends oder Tänze, sondern um Nähe, Einblicke und Kontinuität. Wer Nähe schafft und sichtbar ist, kann den Sprung schaffen.


«Persönlichkeit schafft Vertrauen. Genau das ist entscheidend.»


Was müsste sich ändern?

Viele Betriebe machen hervorragenden Wein, zeigen aber auf den Webseiten oder in sozialen Medien fast ausschliesslich Reben, Keller oder Flaschen. Was fehlt, sind die Menschen und die Namen dahinter. Wichtig ist auch, dass die Weinsprache zugänglicher wird. Weniger Fachbegriffe, weniger Abgrenzung, mehr Emotionen und Alltag. Wein muss nicht kompliziert erklärt werden, um ernst genommen zu werden.

Wie kann die Gastronomie Wein besser in Szene setzen?

Wein wird oft angeboten, aber nicht wirklich vermittelt. Zu umfangreiche Weinkarten helfen bei der Auswahl wenig. Sie sind für die meisten Gäste eher abschreckend als unterstützend. Dabei trinken viele Menschen gerne Wein, haben aber wenig Fachwissen. Genau hier könnte die Gastronomie ansetzen: mehr Orientierung auf einen Blick, mehr Mut zur Vereinfachung. Erklären, ohne zu belehren. Wenn die Auswahl leichter wird und Freude macht, wird Wein auch besser angenommen.

(Gabriel Tinguely)


Mehr Informationen unter:

weinkollektiv.ch


Zur Person

Dominik Inal ist Weinexperte und Initiator des Weinkollektivs. Sein Fokus liegt darauf, Wein über kreative Formate neu zu denken und Menschen einen offenen, zeitgemässen Zugang zur Schweizer Weinkultur zu ermöglichen.